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Porträt

Marie-Luise Müller: Die Präsidentin

Marie-Luise Müller – ihr Name dürfte in den Nachrichten inzwischen so häufig zu hören sein wie der von Ärztepräsident Hoppe. Das ist vor allem der Angriffslust der Pflegepräsidentin zu verdanken. Und ihrem starken Willen. Dem kann sich selbst Ulla Schmidt nicht immer entziehen.

Ich habe mein Leben lang Herausforderungen gesucht.“ Erfolgreiche Frauen und Männer neigen zu dieser Art Selbstbeschreibung. Doch aus dem Munde von Marie-Luise Müller scheint sie keine Floskel. Das belegt ihr Aufenthalt in China 1987: Die Pflegedirektorin hatte sich von ihrem damaligen Arbeitgeber, den Horst-Schmidt-Kliniken in Wiesbaden, freistellen lassen, um im Volkskrankenhaus von Kanton Vorlesungen über praktische Krankenhaushygiene zu halten und – stets begleitet von einer dolmetschenden Oberärztin – Medizinern und Schwestern auf Station in der Praxis zur Seite zu stehen. Ein Jahr schlief sie im Krankenhaus in einem Eisenbett mit Reismatratze. Hin und wieder fuhr Marie-Luise Müller mit dem Herzchirurgen aufs Land; während der OP kniete sie unterm Operationstisch und hielt Stecker und Steckdose zusammen.

Die elegante, zierliche Präsidentin des Deutschen Pflegerats (DPR), die männlichen Verbandskollegen schon mal ihre Handtasche zum Tragen überlässt, auf dem Boden in einem Meer von Kabeln ... Das ist schwer vorstellbar und doch ein schönes Bild für eines ihrer größten Talente: das Netzwerken. Sie hat es geschafft, dass ein Dutzend Verbände im DPR mit einer Stimme sprechen und auf bundespolitischer Ebene ernst genommen werden. „Ich habe die Pflege salonfähig gemacht. Wenn ich zum Beispiel mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung spreche, dann immer mit den Spitzen wie Dr. Köhler oder Dr. Müller. Das ist vielen noch gar nicht so klar, dass wir längst auf der Bundesebene angekommen sind“, sagt Marie-Luise Müller. Ihr jüngster Erfolg ist der Pflegegipfel, den sie auf dem letzten Hauptstadtkongress Gesundheitsministerin Ulla Schmidt beim gemeinsamen Torteanschneiden abgerungen hat.

„Wo Müller ist, ist immer Aktion“
Gerade ist der 2. Gipfel zu Ende gegangen, unter anderem mit der Vereinbarung, auch pflegerische Indikatoren in das Fallpauschalensystem zu integrieren. Das ist ein Teilerfolg für die Präsidentin. Gar nicht amüsiert ist sie allerdings über das, was jetzt gefolgt ist: der Plan der Koalition, die Pflegeausbildung auch für Haupt­schüler zu öffnen. „Das ist ein Schlag ins Gesicht einer Berufsgruppe, die gerade den Weg in die Professionalisierung eingeschlagen hat. Die Art und Weise, wie die Politik Einzelinteressen durchzusetzen versucht, schockiert mich“, sagt Marie-Luise Müller. Das sind klare Worte, aus denen Kampflust spricht.

„Wo Müller ist, ist immer Aktion“, sagt ein Weggefährte über die geborene Tübingerin. Sie ziehe einige mit, mache anderen aber auch Angst. Marie-Luise Müller weiß, dass ihre Angriffslust sie nicht nur beliebt macht. Doch ohne diese Eigenschaft wäre sie vermutlich nie Präsidentin geworden. Ihr Wille, sich Willkür nicht bieten zu lassen, hat sie politisch gemacht. Auslöser war die Pflegepersonal-Regelung (PPR) Anfang der 90er Jahre, zu deren Geburtshelferinnen sie sich zählt. Diese PPR, die einen fixen Zeitaufwand für die verschiedenen Tätigkeiten am Patienten festsetzte, erhöhte den Personalschlüssel für Pflegekräfte in deutschen Krankenhäusern. „Doch dann hat man den Artikel 13 mit einem Federstrich wieder aus dem Krankenhausfinanzierungsgesetz gestrichen, ohne mit uns zu sprechen. Dieses Erlebnis war der Stachel, der mich beflügelt hat.“

Die Solidarität wächst
Marie-Luise Müller trat der Bundesarbeitsgemeinschaft Leitender Pflegepersonen (Balk) bei, übernahm 1995 gleich den Vorsitz und wurde 2002 Präsidentin des Deutschen Pflegerats. Schon vor Gründung der Balk hatte sie sich für eine größere Wertschätzung der Pflegedirektoren und Pflegedienstleitungen eingesetzt und unter dem legendären Denkschrift-Motto „Pflege braucht Eliten“ der Robert-Bosch-Stiftung eine Hochschulinitiative gestartet. Seitdem ist es für Pflegekräfte möglich, an Hochschulen Pflegewissenschaft zu studieren.

Selbstbewusste Pflegekräfte, die Ärzten „auf Augenhöhe“ begegnen – das ist ihr Ziel. Einfach ist dies nicht. Es scheint Marie-Luise Müller bewusst, wie ritualisiert die Diskussion über die Delegation und Substitutionen ärztlicher Tätigkeiten mit Organisationen wie der Ärztekammer inzwischen ist. Doch ihre Eltern haben sie preußische Tugenden gelehrt – Fleiß, Beharrlichkeit, Durchhaltevermögen. Das hilft, die Debatten durchzustehen. Auch das Wissen um Verbündete außerhalb der Pflegeszene macht die Netzwerkerin zuversichtlich. Ulf Fink, Initiator des Hauptstadtkongresses, und der Ex-LBK-Chef Heinz Lohmann zählen zu denen, von denen sie Unterstützung erhält. Sie weiß, dass selbst der ehemalige Präsident der Landesärztekammer Baden-Württemberg, Friedrich-Wilhelm Kolkmann, sich ihrem Anliegen verbunden fühlt, auch wenn er dies noch „nicht demonstriert“.

Was Marie-Luise Müller für die Pflegekräfte fordert – Pflegekammern etwa oder das Ende des umfassenden Arztvorbehalts –, ist in anderen Ländern normal, aber in Deutschland revolutionär. Eine Freundin sagt: „Sie hat viel für die Frauen getan.“ Der Präsidentin, die sich für die Bücher der ehemaligen Kohl- und Herrhausen-Beraterin Gertrud Höhler begeistert, fehlt die typisch frauenrechtlerische Attitüde. Doch ihr Handeln spricht Bände: Als der Vorstand der Horst-Schmidt-Kliniken den Ärzteaustausch mit Kanton in China einfädelte, setzte sie durch, dass auch Schwestern, Physio- und Ergotherapeutinnen in das Projekt einbezogen wurden. „Wenn mir etwas wichtig ist, setze ich es durch“, sagt Marie-Luise Müller.

Das haben ihr Mann und ihre beiden Töchter erfahren, als sie sich für den einjährigen China-Aufenthalt entschied, ohne zuvor ihre Familie zu fragen. Und das bekommen auch Verbandskollegen zu spüren, die nicht alle froh darüber sind, dass die Präsidentin jetzt – nach einer längeren Phase als Beraterin – ein ungewöhnliches und aufreibendes Modell der Pflegedirektion praktiziert: Die eine Hälfte des Monats arbeitet sie im Klinikum Garmisch-Partenkirchen, die andere Hälfte im Klinikum der Stadt Soest in Westfalen. „Aus der Medizin kennen wir das ja schon, dass ein Chefarzt an verschiedenen Standorten tätig ist, aber im Pflegemanagement ist das Modell ein echtes Novum. Ich weiß natürlich, dass das Ganze sehr kritisch beäugt und hinterfragt wird “, sagt die Pflegedirektorin.

Ihr Wunsch: eine Frau als Nachfolger
So hat Marie-Luise Müller in einem Alter, in dem die meisten Frauen bereits berentet sind, ihre geografische Lebens­achse erweitert: In Garmisch lebt sie mit ihrem Mann Peter Schmelter am Fuße der Zugspitze, in Soest hat sie eine kleine Wohnung, Berlin besucht sie etwa sechs Mal im Monat und übernachtet bei Bedarf im Maritim in der Friedrichstraße. Ab September wird ihr Leben wohl ein wenig ruhiger, denn ein viertes Mal will sie sich nicht zur DPR-Präsidentin wählen lassen. Wer ihr nachfolgt, ist noch unklar. Marie-Luise Müller wünscht sich eine Frau als Nachfolgerin. „Allerdings stellt das Amt der Pflegepräsidentin ein Dilemma dar: Es erfordert ganzen Arbeitseinsatz, und doch findet alles im Ehrenamt statt, man erhält außer Reisekosten nicht einen Cent.“ Weil Marie-Luise Müller vor vielen Jahren beschlossen hat, sich „für die Pflege aufzugeben“, wird sie dieses Dilemma auch ohne Amt lösen wollen. Sie wird auch die nächsten Jahre für Pflegekammern kämpfen, die über Zwangsbeiträge Gehälter ermöglichen würden – und weiterhin zeigen, was ein starker Wille bewirken kann.



Zur Person

Marie-Luise Müller (63) ist Präsidentin des Deutschen Pflegerats und hat den Pflegegipfel im Gesundheitsministerium initiiert sowie den Pflegekongress als Teil des Hauptstadtkongresses. Während ihrer Amtszeit gründete sie die Deutsche Patientenhotel GmbH und arbeitete als selbstständige Beraterin. Seit gut einem Jahr ist sie als Pflegedirektorin an zwei Standorten tätig: im Klinikum Garmisch-Partenkirchen und im Klinikum der Stadt Soest.

Bereits mit 24 Jahren wurde die geborene Tübingerin Pflegedienstleiterin in Georgsmarienhütte nahe Osnabrück. Von 1980 bis 2002 war sie Pflegedirektorin in den Horst-Schmidt-Kliniken in Wiesbaden. In der hessischen Landeshauptstadt hat sie auch ihre „Familiengeschichte geschrieben“, wie sie sagt: einen Lehrer geheiratet und ihre beiden Töchter Birgit und Elke zur Welt gebracht. Die Pflegepräsidentin hatte in ihrer Jugend Briefkontakt zu Albert Schweitzer und organisierte in den 70er Jahren fünf Jahre lang die Kindergottesdienste in ihrer lutherischen Kirchengemeinde.

 

Kirsten Gaede
kma 05/2009 - Seite: 069-071

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