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Die Kämpferin

Porträt Karin Kraft

Sie lehrt an der Universität Rostock und war die erste Inhaberin eines Lehrstuhls für Naturheilkunde. Heute gibt es bundesweit gerade mal drei. Wissenschaftlich betrachtet sind sie immer noch die Stiefkinder der Medizin, obwohl sich mehr als zwei Drittel der deutschen Bevölkerung für Naturheilkunde interessieren.

Die Professorin sitzt zusammen mit ihrer Sekretärin in einem Büro, das nicht einmal 20 Quadratmeter groß ist. Die Ausstattung des Raumes ist alt, dürftig und grau, es riecht nach Desinfektionsmittel. Sie nimmt das auch wahr, aber es interessiert sie nicht wirklich. Karin Kraft ist mehr damit beschäftigt, sich um ihre Studenten und Arbeit zu kümmern. Sie verbringt wenig Zeit mit Äußerlichkeiten. Deshalb freut sie sich auch, dass ihr überhaupt eine Mitarbeiterin zur Verfügung steht. Im Februar 2002 wurde die Ärztin für Innere Medizin auf den ersten Lehrstuhl für Naturheilkunde an der Medizinischen Fakultät der Universität Rostock berufen.

Angefangen hat in ihrer Familie der Vater mit der Medizin, ein Professor der Radiologie. Sie wird 1950 in Göttingen geboren und erlebt somit als Kind die schweren Nachkriegsjahre, in denen gerade Mediziner nicht leicht einen Job finden, weil es zu viele von ihnen gibt. So geht die Familie, als sie zwei Jahre alt ist, von Göttingen nach Waldkirch im Breisgau, weil der Vater dort eine Anstellung bekommt. Die erste von vielen Stationen; Karin Kraft wird noch häufig umziehen in ihrem Leben.

“Als ich in der ersten Klasse immer nur störte, musste ich zu einer schulpsychologischen Untersuchung.” Während dieser wird festgestellt, warum die Kleine mehr Lust zu toben als zu lernen hat: Ihre Mutter hatte ihr schon vor Schulbeginn Lesen und Schreiben beigebracht, weswegen sich die Tochter nun im Schulunterricht langweilt und die Zeit für andere Dinge nutzt. Also lässt die Schule das Kind eine Klasse  überspringen. Als sie zwölf wird, zieht die Familie mit dem Vater weiter nach Freiburg. Der beginnt jetzt mit seiner Universitätskarriere. Zwei Jahre später findet sich Karin in Marburg wieder, wo sie dann aber auch das Abitur machen kann.

“Ich hatte immer gute Noten”,  beschreibt sie ihre Schulzeit, in der sie dann auch die Gelegenheit bekommt und ergreift, für ein Jahr als Austauschschülerin nach England zu gehen. “Meinen ersten Vortrag habe ich auch auf Englisch gehalten”, klingt es stolz, was ungewöhnlich für die Ärztin ist: Stolz zeigt sie sonst nicht, auch wenn ihr Durchsetzungsvermögen beeindruckend ist. Die Frau mit den roten Haaren hat eine Menge geschafft und dabei nie ein Blatt vor den Mund genommen.

In England genießt sie es vor allem, die Sprache zu sprechen, aber auch der Mathe- und Chemieunterricht macht ihr Spaß. Zurück in Deutschland schließt sie die 13. Klasse ab und lernt mit 17 Jahren ihren Mann kennen. Obwohl nicht schwanger, will sie diesen auch sofort heiraten und besorgt sich die dafür notwendige Sondergenehmigung, weil sie noch nicht volljährig ist. “Ich habe in meinem Leben eine Menge ungeheure soziale Wandlungen erlebt.” Zu dem Zeitpunkt fand in Deutschland gerade die sexuelle Revolution statt. “Für uns Frauen war das nicht einfach, weil die Männer eigentlich auf freier Sexualität ohne Verpflichtung bestanden haben!”
Bei ihr ist das anders, und es geht sehr schnell: “Verliebt, verlobt, verheiratet”, so war das nun mal – und fertig. Karin Kraft beendet das Thema mit einer für sie typischen Handbewegung: Ihre rechte Hand schwingt durch die Luft, als würde sie ein Blatt Papier vom Tisch wischen. 1971 bekommt sie ihr Kind, beginnt vier Jahre später mit dem Studium der Humanmedizin an der Universität Bonn und promoviert gleich im Anschluss. Wieder steht ein Umzug bevor, Karin Kraft geht an die Uni Heidelberg, zum Pharmakologischen Institut, das zu dieser Zeit von Professor Ganten geleitet wird, dem späteren Chef der Berliner Charité. Sie bekommt ein Ausbildungs- und Forschungsstipendium. “Ich glaube, das habe ich gekriegt, weil ich sehr durchsetzungsfähig war.” Und die kleine Anekdote dazu geht so: “Ich habe meine Dissertation zu einem anderen Thema als dem vorgeschriebenen abgeschlossen.” An den eigentlichen Forschungsgegenstand erinnert sie sich nicht mehr, aber sie fand es in jedem Fall spannender, ein tierexperimentelles Thema zu bearbeiten. Weil das sehr gut gelingt, gerät sie in den Ruf, für die Forschung eine gewisse Begabung zu haben und bekommt das Stipendiat.

In Heidelberg ist sie alleine. Mann und Tochter bleiben in Remagen, in der Nähe von Bonn, aber die Trennung scheint der kleinen Familie nichts auszumachen. Außerdem fährt sie jedes Wochenende nach Hause: “Meine Tochter hat das gut verkraftet, ich habe auch später nie Vorwürfe von ihr gehört.”

Es ist Mitte der 80er Jahre, das Stipendium wiederum beendet und in Deutschland gibt es eine Ärzteschwemme. Karin Kraft hat, wie viele ihrer Kollegen, Schwierigkeiten, eine Stelle zu finden, die meisten gehen ins Ausland. Sie bekommt durch einen Chefwechsel an der Uni Bonn dann ihre Chance und wird Leiterin der Hypertonieambulanz. Der Neue steht eines Tages vor der Allgemeininternistin, die sich noch nicht spezialisiert hat, und bietet ihr etwas Einmaliges an: Sie soll eine Ambulanz für Naturheilkunde aufbauen.
“Das war medizinischer Selbstmord”, erklärt sie rückblickend. Da ihr aber auch eindeutig zu verstehen gegeben wird, dass sie sowieso mit Diskriminierungen zu rechnen habe, weil sie sich als erste und einzige Frau an dem Institut habilitieren will, beschließt sie, aufs Ganze zu gehen, da es ja sowieso egal ist: “Das ist doch in sich schlüssig!”

Tatsächlich zeigt sich dann, je näher der Zeitpunkt ihrer Habilitation rückt, dass die männlichen Freunde von Karin Kraft weniger werden – vielleicht auch, weil sie sich zum selben Zeitpunkt scheiden lässt. “Die Ehe war zu Ende, aber es war Anfang der 90er durchaus noch nicht üblich, dass die Frau die Scheidung einreicht.” Sie beschreibt diese Phase ihres Lebens als die ihrer gesellschaftlichen Isolation.

1993 eröffnet Karin Kraft an der Poliklinik in Bonn die zweite Ambulanz für Naturheilverfahren in ganz Deutschland. Die Patienten kommen und haben Interesse. Auf der anderen Seite werden fast alle Naturheilverfahren aus der Erstattungsfähigkeit der Krankenkassen wieder herausgenommen. “Dabei waren wir bereits an einem Punkt, an dem wir es mit den ersten Antibiotikaresistenzen zu tun hatten und der Kostendruck im Gesundheitswesen massiv anstieg.” Sie tut sich mit Allgemeinmedizinern zusammen und gründet den ersten bundesweiten Qualitätszirkel für Naturheilverfahren. “Wir haben uns gegenseitig beraten, unterstützt und Patienten ausgetauscht.” Die Anerkennung der Kollegen im eigenen Hause bleibt weiterhin aus oder wird ihr nur heimlich gezollt: “Es war manchmal so, dass die Leute zwar zu mir kamen, aber eher nach dem Motto, links und rechts gucken und wenn da keiner ist, dann mal eben schnell rein.” Karin Kraft sieht das bis heute pragmatisch, damit muss man leben, wenn man in einem Fach arbeitet, das nicht anerkannt ist.

Trotzdem geht es weiter, bis zu dem Tag, an dem sie einen Anruf vom Dr. Fischer-Verlag bekommt. “Die wollten einen Lehrstuhl stiften.” Die Räumlichkeiten waren schon gefunden an der Uni Rostock, der Verlag suchte nach weiteren Mitstiftern und einer geeigneten Persönlichkeit für diesen Lehrstuhl. Karin Kraft zieht wieder einmal um: Zunächst geht sie nach Bad Doberan, in der Nähe von Rostock, an eine Rehabilitationsklinik, die dann im Folgenden auch Mitstifter für den Naturheilkunde-Lehrstuhl wird, und arbeitet dort ein Jahr lang als Chefärztin. “Irgendwie hab‘ ich aber auch in alle anderen Disziplinen meine Nase reingesteckt.” Dann erhält sie den Ruf und nimmt ihre Arbeit an der Universität Rostock auf. Aber auch in der Hansestadt wird es ihr nicht leicht gemacht. “Ich musste Probevorlesungen wiederholen, die wir während des Berufungsverfahrens gehalten haben, weil es angeblich zu wenige Teilnehmer gab.” Wobei das normalerweise in der Lehre keine Rolle spielt. “Eigentlich hatte auch hier keiner etwas mit der Naturheilkunde am Hut”, ist ihr Resümee.
Die neu berufene Professorin pendelt zunächst hin und her, baut in Bad Doberan eine naturheilkundliche Abteilung für Rehabilitation auf und hält in Rostock Vorlesungen. Seit der Antike werden Therapien der Naturheilkunde wie Hydro- oder Bewegungstherapie, die Diätetik, Ordnungs- oder Phytotherapie erfolgreich angewendet.  “Doch die Anerkennung und die Anbindung an die Fakultät ist immer noch schwierig”, sagt sie. So kann man auch besser verstehen, weshalb sie sich so sehr über ihr Büro mit der Sekretärin freut. Und es geht noch weiter: Inzwischen hat Karin Kraft sogar noch einen zusätzlichen Mitarbeiter.  <<


Zur Person
Seit 2003 ist Karin Kraft Inhaberin des Lehrstuhls für Naturheilkunde an der Universität in Rostock. Sie wurde 1952 in Göttingen geboren. 1980 schließt sie ihr Studium der Humanmedizin ab und promoviert. Von 1981 bis 1983 arbeitet sie als Stipendiatin am Pharmakologischen Institut der Universität Heidelberg und geht anschließend als Assistenzärztin an die Medizinische Universitätspoliklinik Bonn. 1989 übernimmt Karin Kraft die Hypertonieambulanz und beginnt 1991, Vorlesungen im Fach Naturheilverfahren zu halten. 1992 richtet sie an der Medizinischen Poliklinik Bonn die Ambulanz für Naturheilkunde ein, 1993 habilitiert sie sich im Fach Innere Medizin.

Sara Stern
kma 07/2007 - Seite: 065

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