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Gestaltungsspielräume nutzen

Die Gefahrstoff-VO sinnvoll umsetzen

Seit 1.1.2005 gilt die neue Gefahrstoffverordnung. Den Inhalten dieses Regelwerkes gerecht zu werden, bereitet vielen Krankenhäusern immer noch Probleme. Wert­volle Orientierung und Ratschläge bietet hier ein von der niedersächsischen Kranken­haus­gesellschaft in Zusammenarbeit mit einigen niedersächsischen Krankenhäusern herausgegebener Handlungsleitfaden (www.nkgev.de).

Die Gefahrstoffverordnung selbst enthält keinerlei Umsetzungshilfen. Das neue Europäische Recht setzt allgemein auf Eigenverantwortung.
Obwohl die Gefahrstoffverordnung 2005 bereits seit zwei Jahren gilt, stehen die Krankenhäuser, was die Realisierung der darin enthaltenen geänderten Vorgaben angeht, in der Mehrzahl vor einem Berg ungelöster Aufgaben und Probleme. Schon die nunmehr erforderliche Gefährdungsbeurteilung für die im Krankenhaus eingesetzten Stoffe liegt eher noch den Verantwortlichen schwer im Magen, statt – wie eigentlich gefordert – bereits im Aktenschrank oder auf der Festplatte. Die meisten Krankenhäuser haben es noch vor sich, sämtliche in ihrer Einrichtung eingesetzten Gefahrstoffe – das sind oft mehrere Tausend – zu erfassen, die von ihnen ausgehenden Risiken zu bewerten, entsprechende Schutzmaßnahmen abzuleiten und all dies zu dokumentieren. Neu ist dabei die von den Krankenhäusern in eigenem Ermessen vorzunehmende Einteilung der Stoffe in vier Schutzstufen. Es müssen alle Stoffe erfasst werden, egal wie viel, wie oft, wie lange oder ob überhaupt damit gearbeitet wird.

Der Leitfaden der niedersächsischen Krankenhausgesellschaft macht hier Empfehlungen für die Bewertung aller gängigen im Krankenhaus anzutreffenden Gefahrstoffe und ihre Zuordnung zu den Schutzstufen. So muss nicht jedes Krankenhaus das Rad neu erfinden.

Thomas Bossemeyer, Sicherheitsingenieur, Betriebsbeauftragter für Abfall und Umweltbeauftragter am Klinikum Oldenburg, der an der Erarbeitung des Leitfadens mitgewirkt hat, empfiehlt seinen Kollegen, das Krankenhaus analog zur Umsetzungsrichtlinie in Teilbereiche zu gliedern und dann sukzessive die dort eingesetzten Stoffe zu bewerten. Sehr kritisch sieht Bossemeyer die in der Gefahrstoffverordnung geforderte Messung von Arbeitsplatzkonzentrationen bestimmter giftiger Stoffe. Selbst für Substanzen, die in nur sehr geringem zeitlichem Umfang eingesetzt werden, müsse hier über einen ganzen Tag hinweg die Arbeitsplatzkonzentration ermittelt werden. Das trage der realen Einsatzsituation nur wenig Rechnung. Noch fehlen darüber hinaus die Grenzwerte für das, was dabei gemessen werde. Über diese Richtwerte europaweit politischen Konsens zu erzielen, werde wohl noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Bis dahin, so raten die Kontrollorgane, sollen weiterhin die alten Werte weiterverwendet werden.

Substanzen der Schutzstufe 4 dürfen laut Gefahrstoffverordnung nur in abgeschlossenen, nicht öffentlich zugänglichen Bereichen eingesetzt werden. Im Krankenhaus sind jedoch auch Arzneimittel wie zum Beispiel Zytostatika der Schutzstufe 4 zugeordnet. Im klinischen Alltag sei es praktisch kaum realisierbar, Stoffe wie diese nur in abgeschlossenen Bereichen einzusetzen. In diesem Punkt verhindert die spezifische Krankenhaussituation eine akribische Umsetzung des Regelwerks. Man wird für die Krankenhäuser eigene Lösungen finden müssen, um vor allen Dingen Medikamente, die Gefahrstoffe enthalten, sicher anwenden zu können.

Über die Zytostatika hinaus gebe es im Krankenhaus so manche weitere Substanz, die zwar einen Gefahrstoff enthält, die jedoch als Arzneimittel auf den Markt gebracht und damit nach der Gefahrstoff-VO nicht kennzeichnungspflichtig ist. “Das Totenkopfsymbol auf einer Arzneimittelpackung oder das X-Symbol auf der Flasche für ein Händedesinfektionsmittel ist eben wenig werbewirksam”, erklärt Sebastian Paulus, Vizepräsident der Fachvereinigung Krankenhaustechnik und Fachkraft für Arbeitssicherheit. Es sei dadurch jedoch oft sehr schwierig, den Anwendern ein Bewusstsein für die von diesen einerseits sicher nutzbringenden Stoffen ausgehenden Gefahren zu vermitteln.

Generell liegt in der Vermittlung vermehrten Risikobewusstseins wohl die eigentliche Crux bei der Umsetzung der Gefahrstoff-VO. Es sei schwierig, betont auch Jürgen Fess, zuständig für Umweltinnovationen am Klinikum Braunschweig und Mitverfasser des Leitfadens für die Umsetzung der Gefahrstoffverordnung, über die sehr aufwendige formale Umsetzung der zahlreichen ständig neuen Arbeitsschutzbestimmungen im Krankenhaus nicht die eigentlichen Schutzziele für die Mitarbeiter aus den Augen zu verlieren. Die Krankenhäuser lavieren sich in dem Bemühen, rechtlich sicher zu agieren, mehr recht als schlecht durch den Vorschriftendschungel. Das Umsetzen neuer Regelwerke werde dabei oft mehr als Schikane denn als Grundlage für den so wichtigen Schutz von Gesundheit und Unversehrtheit der Mitarbeiter/-innen und Patienten empfunden.

Hier muss wohl ein Umdenken, eine Rückbesinnung auf die eigentlichen Schutzziele dieser Verordnungen stattfinden, und genau hier sieht Paulus auch die Vorteile der neuen Gefahrstoffverordnung. Mit der von jedem Krankenhaus in eigenem Ermessensspielraum durchzuführenden Gefährdungsbeurteilung biete das neue Regelwerk einen enormen Gestaltungsspielraum, der über den späteren Aufwand bei der Umsetzung der entsprechenden Schutzmaßnahmen mit entscheide. Er empfiehlt den Kollegen, diesen Spielraum für sich zu nutzen, ohne freilich die Sicherheit der Mitarbeiter aufs Spiel zu setzen.

Maria Thalmayr
kma 02/2007 - Seite: 78

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