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Die Überfliegerin

Porträt Britta Böckmann

Prokura bei der Unternehmensberatung, Vorstand in der Industrie und jetzt Forschung und Lehre als Professorin: Mit gerade einmal 40 Jahren hat Britta Böckmann bereits Karrierestufen erklommen, die die meisten in einem ganzen erfolgreichen Berufsleben nicht erreichen.

Auf Informatikprofessorin würden wohl die wenigsten tippen, wenn sie Britta Böckmann zum ersten Mal begegnen. Kein Wunder: Zum einen gibt es ohnehin nur eine Handvoll Frauen in diesem Beruf, zum anderen entspricht Böckmann keinem der gängigen Klischees, die man gemeinhin mit Computerspezialisten verbindet. „Professorin im Lehrgebiet Informatik und Medizinische Informatik des Fachbereichs Informatik an der Fachhochschule Dortmund“ – diese behördensprachliche Berufsbezeichnung ist auch schon das Komplizierteste an Britta Böckmann. Die attraktive Frau, die zum Vergnügen gern Marathon läuft, ist wie ihr Outfit: ohne Schnörkel. Ihr Charme und ihre offene Art kommen ihr sicherlich zupass, wenn sie sagt: „In der IT ist es heute oft wichtiger, kommunzieren zu können, als ganz tief in die Bits und Bytes einzutauchen.“

„Mit der Professur setze ich eine Tradition der Familie fort“, sagt sie. Auch ihr Vater war Beamter und auch er war zuvor einem gänzlich anderen Beruf nachgegangen: Vor seiner Beamtenkarriere besaß er eine Dorfgaststätte in Hamm, dem Geburtsort von Britta Böckmann. Sie selbst verbrachte die ers­ten beiden Abschnitte ihrer Laufbahn bei Unternehmensberatungen und in der Softwareindustrie. Wahrscheinlich rührt daher ihre starke Orientierung auf die Bedürfnisse der Anwender, die man bei dem einen oder anderen Hochschullehrer vermisst. In ihrer Jugend muss Böckmann nicht viel lernen und schreibt trotzdem die besten Zensuren. Deshalb hat sie eine Menge Zeit für anderes, die sie vor allem in Sport investiert: Britta geht zum Tischtennis und spielt hier erfolgreich in der zweiten Bundesliga. „Mein Vater hat nach dem Krieg die erste Tischtennisplatte zusammengebaut und danach einen Verein gegründet.“ Britta ist mit neun Jahren dabei und mag am meisten an diesem Sport die Mischung aus Einzel- und Teamarbeit. Heute spielen auch ihre beiden Töchter Tischtennis – und sie ist nach wie vor eine Teamworkerin.

„Nach dem Abitur wusste ich zwar nicht genau, was Informatik ist, aber das Thema hat mich interessiert.“ Böckmann ist gut in Mathematik und hat ein Faible für Analytik und logisches Denken. „Keine Ahnung, wo das herkam. Ich habe schon in der 8. Klasse angefangen, Mathematikbücher zu lesen wie andere Romane“, erzählt sie. Obwohl sie also keine Ahnung hat, was während des Studiums auf sie zukommen wird, freut sie sich darauf: „Irgendein Risiko läuft man immer. Aber ich fand die Vorstellung faszinierend, dass man über ein Programm, das man schreibt, einen Computer dazu bringen kann, etwas zu tun. So viel wusste ich schon mal!“ Während des Studiums in Heidelberg und Heilbronn bemerkt sie, dass sie Programme, die einfach nur irgendetwas ausrechnen, langweilig findet, und will in die praktische Anwendung. „Vor allem, was Bild- und Signalverarbeitung ist, und was man mit einem EKG machen kann, hat mich interessiert.“ So kommt der Bezug zur Medizin zustande.  Ihr Privatleben verbringt sie abseits der Informatik. Während des Studiums jobbt sie nebenbei bei einem kleinen Radiosender und als Messehostess. Außerdem ist ihr noch etwas ganz wichtig: „Fernreisen sind mein größtes Hobby!“ Böckmann strahlt übers ganze Gesicht: „Direkt nach dem Studium bin ich ein halbes Jahr mit dem Rucksack durch Südamerika gereist.“ Schon drei Tage nach ihrer Diplomprüfung sitzt sie allein im Flugzeug, und erst hoch über den Wolken kommen ihr kurz Zweifel, ob das alles so richtig ist. Aber in Peru frischt sie in einem Sprachkurs ihr Spanisch auf und gibt sich selbst bestimmte Regeln, so dass ihr unterwegs nie etwas passiert: „Du darfst in Bogota eben nicht im Dunkeln herumlaufen und musst bestimmte Viertel in Lima umgehen.“ Diszipliniert, wie sie ist, fällt es ihr nicht schwer, sich an diese eigenen Vorgaben zu halten.

Wieder zurück in Deutschland landet sie eher zufällig bei der Wibera Wirtschaftsberatung. Sie will ins Rheinland ziehen, weil sie die Menschen dort mag. Das erzählt sie einer Freundin, deren Nachbar Abteilungsleiter bei Wibera im Bereich Healthcare ist. Und dort passt Böckmann zu dieser Zeit wie die Faust aufs Auge, denn die Wibera baut gerade die neue Abteilung „IT-Beratung“ auf. Als ein Jahr später ihre erste Tochter auf die Welt kommt, beginnt sie neben Erziehung und Beruf zu promovieren und lässt sich auch nicht davon abbringen, als wiederum einige Jahre später die zweite Tochter hinzu kommt. Britta Böckmann trifft ihre Entscheidungen zielgerichtet, sagt sie selbst. Als junge Frau war sie keine Anhängerin gro­ßer Gefühlsausbrüche: „Früher war ich auch in meinem Privatleben sehr rational, das hat sich erst durch meine Kinder geändert.“ Man mag das kaum
glauben. Die Frau lacht viel und laut und herzlich, schiebt für einen Fototermin die Stühle selbst zurecht, damit es so passt, wie es der Fotograf haben möchte. Sie organisiert ihr Büro, wenn nötig, auch allein, und wenn sie ungeschminkt vor die Kamera tritt und freundlich fragt, ob das denn so okay sei, wirkt das eher bescheiden. 1999 wird die Wibera in Price Waterhouse Coopers integriert, und innerhalb kürzester Zeit baut Britta Böckmann für den Konzern einen neuen Geschäftsbereich zur Implementierung klinischer Systeme auf. Noch einmal knapp ein Jahr später wird sie Senior Managerin mit Prokura. Aber sie ist nicht mehr zufrieden: „Die Wibera war eine kleine, kommunal orientierte Wirtschaftsberatung, die von einem amerikanischen Konzern aufgekauft wurde.“ Das passt für Britta Böckmann trotz steiler Karriere nicht mehr. „Dieses Modell gefiel mir nicht.“

2001 geht sie als Geschäftsführerin zur ITB nach Köln und soll dort wieder etwas Neues aufbauen. Dieses Mal geht es um Vertrieb und Marketing. Das kennt sie noch nicht, und deshalb reizt es sie besonders: „Das Produkt war noch ein Rohdiamant, das war für mich eine große Herausforderung.“ Die schöne Beraterin mit dem Blick für die Kunden fühlt sich wohl in dem Unternehmen. „Das war unglaublich konstruktiv“, erinnert sie sich und erzählt von ihrem Durchbruch. „Unsere erste Messe!“ Dafür gab es kein Budget, aber Entschlossenheit. „Im März haben wir entschieden, dass wir auf der Medica im November einen Stand mit 150 Quadratmetern haben werden.“ Britta Böckmann springt wieder ins kalte Wasser und organisiert den Messeauftritt. Der Stand wird ein voller Erfolg. „Das war ein gutes Gefühl, unsere Kunden fanden uns toll. Es wurde klar, dass wir uns richtig aufgestellt haben.“ Auf dem Böckmann-Stand gibt es Arbeitsplätze, um die herum viele Menschen stehen und etwas sehen können. So sorgt sie auch dafür, dass hier Kommunikation stattfinden kann, schlicht, weil es genügend Platz dafür gibt. Später integriert sie Kunstaustellungen in die Messestände  der ITB. Da können die Besucher etwas entspannen, was auf der ansonsten anstrengenden Messe dankbar angenommen wird. Sechs Jahre bleibt Britta Böckmann bei der ITB. Dann wird die Firma an Tietoenator verkauft, und sie steht im Prinzip vor derselben Situation wie damals bei Wibera. „Ein skandinavischer Konzern ist zwar schon etwas anderes als ein amerikanischer, aber Konzern bleibt Konzern.“ Außerdem hatte sie sich zu dem Zeitpunkt auch bereits zwölf Jahre lang mit Krankenhaus­informationssystemen beschäftigt, und irgendwann werde das auch einmal langweilig, sagt sie.

„Aber an eine Universität oder so etwas habe ich nie gedacht.“ Bis sie zufällig auf die Ausschreibung der Professur in Dortmund stößt. „Da hab‘ ich mich ganz spontan beworben.“ Und dann geht alles sehr schnell. Im Berufungsverfahren bekommt sie den Zuschlag, schon auf dem Weg nach Hause ruft der Dekan an: „Ich weiß nicht, warum sie mich genommen haben, das wird einem nicht gesagt.“ Genauso schnell, wie sie sich für die Bewerbung entschlossen hat, beschließt sie jetzt, dass sie die Stelle  auch wirklich will und geht 2006 an die Fachhochschule Dortmund. „Diese Konzerne sind auf Dauer einfach nichts für mich. Wenn ich keinen Freiraum für Kreativität habe, dann macht mir der Job keinen Spaß mehr!“ Die Mischung aus Forschung und Lehre findet sie jetzt genau richtig für sich.


Zur Person
Britta Böckmann ist seit 2006 Professorin im Lehrgebiet Informatik und Medizinische Informatik an der Fachhochschule Dortmund. Von 1986 bis 1993 hat sie Medizinische Informatik an der Universität Heidelberg/Fachhochschule Heilbronn studiert. Von 1993 bis 1999 war sie Beraterin bei der Wibera Wirtschaftsberatung AG. In dieser Zeit bringt sie ihre beiden Töchter zur Welt und promoviert berufsbegleitend an der Universität zu Lübeck. 1999 wird die Wibera von Price Waterhouse Coopers übernommen, Böckmann wird Senior Beraterin mit Prokura. Anschließend war sie von 2001 bis 2006 zunächst Geschäftsführerin, dann Vorstandsmitglied bei der ITB AG in Köln, die heute zu Tietoenator gehört. Britta Böckmann wurde 1967 in Hamm geboren.

Sara Stern Volkmar Otto
kma 09/2008 - Seite: 078-081

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