Inhaltsverzeichnis

Editorial

Namen & Nachrichten

Politik

Wirtschaft

Technologie

Management

Facility Management

Beruf & Karriere

FKT Nachrichten

ÖVKT Nachrichten

Branche

Kommentar

Vorschau

PDF   Kommentieren   E-Mail

Integrierte Versorgung
Preiswürdig

Die Entscheider in allen Sektoren des Gesundheitssystems sehen sich oft heftiger Kritik ausgesetzt. Die ist zwar nicht immer, aber doch meistens berechtigt. Zu sehr hat jeder vor allem sein eigenes oder das Interesse der von ihm vertretenen Klientel im Auge. Die Interessen der Patienten und des Systems insgesamt kommen häufig zu kurz.
Umso dringender sollte man denjenigen den Beifall und die öffentliche Aufmerksamkeit nicht versagen, die es anders machen. Die AOK in Baden-Württemberg hat Anfang des Jahres nach langen Verhandlungen einen Vertrag abgeschlossen, mit dem sie die Verantwortung für die medizinische Versorgung aller ihrer Versicherten im Kinzigtal an einen Dienstleister überträgt.
Es handelt sich mit 30.000 Versicherten um eine überschaubare Anzahl von Betroffenen in einem überschaubaren Gebiet. Die Gesellschafter des Dienstleisters sind Ärzte und ein Beratungsunternehmen, das über etliche Erfahrung und einen guten Ruf verfügt. Der Dienstleister bekommt zudem nur Geld, wenn er selbst welches erwirtschaftet hat. Man könnte also sagen: Alles halb so wild.

Dennoch setzt das Zustandekommen dieses Vertrags einige Schritte voraus, die bemerkenswert sind. Die örtliche AOK hat offenbar zu der Einsicht gefunden, dass bei der Versorgung der Mitglieder einiges verbesserungsfähig ist. Sie hat zudem hinreichend Selbstbewußtsein, um zu sehen und auch öffentlich einzugestehen, dass ein Dritter dies womöglich besser erledigen kann als sie selbst. Das ist schon deshalb ungewöhnlich, weil es das Gegenteil der in der Branche verbreiteten Selbstzufriedenheit und Beratungsresistenz darstellt.

Die AOK traut sich außerdem zu, all dies ihren Versicherten zu vermitteln und ihnen das Mitmachen schmackhaft zu machen. Denn nur, wenn sich möglichst viele Versicherte unter Inkaufnahme von gewissen Einschränkungen an dem Modell beteiligen, wird auch der gewünschte Effekt erzielt.
In den kommenden Monaten werden weitere Verträge dieser Art folgen. Immer in begrenzten Regionen mit einer nicht zu großen Zahl Versicherter. Ob sich die Hoffnungen in jedem Einzelfall erfüllen, kann man getrost abwarten. Denn eins ist bereits jetzt gewonnen: Die Kreativität und die Durchsetzungskraft einiger Beamter und Politiker, die den Abschluss solcher Verträge gegen großen Widerstand erst möglich gemacht haben sowie die Flexibilität und Risikobereitschaft einiger Unternehmer und Kassenchefs ermöglichen den Alltagstest eines Systems, das grundlegend anders ist als jenes, das wir mit Kollektivverträgen, Sektortrennung und Selbstverwaltung seit Jahren kennen und für unreformierbar halten.

Und wenn sich nach der ersten Vertragsperiode von acht bis zehn Jahren tatsächlich die erwarteten Erfolge zeigen sollten, dann erleben wir gerade den Beginn einer wirklichen Revolution der deutschen Gesundheitswirtschaft. Im Erfolgsfall werden sich die Testregionen nämlich nicht mehr in das heutige System zurückführen lassen. Es wird vielmehr Nachahmer geben, und innerhalb sehr kurzer Zeit zu einer weitgehenden Neuerfindung des Systems aus sich selbst führen.
Wenn es denn einen berechtigten Anlass gibt, Preise zu verleihen: Der Erhalt des deutschen Gesundheitssystems wäre so einer.  <<

KMA 03/2006 Seite: 090

Kommentar hinzufügen

Hinweis: Kommentare können von allen Besuchern gelesen werden. Nutzen Sie daher bitte die Kommentarfunktion ausschließlich für einen Kommentar zu diesem Artikel. Allgemeine Fragen zum Artikel können Sie gerne über das Kontaktformular an uns richten.

Ihr Name:*
Betreff:*
Kommentar:*
Sicherheitscode:* 

Bitte Lösung der gestellten Rechenaufgabe eintragen!
 
* Pflichtfelder