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Der Versorgungsforscher

Porträt Rolf Rosenbrock

Rolf Rosenbrock hat seine politische Menschwerdung am Ende der 60er Jahre in Berlin erlebt. Und bis heute spielen die Ideale von damals für den Leiter der Forschungsgruppe ”Public Health” am Berliner Wissenschaftszentrum eine zentrale Rolle. Wirklich gleichberechtigten Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen zu schaffen, sieht er als eine der Hauptaufgaben der Gesundheitspolitik an. Die hat bei deren Bewältigung aber seiner Meinung nach bisher total versagt.

Rolf Rosenbrock ist ein 68er, wie er im Buche steht. Trotz fortgeschrittenen Alters immer noch voller Ideale und liebenswürdiger Schrullen. Bis heute träumt er von Gerechtigkeit, auch wenn es ihm inzwischen nicht mehr um das Engagement der USA in Vietnam geht, sondern um gesundheitliche Chancengleichheit. Rosenbrock fährt mit dem Fahrrad, kocht sich seinen meist zu dünnen Kaffee selbst und liebt Wohngemeinschaften.
Zu Hause ist er in dem kleinen thüringischen Dorf Mengens. Sein Vater, der evangelische Pfarrer des Ortes, stirbt sieben Monate vor der Geburt des jüngsten Sohnes in den Wirren am Ende des Zweiten Weltkriegs. Der kleine Rolf kommt am 1. Mai 1945 zur Welt. Kurz darauf muss die Mutter das Pfarrhaus räumen und zieht mit ihren fünf Kindern in ihre Heimatstadt ins Rheinland. “Sie hat uns dann alle mit einem Einkommen von knapp 600 Mark durchgebracht.” Das kann man sich heute kaum noch vorstellen.

Erst viel später geht es der Familie deutlich besser: “Die Rentenreform von 1957 hat uns einen richtigen Wohlstandsschub gebracht”, erzählt Rosenbrock. Die Mutter sorgt dafür, dass ihre vier Jungs und die Tochter Kultur mitbekommen und eine anständige Ausbildung: Sie singen alle fünf im Chor, Rolf erlernt mehrere Instrumente, von denen er heute immer noch Geige spielt. Die Kinder können ins Kino und Theater gehen und haben im kleinen Garten jedes ein Stückchen Feld, auf dem sie Gemüse züchten. Letztlich gelingt es der Mutter, dass alle Kinder studieren. Auch Rolf, der nach kaufmännischer Lehre Betriebswirtschaft, Politische Ökonomie und Sozialwissenschaften studiert.

“Mein Bruder war schon in Berlin und erzählte, dass die Stadt ein spannendes Pflaster wird.” Das war 1967, und Rolf Rosenbrock geht direkt in die Studentenbewegung, engagiert sich im Studentenparlament, lässt sich ins Kuratorium der Freien Universität wählen und sagt, diese Zeit habe ihn gelehrt, Lernen als Widerstandshaltung zu begreifen. Er lebt in Wohngemeinschaften, übrigens auch die nächsten 15 Jahre, und empfindet dies als eine der schönsten Lebensformen. “Für mich ist das nicht nur eine jungendliche Durchgangsstation, sondern durchaus auf Dauer tragfähig.” Geldnöte wie andere Studenten hat Rosenbrock nicht, weil es für den Kriegshinterbliebenen ein ordentliches Stipendium gibt.

Politisch engagiert er sich für die Studienreform, aber auch für Kambodscha und Vietnam. Ein paar Mal steht Rosenbrock vor Gericht, wegen Landes- oder Hausfriedensbruch. Seine Anwälte sind die heute prominenten Christian Ströbele und Otto Schily. “Ich stehe zu den Werten, die wir uns damals angeeignet haben.” Das geht vom freien Beziehungs- und Sexleben über den Gedanken der Teamarbeit bis hin zum interdisziplinären Denken. Rosenbrock ist Anhänger der alten französischen Formel: “Liberté, Fraternité, Égalité”. In seinem heutigen Arbeitsgebiet als Leiter der Forschungsgruppe Public Health am Wissenschaftszentrum Berlin spielt Chancengleichheit eine große Rolle. “Es ist doch nicht hinzunehmen, dass die Menschen im oberen Fünftel der Einkommenspyramide zehn Jahre länger leben als diejenigen im unteren Fünftel.” Das zu ändern, ist für ihn eine der herausragenden Aufgaben der Gesundheitspolitik.

Als sich die Studentenbewegung Anfang der 70er Jahre langsam im Parteienklüngel auflöst, findet Rosenbrock das schrecklich: “Das war eine Niederlage.” Ziemlich unvermittelt geht der enttäuschte junge Intellektuelle nach Chile. Dort regiert zu der Zeit Salvatore Allende. Rosenbrock fühlt sich politisch gut aufgehoben und will dort promovieren, aber es kommt alles ganz anders. “Als ich in Chile ankam, war die Unión Popular gerade einem Staatstreich mit amerikanischer Unterstützung zum Opfer gefallen.” Er bleibt trotzdem noch ein ganzes Jahr lang in dem nun faschistischen Land. Statt seine Promotion zu schreiben, besucht Rosenbrock Menschen im Gefängnis, bringt andere Verfolgte ins Asyl oder in ihre Botschaften, übernimmt Kurierdienste und hilft, wo er kann. “Das war eine absolute Kontrasterfahrung zu dem, was ich in Deutschland erlebt hatte. Hier ging es darum, so laut wie möglich zu schreien, in Chile musste alles so unauffällig wie möglich ablaufen.”

Wieder zurück in Berlin ist Rosenbrock verunsichert und rettet sich erst einmal mit humanitärer Hilfe für Südafrika über die Sinnkrise, in der er sich befindet. Er will zurück nach Chile, bekommt aber keine Genehmigung und weiß nun nicht so genau, wohin mit sich. Er lebt von Erspartem und kommt bei Freunden unter. Bis er gefragt wird, ob er mit Carl Christian von Weizsäcker an einem Projekt arbeiten wolle, das sich mit der Pharmaindustrie beschäftigte und für das ein Ökonom gebraucht wurde. “Dann nehm‘ ich halt Gesundheit”, sagt er sich, und das Thema gefällt ihm schließlich so gut, dass er seine Dissertation zur Arzneimittelversorgung mit summa cum laude abschließt. “Neunmal toller als Gold” wird ein Bestseller. “30.000 Bücher haben wir verkauft, so etwas geht heute gar nicht mehr.” Über das Buch wird auch das Berliner Zentrum Public Health auf ihn aufmerksam, wo Rosenbrock 1977 als wissenschaftlicher Mitarbeiter anfängt.

Sein erstes Projekt beschäftigt sich mit der betrieblichen Gesundheitsförderung: “Also eigentlich ging es darum, wie Betriebe, Betriebsräte und Manager mit der Gesundheit ihrer Beschäftigten umgehen.” Rosenbrocks Fazit: “Wir gehen mit unserem Sachkapital gut um, aber leider nicht mit dem Humankapital!” Die Gesundheit der Beschäftigten sei nicht unmittelbar kostenrelevant. Deshalb kümmern sich Manager zu wenig darum, wie auch um ihre eigene Gesundheit. “Und die Betriebsräte, die gerne immer alles besser wissen, versagen hier ebenfalls häufig.”

Im Wissenschaftszentrum ist unter Rosenbrocks Leitung ein Modell der Gesundheitsförderung in Betrieben entstanden, zu dem sogenannte Gesundheitszirkel gehören. Die Idee haben Ende der 80er die Kassen übernommen. Ein Traum, wie Rosenbrock sagt. Inzwischen sind solche Zirkel Realität in fast 2000 Unternehmen, unter anderem bei VW.

“Politik ist das Bohren dicker Bretter mit Augenmaß.” Dieser berühmte Ausspruch von Max Weber ist eine Art Leitspruch für Rosenbrock geworden, der nunmehr seit 30 Jahren im Wissenschaftszentrum arbeitet. “Davon beschäftige ich mich seit mindestens 25 Jahren mit der Präventionspolitik.” Zuletzt sind auch Forschungsprojekte zur Einführung des Fallpauschalensystems und zur Integrierten Versorgung hinzugekommen. Nicht zuletzt inspiriert auch durch Rosenbrocks Mitgliedschaft im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Politisch setzt er sich für die Bürgerversicherung ein, für den Hausarzt als “Versorgungsregisseur” und wesentlich mehr Prävention. “Wer nicht über Bildungspolitik, Einkommens- oder Arbeitsmarktpolitik reden will, der soll von gesundheitlicher Chancengleichheit gleich ganz schweigen.”

Rosenbrock hat sich seine eigenen Ratschläge zu Herzen genommen. Der ehemalige Kettenraucher hat aufgehört, fährt alle Wege mit dem Fahrrad, geht Bergwandern und ins Fitnessstudio. “Das ist meine Investition, und das merke ich auch.” Sagt er und eilt zum Mittagessen, das im Wissenschaftszentrum täglich um Punkt 12 Uhr eingenommen wird und bei dem der Chef nicht fehlen darf.


Zur Person
Professor Dr. Rolf Rosenbrock ist Leiter der Forschungsgruppe “Public Health” im Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin.
Rosenbrock wurde 1945 geboren. Nach Abschluss der kaufmännischen Lehre studiert er in Berlin Betriebswirtschaft, Politische Ökonomie und Sozialwissenschaften an der Freien Universität. 1973 geht der Diplom-Kaufmann mit einem Postgraduiertenstipendium nach Chile. Zurück in Deutschland wird er 1975 wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsstelle der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler in Hamburg und promoviert 1977 in Volkswirtschaft und Politischer Ökonomie an der Universität Bremen zum Dr. rer. pol. 1977 geht Rosenbrock wieder nach Berlin ans Wissenschaftszentrum, wo er bis heute arbeitet. 1988 folgt die Habilitation, 1996 die Berufung zum Professor für Sozialwissenschaften/Gesundheitspolitik an der Technischen Universität Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem: Ökonomie und Politik der Gesundheitsversorgung, Sozialpolitik, sozial bedingte Ungleichheit von Gesundheitschancen; Prävention und Gesundheitsförderung. Seit 1999 ist Rosenbrock Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen.

Sara Stern
kma 08/2007 - Seite: 070

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