Innovative Produkte

Hygiene – jetzt packen die Start-ups an

Foto: Leibniz-Institut

Das Coldplasmatech-Team des Leibniz-Instituts: Die von ihm entwickelte Wundauflage wirkt in Verbindung mit diesem Gerät aseptisch und fördert den Heilungsprozess selbst von größeren Wunden wie einem Druckgeschwür oder offenen Beinen.

Womit beschäftigen sich Start-ups der Biotech-Branche? Mit Gen-Diagnostik und personalisierter Medizin. Sicherlich. Aber nicht mit Hygiene, nosokomialen Infekten und chronischen Wunden, oder? Doch, auch das gibt es: hippe, junge Unternehmen, die sich diesen glanzlosen Themen widmen – und dann auch noch mit großem Erfolg.

Das Coldplasmatech-Team vom Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie aus Greifwald steht kurz vor seinem Durchbruch: Im Sommer 2015 wird seine polymerbasierte Wundauflage voraussichtlich die Zulassung erhalten. Es handelt sich um ein Produkt der Plasmamedizin – das bedeutet: Elektronen werden durch ein komplexes Verfahren aus ihren Atomhüllen herausgeschlagen; so entsteht ein geladenes leitfähiges Gas, das auch elektromagnetische Strahlung enthält. Dieses aktivierte Gas, das nicht wärmer als 40 Grad Celsius ist, wirkt antiseptisch, außerdem fördert es die Wundheilung. Seit 2013 gibt es ein erstes zugelassenes Medizinprokukt mit dieser Technologie in Form eines Stiftes. Es ist aber eher für kleinere Wunden wie OP-Narben geeignet. „Mit der neuen Wundauflage können wir ein kaltes physikalisches Plasma im großflächigen Wundbereich erzeugen – so lassen sich auch chronische Wunden wie Dekubitus, der diabetische Fuß und Verbrennungen mit der Methode behandeln”, sagt Tobias Güra, der Medizinökonom im vierköpfigen Team von Coldplasmatech.

Eine klinische Studie ist für die Zulassung nicht mehr zwingend nötig, weil die Firma Neoplastools, eine Ausgründung des INP, mit dem Stift bereits die Wirksamkeit bei Wunden nachgewiesen hat. Güra: „Wir müssen unsere Methode, bei der das Plasmapatch an einen automatischen Behandlungsapparat angeschlossen wird, noch durch die Zulassung bringen.” Danach möchte sich Coldplasmatech ausgründen und Produktion und Vertrieb in Eigenregie übernehmen – möglicherweise mit einem Partner. Mindestens bis dahin wird das Projekt vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert.

Curetis plant Sepsis-Kartuschen
Da chronische Wunden oft auch von Multiresistenten Erregern (MRE) besiedelt werden oder es bereits sind, ist die Plasmapatch-Methode auch ein weiteres hilfreiches Instrument im Kampf gegen nosokomiale Infekte – wenn auch nicht unmittelbar. Wirkungsvoll wie Händewaschen und andere Regeln der Hygiene sind mittelbare Strategien aber in jedem Fall. So wie auch das Diagnostiksystem von Curetis, einem Start-up aus Holzgerlingen in der Nähe von Stuttgart. Das System ermöglicht eine Diagnose innerhalb von vier bis fünf Stunden von schweren Infektionen bei Krankenhauspatienten. Bisher gibt es Kartuschen für die Pneumonie und Implantat- und Gewebeinfektionen. So erkennt das System etwa 17 unterschiedliche Erreger der Lungenentzündung; zugleich enthält es 22 Resistenzmarker, die Aufschluss darüber geben, welches Antibiotikum wirkt und welches nicht. Die präzise Diagnose liegt sehr viel schneller vor als bei einer Blutkultur. So ist eine gezielte Behandlung innerhalb von Stunden möglich – das kommt dem Patienten zugute und verhindert die Entwicklung von Antibiotika-Resistenzen, weil es keine vorläufigen – und möglicherweise irrigen – Verordnungen mehr gibt.

In den nächsten Jahren plant Curetis weitere Kartuschen für schwere Magen-Darm-Infektionen und für Sepsis. „Außerdem testen einige deutsche Kinderkrankenhäuser zurzeit unsere Anwendungen in der Pädiatrie”, sagt Curetis-Chef Oliver Schacht. Im Regelbetrieb hat Curetis insgesamt circa 60 Systeme in Europa – hier vor allem in den deutschsprachigen Ländern – und in den USA. Zu den Referenzzentren gehören die Universitätskliniken in Essen und Basel, ein städtisches Klinikum in Wien, aber auch Privatlabore wie Limbach. Gegründet wurde Curetis 2007 aus dem Philips Konzern heraus von einem Team aus Ingenieuren, Medizinern und Biologen. Die Aktiengesellschaft hat bisher 49,1 Millionen Euro an Eigenkapital eingeworben, fast ein Dutzend Investoren unterstützt sie, unter anderem HBM Partners, Aeris Capital, LSP, Forbion, BioMed Invest, die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), CD Venture und Roche Venture Fund.

Mit PCR gegen unnötige Isolierungen
Wie sehr ein Anbieter mit der Schnelldiagnostik von Krankenhauskeimen wachsen kann, zeigt sich sehr deutlich an Cepheid. Dieses US-amerikanische Börsenunternehmen, das im Nasdaq notiert ist, konnte seinen Umsatz von 2012 auf 2013 um rund 20 Prozent auf 401 Millionen Dollar erhöhen. Cepheid ist Marktführer bei MRE-Schnelltests. Diese liefern innerhalb von ein bis zwei Stunden ein Ergebnis und beruhen auf Polymerasekettenreaktion (PCR). Die traditionelle Kulturmethode in der Petrischale dauert circa 48 Stunden. „Der Vorteil unserer genotypischen und patientennahen Methode ist, dass Kliniken sehr schnell wissen, ob sie einen Patienten tatsächlich isolieren müssen oder die Isolierung gegebenenfalls schnell aufheben können. So sparen sie Kosten, weil es keine aufwendigen und möglicherweise unnötigen Isolierungen gibt”, sagt Claudio Priscoglio, Cepheid-Marketingleiter für Deutschland. Auf der anderen Seite versäumen sie nicht, Patienten in ein Einzelzimmer zu legen, die dringend insoliert werden müssen.

Schnelltests helfen Kosten sparen
Das Iges-Institut hat die Daten von 27 Krankenhäusern verglichen, die MRE entweder mit PCR oder mit dem konventionellen Verfahren diagnostiziert haben. Die Autoren Thomas Kersting und Sebastian Irps kommen zu dem Schluss, dass die PCR-Methode „vermutlich dazu beiträgt, bessere Ergebnisse und niedrigere Kosten zu erzielen”. Auch Curetis arbeitet an Wirtschaftlichkeitsnachweisen: Das Unternehmen hat nach eigenen Aussagen gezeigt, dass sich mit seinem System etwa bei der beatmungsassoziierten Pneumonie (VAP) durch kürzere Liegezeiten zwischen 700 und 1.000 Euro einsparen lassen. „Dazu läuft gerade eine prospektive, interventionelle klinische Studie in den Unikliniken in Hannover und Göttingen, um genau diesen Effekt auch in der Praxis zu belegen. Aber ein echter ‚Beweis‘ lässt sich im Einzelfall eines Krankenhauses nur nachträglich nach ein bis zwei Jahre führen, wenn man zeigen kann, dass die Kosten tatsächlich gesunken sind – und selbst dann weiß man nicht, ob dies allein auf unser System zurückzuführen ist”, sagt Oliver Schacht. Für die Wundauflage des INP gibt es noch keine Auswertungen. Trotzdem zeigt sich an allen drei Firmen: Es lohnt sich für Kliniken, bei der Hygiene auf Wege abseits der Trampelpfade zu schauen.

Kirsten Gaede