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Mit Herz und Blut
Porträt Axel Ekkernkamp

Axel Ekkernkamp ist Arzt, Manager und Politiker – und überall ist er gut. Er hat das Unfallkrankenhaus Berlin zum Erfolg geführt, saß in der Herzog-Kommission und trägt das Bundesverdienstkreuz. Erfolg hat er, weil er sich seinen Projekten mit Leidenschaft widmet und weil er die Menschen in seiner Umgebung ernst nimmt.

Ekkernkamp wirkt aufgeräumt. Mit großen Schritten geht er, hat einen festen Händedruck, sieht dem Gegenüber direkt in die Augen. Was passiert jetzt, scheint er zu fragen. Den weißen Kittel tauscht er auf Bitten des Fotografen ohne Federlesens gegen ein Jackett. Schnell ist er zurück und seine Haltung drückt wieder die Aufforderung aus: Los komm, wir haben etwas vor! Axel Ekkernkamp ist in Bewegung, ohne Unruhe zu verbreiten. Seine Art zu reden, bringt Schwingung in den Raum. Gleichzeitig gestattet er sich Gesprächspausen, wenn er über eine Frage nachdenken möchte. Was er dann sagt, wirkt stets wohlbedacht.

Seit 1994 ist der 47-jährige Ekkernkamp Klinikdirektor, seit 1996 Ärztlicher Direktor und inzwischen auch Geschäftsführer des Unfallkrankenhauses in Berlin-Marzahn. Als ihm die Aufgabe angetragen wurde, wusste er nicht einmal, wo Marzahn ist. Heute erzählt er voller Vergnüglichkeit von seiner Unbedarftheit damals, die sich nicht nur auf den einem Westdeutschen fremden Bezirk des einstigen Ost-Berlins bezog. “Als ich das erste Mal auf das Gelände kam, gab es hier noch nichts”, sagt er. Es war kein Grundstein gelegt, niemand wusste, wohin sich das Ganze entwickeln sollte. Und der Bau des 68. Krankenhauses der Stadt hatte nicht nur Befürworter. Dennoch: “Für mich war Marzahn ein Glücksfall”, resümiert er, trotz aller Unwägbarkeiten. Immerhin bekam er hier nicht nur einen Neubau, sondern eine vollständig neue Klinik in die Hand.

Ekkernkamp kam von der Universitätsklinik Bochum, wo er nach dem Studium eigentlich nur ein Jahr bleiben wollte. Orthopäde war sein Berufsziel und auf dem Weg dorthin wollte er in Bochum Unfall- und Akutmedizin lernen. Geblieben ist er dann mehr als ein Jahrzehnt, bis zum Ruf nach Berlin. Er hat sich wohl gefühlt in Bochum, was die meisten gerade mal vom Durchfahren kennen. Ekkernkamp mag die Mentalität der Ruhrgebietler. “Die sind offen und direkt”, erklärt er seine Sympathie und die Patienten seien angenehm, weil sie dem Arzt ohne großes Hin und Her sagten, was sie für ein Problem haben. Das gefällt ihm, damit kann Ekkernkamp etwas anfangen.

Am Ende ist er nicht Orthopäde, sondern Unfallchirurg geworden und als solcher hat er Anfang der 90er-Jahre mit der Bundeswehr an der UN-Friedensmission UNTAC in Kambodscha teilgenommen. Soldat sein ist wichtig für das Einzelkind, das spät, erst nach 16 Ehejahren der Eltern geboren wird: “Entweder bleibt man als Einzelkind immer alleine oder man wird Gruppenmensch.” Ekkernkamp wurde Gruppenmensch. Mit 14 Jahren trat er in die Schülerunion ein, bis heute hat er Kontakt zum Militär. Die 9-Betten-Stube der ersten Monate konnte ihn nicht schrecken. Im Gegenteil: “Das weckt Gemeinschaftssinn”. Und der ist ihm wichtig. Ekkernkamp ist heute Oberstarzt der Reserve.

Mit 14 Jahren erlitt Axel Ekkernkamp einen dramatischen Verlust: Von heute auf morgen verlor er durch einen Herzinfarkt seinen Vater. Die Eltern waren gerade dabei, ein Haus zu bauen, und der Junge musste nun schnell erwachsen werden. “Mein Leben ist dadurch ernsthafter geworden”, glaubt er. Der Pubertierende bekam eine Eurocheck-Karte und kümmerte sich um die Rechnungen für das Haus. In einer solchen Situation ist Selbstständigkeit gefordert und Entscheidungskraft. Vielleicht hat er daher die Ausstrahlung eines Menschen, der sich durchsetzen kann.

Als es darum ging, einen Studienwunsch zu entwickeln, gab es für Axel nur zwei Möglichkeiten: Jura oder Medizin. In der Familie des Vaters gab es durchweg Juristen. Trotzdem entschloss er sich für Medizin, weil es für ihn keinen anderen Beruf gibt, in dem man ein so breites Spektrum an Möglichkeiten hat. Für jeden gibt es eine Nische: “Der Hausarzt auf dem Land und der Pharmakologieprofessor haben kaum etwas miteinander zu tun, aber beide haben Medizin studiert.” Bis heute empfiehlt er jungen Leuten unbedingt dieses Fach. Ekkernkamp hat einen Lehrstuhl an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald und bietet dort auch Schnupperkurse für Abiturienten an: “Denen sage ich, dass Arzt das Beste ist, was man machen kann. Der Beruf ist herausfordernd, macht Spaß und ist international.” 

Mit der Spezialisierung zum Unfallchirurgen habe er sich allerdings um einige Möglichkeiten gebracht: Sich niederzulassen finde man nicht mehr so spannend, wenn man schon mal Menschen helfen konnte, die lebensbedrohlich verletzt waren. Da ist ein Speichenbruch keine Herausforderung mehr. Auch die Mobilität, von der er einst träumte, ist nun eingeschränkt: Unfallchirurgie gibt es nur im deutschsprachigen Raum. Aber Ekkernkamp fühlt sich wohl da, wo er jetzt ist: “Dieses Haus ist mein Baby”, sagt er, und er ist auch in anderen Missionen ausreichend in der Welt unterwegs. Ekkernkamp reist fast monatlich in die USA, um auf dem Stand der Dinge zu sein, sieht sich neue Operationsverfahren an. Im vorigen Jahr war er mit dem Berliner Regierenden Bürgermeister in Moskau, um die Gesundheitsstadt Berlin als Wirtschaftsstandort zu präsentieren. Vor ein paar Monaten begleitete er Bundeskanzler Schröder nach Djerba und Jemen.

Politik und Wissenschaft sind sein zweites und drittes Standbein. Vielleicht auch sein erstes und zweites. Es ist nicht wirklich heraus zu bekommen. Leidenschaft spürt man, egal, über welche seiner Tätigkeiten er spricht. Er arbeitet rund 16 Stunden am Tag, für Hobbys bleibt kaum Zeit. Im Jahr 2003 war Ekkernkamp Mitglied der Herzog-Kommission, die als Konkurrenz zur Rürup-Kommission gebildet wurde und die Aufgabe hatte, ein Unionskonzept für den Umbaus der Sozialversicherungen zu erarbeiten. Herausgekommen ist die Gesundheitsprämie. Bisher – wie Ekkernkamp betont. “Vieles von dem, was wir erarbeitet haben, ruht. Man wird auf unsere Vorschläge und Analysen zurückkommen.”

Geholt hatte ihn für die Kommission Angela Merkel, die sich nach einem Vier-Augen-Gespräch für ihn entschied. “Ich habe immer Ja gesagt, wenn man mich gefragt hat”, sagt Ekkernkamp, der schon einmal als Staatssekretär von Horst Seehofer gehandelt wurde, auf die Frage, ob er sich nach der vorgezogenen Neuwahl einen Posten im Gesundheitsministerium vorstellen könne.
Jedenfalls hat ihn die in einer tiefen Führungskrise befindliche Berliner CDU gerade mit dem besten Wahlergebnis des Parteitags und einem an DDR-Verhältniss erinnernden Stimmenanteil von rund 95 Prozent zu einem ihrer stellvertretenden Landesvorsitzenden gewählt. Und der neue Vorsitzende ist erklärtermaßen eine Übergangskandidat.

Marzahn ist Ekkernkamps Lebenswerk, und geschafft hat er hier viel, der Arzt, der als Geschäftsführer gleichzeitig Manager sein muss: Alle 13 Operationssäle sind gleich ausgestattet. Meinen OP oder deinen OP gibt es nicht. Hier wird nach Bedarf genutzt und nicht, weil genutzt werden muss. Am Anfang war er skeptisch, ob das klappen würde, weil Erbhöfe und Hierarchien in Krankenhäusern noch immer zur Tradition gehören. Aber es hat funktioniert, weil: “Wir haben alle am selben Tag auf der grünen Wiese angefangen, da gab es noch keine Kittel.”
Der Erfolg des Unfallkrankenhauses Berlin ist ganz wesentlich Ekkernkamps Persönlichkeit geschuldet. Seiner Sturheit wegen wurde das Haus beispielsweise Liebling der Rettungsdienste. Ekkernkamp nimmt jeden Patienten auf. Das ist für ihn selbstverständlich. Aber als er in Berlin anfing, sollte er täglich melden, wie viele Intensiv-Betten er frei hat. Warum, hat er den Beamten gefragt. Die Antwort: “Wenn Sie voll sind, fahren wir Sie nicht mehr an”, war Ekkernkamp so unverständlich, dass er täglich alle Notfallbetten frei meldete – und daraufhin gar keine Meldung mehr abgeben musste.
Die Klinik war weltweit die erste, die vollständig auf digitales Röntgen setzte. Bereits Anfang der 90er-Jahre, als Internet für viele noch ein Fremdwort war, hat Ekkernkamp ein Intranet und eine Webseite für das Unfallkrankenhaus eingerichtet. “Teilweise haben wir auf Feldbetten übernachtet, weil wir befürchteten, dass das System zusammen bricht”, gibt er grinsend zu.

Mit der Gewerkschaft Verdi hat er fünf Jahre lang über einen Haustarif verhandelt, der es ihm heute ermöglicht, seinen Leuten 2,5 Prozent mehr Lohn zu zahlen. “Wir brauchen gute Stimmung. Meine Leute sollen dem Patienten gegenüberstehen und sagen, dass sie ihre Arbeit gerne machen.” Wenn es dem Beschäftigten gut geht, geht es auch dem Patienten gut. Diese Maxime ist nicht neu, aber Ekkernkamp steht dafür.
Geht er durchs Haus, grüßt er nach links und rechts, lacht hier, legt da eine Hand auf die Schulter, hält dort jemandem eine Tür auf. Die Mitarbeiter und Patienten lächeln zurück, so als würden sie sagen: Der ist in Ordnung. Das wirkt nicht aufgesetzt und auch nicht gezwungen. Ekkernkamp ist Kumpel, einer, mit dem man sich auch gut über Fußball unterhalten kann.

Das Unfallkrankenhaus Berlin hat sich unter Ekkernkamps Führung auf zwei Bereiche spezialisiert: schwere Verbrennungen und Rückenmarksverletzungen. Die Brandopfer aus Djerba wurden nach Marzahn geflogen, der querschnittsgelähmte Turner Ronnie Ziesmer hier behandelt, Wolfgang Schäuble gehört ebenfalls zu den Patienten. Ohne Spezialisierung wird sich ein Krankenhaus in Zukunft nicht mehr behaupten können, sagt Ekkernkamp. Für den Erfolg müssten Management und Ärzteschaft zusammen geführt werden: “Wir brauchen Leute, die etwas von Gesundheitsökonomie verstehen, die Fehlentwicklungen erkennen und dann auch vor Ort sind.” Deshalb sollten mehr Ärzte Ökonomie lernen, wünscht er sich. Die Helios Klinik sieht er als gutes Beispiel: Der Chef ist ursprünglich Gefäßchirurg und hat nach Ekkernkamps Überzeugung ein tiefes ärztliches Empfinden. Und das mache den Unterschied.  <<
Sara Stern

Fotos: Volkmar Otto


Biografisches

Axel Ekkernkamp wurde 1957 in Bielefeld geboren. Nach dem Studium der Human- und Zahnmedizin in Münster sowie der Humanmedizin in Bern, machte er Staatsexamen und promovierte. Anschließend leistete er Militärdienst am Bundeswehrkrankenhaus Osnabrück. Von 1984 bis 1997 war er an der Universitätsklinik Bochum. In dieser Zeit Weiterbildung zum Facharzt für Chirurgie- und Unfallchirurgie mit Zusatzzertifikaten. 1992 wurde Ekkernkamp Gastoberarzt in Bern und habilitierte sich im selben Jahr. Ein Jahr später nimmt er an der ersten Auslandsmission der Bundeswehr UNTAC in Kambodscha teil. 1994 wird Ekkernkamp zum Direktor der Klinik für Unfallchirurgie des Unfallkrankenhauses in Berlin gewählt, 1996 zum Ärztlichen Direktor bestellt. 1997 wird er außerplanmäßiger Professor an der Ruhr Universität Bochum. Seit 1999 ist er zudem ordentlicher Professor für Unfallchirurgie an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald. Seit 1999 ist Ekkernkamp nicht mehr nur Ärztlicher Direktor, sondern auch Geschäftsführer des Unfallkrankenhauses Berlin. Er ist Oberstarzt der Reserve und bekam im Jahr 2001 das Bundesverdienstkreuz verliehen.


 

 

Sara Stern
KMA 06/2005 - Seite: 074

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