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PflegeKompetenzen
Kehrtwemde

Früher war es in Deutschland Ost und Deutschland West selbstverständlich, dass Schwestern und Pfleger auch bestimmte medizinische Tätigkeiten übernahmen, beispielsweise intravenöses Spritzen, Blutabnehmen oder auch komplizierte Verbandswechsel. In den meisten Nachbarländern ist das auch heute noch so. Teilweise geht man dort sogar erheblich weiter. So sollen beispielsweise in England Schwestern demnächst nach entsprechender Fortbildung auch einfachere Operationen übernehmen.

In Deutschland sind wir davon inzwischen weit entfernt. Hier werden die Rechte und Pflichten von Haus zu Haus, von Station zu Station und im Extremfall von Arzt zu Arzt und Schwester zu Schwester unterschiedlich gehandhabt. Im Zweifel raten die Pflegeverbände und die Gewerkschaft Verdi dazu, gar keine medizinischen Tätigkeiten zu übernehmen. Wie soll man Arbeitsabläufe in einem Krankenhaus effektiv organisieren, wenn jeder Mitarbeiter für sich selbst entscheidet, was er genau zu tun bereit ist, und die Verteilung von Tätigkeiten sich nicht nach dem reibungslosen Ablauf richtet, sondern nach der individuellen Verantwortungsbereitschaft?
Aber nicht nur die Klinik hat Nachteile von der momentanen Situation. Auch Schwestern und Pfleger selbst leiden darunter. Sie sind häufig zu reinen Handlangern der Ärzte geworden. Dafür wäre die umfassende Ausbildung, die sie nach wie vor erhalten, nicht erforderlich. In anderen Branchen hat sich längst die Erkenntnis durchgesetzt, dass mehr Handlungsfreiheit und Verantwortung bei jedem Arbeitnehmer zu mehr Motivation und Arbeitszufriedenheit führen. Wer wie die Pflegeverbände permanent – und zu Recht – über die abnehmende Attraktivität des Berufsstands lamentiert, muss sich fragen lassen, was er selbst dazu beiträgt. Dogmatische Abgrenzung um der Abgrenzung willen, wie sie in Deutschland seit Jahren betrieben wird, schadet in erster Linie den eigenen Leuten, denen man doch angeblich helfen will.

Wenn jetzt erste öffentliche und private Klinikunternehmen dazu übergehen, ihren Schwestern und Pflegern wieder mehr Kompetenzen zu geben und von ihnen die Übernahme von mehr Verantwortung zu verlangen, ist das eine begrüßenswerte Kehrtwende. Hoffentlich werden viele folgen. Die Argumente, die dagegen vorgebracht werden, sind fadenscheinig. Die angeblich so komplizierten juristischen und versicherungstechnischen Probleme lassen sich, wie man sieht, mit ein wenig Phantasie ganz leicht ausräumen. Und wer sich beklagt, es würden Gruppen unterschiedlicher Qualifikation entstehen, wenn einige dabei nicht mitmachen wollen, dem kann man nur sagen: Gut so. Mit Beamtenmentalität kommen wir nicht weiter. Zusatzqualifikationen werden die Spreu vom Weizen trennen. Und die Patienten, um die es doch eigentlich allen gehen sollte, werden davon profitieren.

Und die betroffenen Schwestern und Pfleger sollten sich einmal überlegen, was ihre so genannten Interessenvertreter in den Verbänden eigentlich für sie leisten. In vielen Aspekten hinkt die Pflege in Deutschland den internationalen Entwicklungen weit hinterher, und die Verbände tragen ein gerüttelt Maß Schuld daran. So etwas muss man sich nicht gefallen lassen.  <<

 

KMA 01/2005 - Seite: 082

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