kma-online: Herr Gebhardt, die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) befürchtet, dass wegen der zu erwartenden Gehaltssteigerungen bei Ärzten und Pflegekräften ein Milliardendefizit auf die Häuser zukommt. Teilen Sie die Sorgen?
Gebhardt: Ja. Die dramatische finanzielle Situation der Krankenhäuser wird sich im Jahr 2008 noch weiter zuspitzen. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung hat für das laufende Jahr – je nach Tarifabschluss – ein weiteres Defizit von 1,3 bis 2,2 Mrd. Euro prognostiziert. Die Krankenhäuser sind die einzigen Arbeitgeber in Deutschland, die Lohnsteigerungen bei den Mitarbeitern nicht wie in anderen Branchen über höhere Preise oder Gebühren refinanzieren können: Aber auch die Mitarbeiter in unseren Krankenhäusern haben die berechtigte Erwartung nach langen mageren Jahren angemessen am wirtschaftlichen Aufschwung teilzuhaben. Besonders vor dem Hintergrund von rund 70 Prozent Personalkostenanteil im Krankenhaus können von 0,64 Prozent Budgetzuwachs in 2008 keine acht Prozent Lohnzuwachs finanziert werden. Vor dem Hintergrund sprudelnder Beitragseinnahmen bei den Krankenkassen muss im Hinblick auf das anstehende Gesetzgebungsverfahren zum ordnungspolitischen Rahmen der Krankenhausversorgung dringend eine Regelung gefunden werden, die eine volle Refinanzierung von Personalkostensteigerungen durch Tarifabschlüsse ermöglicht.
kma-online: Sind es denn nur die Personalkosten, die den Kliniken zu schaffen machen?
Gebhardt: Nein, es kommen noch vielfältige andere Belastungen wie die explodierenden Energie- und Sachkosten sowie der völlig ungerechtfertige Sanierungsbeitrag der finanziell kranken Krankenhäuser an die finanziell gesunden Krankenkassen hinzu. Der Staat verursacht zudem massive Kostensteigerungen durch die Mehrwertsteuererhöhung und das Arbeitszeitgesetz. Zentrales Problem ist aber die gesetzliche Kappung der Vergütungsanstiege der Kliniken. Die mageren Steigerungsraten für die Krankenhausbudgets von 0,28 Prozent für 2007 und 0,64 Prozent für 2008 werden bereits durch die Rechnungskürzungen um 0,5 Prozent im Rahmen der Sanierungsabgabe aufgebraucht. Die Budgetierung der Krankenhausausgaben muss abgeschafft werden. Es besteht kein schlüssiger Zusammenhang zwischen dem medizinischen Versorgungsbedarf und der Lohn- und Gehaltsentwicklung in der Volkswirtschaft. Die Grundlohndeckelung steht einer adäquaten Gesundheitsversorgung entgegen – sie verhindert Innovationen und Wachstum im Gesundheitswesen.
kma-online: Stichwort Investitionsstau: Wie ist die Situation in NRW?
Gebhardt: Bei allem Verständnis für die Notwendigkeit der Haushaltskonsolidierung des Landes, reichen die 190 Mio. Euro für die neue Baupauschale der Krankenhäuser keinesfalls aus. Um den milliardenschweren Investitionsstau in NRW nicht noch größer werden zu lassen, wäre mindestens eine Verdopplung der vorgesehenen Finanzmittel für die Baupauschale erforderlich. Die Bundesländer stellen den Krankenhäusern immer weniger Investitionsmittel zur Verfügung. Der deutliche Rückgang der Fördermittel schlägt sich in einer für den Krankenhaussektor ermittelten Investitionsquote nieder, die von 24,9 Prozent im Jahre 1972 auf heute nur noch 4 Prozent gesunken ist. Nordrhein-Westfalen ist in der Finanzierung von Krankenhausinvestitionen pro Bett seit 1991 bundesweit absolutes Schlusslicht. Auch in Bezug zur Bevölkerungszahl liegt Nordrhein-Westfalen mit einem enttäuschenden 14. Platz am unteren Ende der Krankenhausförderung der Bundesländer
kma-online: Das Jahr 2008 wird spannend für die Krankenhäuser. Unter anderem befinden sie sich in der “Endrunde” der Konvergenzphase der Umstellung der Krankenhausvergütung auf Fallpauschalen (G-DRGs). Um welche Weichenstellung geht es da eigentlich genau?
Gebhardt: Die Krankenhäuser brauchen angesichts der Veränderungen und des Reformtempos der vergangenen Jahre vor allem zwei Dinge: Planungssicherheit und verlässliche Entscheidungen mit Augenmaß. Der von einigen Krankenkassenvertretern gewünschte Einstieg in Einkaufsmodelle mit selektiven Einzelverträgen zwischen Krankenhäusern und Krankenkassen wird von uns strikt abgelehnt. Denn kassenspezifische Einzelverträge bei freier Preisgestaltung sind mit einer bedarfsgerechten Versorgung der Bevölkerung nicht zu vereinbaren. Es käme zu einem Preissenkungswettbewerb und Preisdumping mit der Folge einer weiteren Verschärfung der Unterfinanzierung der Krankenhäuser. Der Wettbewerb um die Patienten muss auch zukünftig als Wettbewerb um die beste Qualität und nicht als Preiswettbewerb ausgestaltet sein. Wir müssen darauf achten, dass die Patientensouveränität durch gesetzliche Regelungen nicht eingeschränkt wird und die Patienten ihr Krankenhaus auch in Zukunft frei wählen können. Nur gleiche Preise für gleiche Leistungen und damit für alle klare und transparente Vergütungsregelungen stellen die Krankenhausversorgung auch in der Fläche sicher.
kma-online: Und was erwarten die Kliniken in Nordrhein-Westfalen?
Gebhardt: Aus NRW-Sicht erwarten wir zudem eine klare Perspektive Richtung Bundesbasisfallwert. Unsere Krankenhäuser bekommen durch einen relativ niedrigen Landesbasisfallwert jährlich circa 250 – 300 Mio. Euro weniger für ihre Leistung, als sie bei einem einheitlichen Wert für alle Krankenhäuser in Deutschland bekämen. Hierdurch wird Wirtschaftlichkeit in NRW-Krankenhäusern bestraft. Das G-DRG-System wurde langfristig als bundesweit einheitliches Vergütungssystem konzipiert. Deshalb ist für uns klar, dass das Ende der Konvergenzphase nicht das Ende des Entwicklungsprozesses darstellen kann.
kma-online: Ein weiteres “stationäres Thema” beim Kongress in Essen ist die Qualitätsoffensive der Kliniken. Warum ist Transparenz so wichtig im Wettbewerb?
Gebhardt: Die Qualität im Gesundheitswesen ist für die Krankenhäuser vor dem Hintergrund des zunehmenden Wettbewerbs der Krankenhäuser untereinander und mit anderen Leistungserbringern das Megathema der Zukunft. Die KGNW unterstützt die Anstrengungen der Krankenhäuser bei der Weiterentwicklung der Qualitätssicherung im Krankenhaus nachhaltig. Wir haben Anfang Februar beim “2. Krankenhaus-Qualitätstag” Preise für die besten Projekte im Qualitätsmanagement von Krankenhäusern in NRW verliehen. Im Jahr zuvor haben wir als eine der ersten Institutionen im Gesundheitswesen die besten strukturierten Qualitätsberichte gewürdigt und einen Handlungsleitfaden für Qualitätsmanagement- und Zertifizierungsmethoden im Krankenhaus veröffentlicht.
kma-online: Zur Transparenz gehört auch eine strategische Öffentlichkeitsarbeit. Haben das die verantwortlichen Manager erkannt oder fristet PR-Arbeit in vielen Krankenhäusern noch ein stiefmütterliches Dasein?
Gebhardt: Der Krankenhausmarkt befindet sich in einem gravierenden Wandel. Bereits heute müssen sich alle Krankenhäuser der zunehmenden Konkurrenz untereinander und einem verschärften Wettbewerb stellen. Informationsbedürfnisse verschiedener Medien und auch der Patienten steigen. Dabei geht es neben positiven Meldungen wie z. B. Einweihung von Neubauten oder Zertifizierungen auch um die sorgfältige Vorbereitung von Krisenkommunikation. Die Darstellung des individuellen Profils eines Krankenhauses wird immer entscheidender. Auch der mediale Auftritt im Internet wird als Informationsquelle zunehmend wichtiger. Transparenz und eine langfristig angelegte Medienarbeit sind wesentliche Kriterien, damit Krankenhäuser sich in Zukunft erfolgreich positionieren können. Die meisten Krankenhäuser haben dies schon erkannt und sich auch personell entsprechend aufgestellt. Aber Ihr Eindruck ist sicher nicht ganz falsch, dass einige Krankenhäuser an dieser Stelle auch noch Nachholbedarf haben.

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Das Deutsche Gesundheitssystem
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6. Rhein-Main-Zukunftskongress
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Prüfung durch den MDK - Stationäre Behandlung - Wie gehen wir im Klinikalltag mit der aktuellen Rechtsprechung um?...
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Prüfung durch den MDK - Stationäre Behandlung - Wie gehen wir im Klinikalltag mit der aktuellen Rechtsprechung um?...
Stuttgart - 13.06.2012
Hauptstadtkongress 2012 Medizin und Gesundheit
Berlin
19.03.2008
Interview mit Karsten Gebhardt, Präsident der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfallen.
”Steigende Kosten, sinkende Einnahmen”
Deutschlands Kliniken schlagen Alarm. Die Finanzsituation in vielen Häusern sei extrem angespannt, hört man die Manager stöhnen. Schuld daran seien die mageren Steigerungsraten für die Krankenhausbudgets. Die Zukunft des stationären Sektors ist auch Schwerpunkt beim Gesundheitskongress des Westens 2008 am 2./3. April in Essen, zu dem rund 650 Fachbesucher erwartet werden. Wir sprachen im Vorfeld mit Karsten Gebhardt, Präsident der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfallen. Die KGNW vertritt knapp 450 Kliniken und ist Kooperationspartner beim Kongress.
E.B./R.P.









