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Porträt

Birger Kollmeier: Der Getriebene

Er begann als Physiker, entdeckte dann auch die Medizin für sich und ist heute einer der Wissenschaftler, die Oldenburg zum Zentrum für Hörtechnologie gemacht haben. Birger Kollmeier hat mit seinem Hörgarten nicht nur einen Erlebnispark geschaffen, sondern auch eine Forschungsstätte von Weltruf.

Klasse übersprungen, vorzeitig Abitur gemacht, in Physik promoviert, in Medizin promoviert, in Physik habilitiert, jüngster Physikprofessor Deutschlands. Greift man auf die gängigen Schubladen zurück, in die gern einsortiert wird, klingen die Eckdaten erst einmal nicht nach jemandem, der sich im Alltag zurechtfindet. Doch Birger Kollmeier steht mit beiden Beinen im Leben und hat sich ganz den praktischen Aspekten seiner Forschungsarbeit zur Psychoakustik verschrieben. Deswegen kann er dem vermeintlichen Elfenbeinturm der Wissenschaft oder den hierarchischen Strukturen einer Klinik so gar nichts abgewinnen.

Das Medizin- neben seinem Physikstudium, was ihm heute so hilfreich ist, war beispielsweise ein pures Zufallsprodukt, um sich vor dem Wehrdienst zu drücken. Damals wurden Medizinstudenten nicht eingezogen, und er empfand es darüber hinaus als eine Art Erholung von der Physik. „1986 stand ich dann vor der Alternative: Physik oder Medizin. Die wahrscheinlich schwerste Entscheidung meines Lebens. Aber die Hierarchien in der Medizin schreckten mich letztendlich ab. Ich wollte nicht die produktivsten Jahre meines Lebens Schnauze halten, Hacken zusammenschlagen und in der Routine versauern.“ Das Einzelkämpfertum eines Mediziners ist nicht sein Ding. Schließlich basiert alles, was er macht, auf Teamwork, Interdisziplinarität und auf der Kommunikation zwischen Forschung, Industrie und den betroffenen Menschen. „Es ist einfach so. Alleine kann ich praktisch nichts machen. Und je weiter ich komme, desto weniger kann ich tatsächlich alleine machen.“ So sorgt er dafür, dass er nicht alleine ist.
Damit musste sich auch die Universität Oldenburg arrangieren, als sie ihn 1993 als damals jüngsten Professor für die Abteilung Angewandte Physik/Experimentalphysik berief. Er nahm den Ruf an, als sichergestellt war, dass seine 16-köpfige Arbeitsgruppe zur Psychoakustik, die er an der Universität Göttingen aufgebaut hatte, in Oldenburg ebenfalls willkommen war. Diese Sonderbehandlung traf jedoch, wie man sich denken kann, nicht bei allen Kollegen auf Gegenliebe. Die sozusagen natürliche Konkurrenz zwischen angewandter und abgewandter Physik bekam dadurch noch einmal eine ganz andere Dynamik. „Der Start in Oldenburg war schon ein bisschen schwierig. Den anderen muss es so vorgekommen sein, als würde ich die Preise verderben. Ich war der jüngste Professor, hatte die größte Arbeitsgruppe und die meisten Drittmittel im Gepäck. Im Nachhinein verstehe ich das ein bisschen besser.“ Aus der Ruhe bringt ihn die Erinnerung an die anfänglichen Grabenkämpfe seiner Professorenlaufbahn jedenfalls nicht, wohl auch weil er viel zu sehr mit Lösungsstrategien beschäftigt war und ist.

Eine politische Entscheidung
Die sechzehn Leute brauchten natürlich Räumlichkeiten, um die Kollmeier so lange an der Uni kämpfte, bis er es leid war und eine bessere Alternative suchte – und fand. Der Physiker, der mehr in die Praxis möchte, um Schwer- hörigen zu helfen, tut sich mit dem Mediziner Rüdiger Schönfeld zusammen, der auf diesem Gebiet mehr forschen möchte. Gemeinsam gründet man das Hörzentrum Oldenburg als An-Institut zwischen Hörklinik und Uni. In vier Baucontainern tummelten sich fortan das Graduiertenkolleg Psychoakustik, eine kleine medizinische Forschungsgruppe und zu behandelnde Patienten. Alles komplett privat finanziert. Das Geld kam in dieser Zeit ausschließlich durch Forschungsaufträge aus der Hörgeräteindustrie, Beratungs­angebote und durch die Behandlung von Patienten ins Haus.

Die Wende wird eingeläutet, als das „Provisorium“ 1999 den Bundeswettbewerb „Kompetenzzentrum für die Medizintechnik“ gewinnt und damit Unikliniken und Ingenieurfakultäten aus dem Rennen wirft. Auf einmal erhält die bunte Truppe Öffentlichkeit und Lobpreisungen. Nach drei Jahren, im September 2002, bekommt die Oldenburger Hörforschung ein eigenes Haus des Hörens, mitfinanziert auch aus Mitteln des Landes Niedersachsen, das sich bis dato rausgehalten hatte. Doch in der Zwischenzeit waren die Person Professor Kollmeier und sein Hörzentrum eine Art Politikum geworden. Fast zeitgleich hatte der international renommierte Hörforscher Rufe aus Kopenhagen und Aarlborg erhalten. Eine hervorragende Diskussionsgrundlage, wie er auch heute noch schmunzelnd einwirft. Plötzlich ziehen die Stadt Oldenburg und die Universität an einem Strang, um ihn zu halten. Der damalige niedersächsische Wissenschaftsminister Oppermann gibt persönliche Zusagen, am Ende stehen langfristige Perspektiven für die Oldenburger Akustikforschung. Nichts anderes wollte er all die Jahre. Eine fruchtbare Umgebung für sich und seine Arbeitsgruppen. Kollmeier bleibt in der niedersächsischen Provinz.

Stadt und Uni tun gut daran, die Entscheidung gefällt zu haben, denn Kollmeiers Ideenwerkstatt steht nicht still. Als das Haus des Hörens fertiggestellt ist, zieht neben seiner Arbeitsgruppe auch die Hörzentrum Oldenburg GmbH ein, die Abteilung Medizinische Physik der Uni Oldenburg, die Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven mit dem Studiengang Hörtechnik und Audiologie und das Kompetenzzentrum Hörtech gGmbH. Sie alle sind Mitglieder des weltweit einzigartigen Forschungs- und Entwicklungsclusters Auditory Valley zwischen Oldenburg und Hannover, für dessen Realisierung vor allem auch Kollmeier, neben vielen anderen, wie er einwirft, verantwortlich zeichnet. „Stolz? Nein, das ist keine Kategorie, in der ich denke. Ich bin einfach getrieben vom nächsten und meistens auch schon vom übernächsten Projekt. Und wenn die dann tatsächlich realisiert sind, ist es ja oft schwieriger, sie am Laufen zu halten, als sie aufgebaut zu haben.“ So kreisen seine Gedanken immer um die Zukunft.

Dieter Bohlen und er
Und so erfährt man auch nur nebenbei, dass er den Küpfmüller-Ring in diesem Jahr verliehen bekommen soll. Eine Auszeichnung, die der Satzung nach „als außerordentliche Ehrung an Wissenschaftler verliehen wird, die durch ihre Forschungstätigkeit die wissenschaftlichen Erkenntnisse auch außerhalb ihres Fachgebietes gefördert und die wissenschaftliche oder technische Entwicklung maßgeblich beeinflusst haben“. Ein Anruf, der ihn dann doch sichtlich stolz gemacht hat und freut. Schließlich befindet er sich damit in Gesellschaft zweier Nobelpreisträger. Ein mögliches nächstes Projekt? Er schmunzelt. Allmählich kommt man dahinter, weswegen er jedes Mal irritiert auf Fragen reagiert, die sich nicht unmittelbar mit seiner Arbeit befassen. Es scheint fast so, als würde er sich gar nicht als Privatmensch wahrnehmen, als müsste er sich mühsam daran erinnern, was man noch so machen kann – neben all der Arbeit.

Musik, zum Beispiel. Auch ein aufgegebenes Hobby. Manchmal lebt es auf. In der sechsköpfigen Familie oder wie letztens auf der Jahrestagung der Audiologen, dessen Präsident er ist. Kurzerhand fand er sich da auf der Bühne wieder, beim Schmettern alter Popsongs, ansonsten ist die Bassgitarre eher sein Instrument.
In der Musik hätte er auch landen können, erzählt er nach kurzem Zögern. Irgendwann 1977/‘78 hatte er mal ein Vorspielen bei einer Band, deren Stilrichtung ihm dann aber doch nicht gefiel. Der Bandleader hieß Dieter Bohlen und war schon damals unsympathisch. Sprach‘s und ist auch schon wieder beim Thema Arbeit.



Zur Person
Nach dem Abitur im Jahre 1976 studiert Kollmeier Physik an der Universität Göttingen und ab 1977 zusätzlich Humanmedizin, um dem Wehrdienst zu entgehen. Er promoviert in Physik über Psychoakustik und in der Medizin über Hörgeräte. Seine Habilitationsschrift im Fach Physik verfasst er 1991 über „Messmethodik, Modellierung und Verbesserung der Verständlichkeit von Sprache“. Birger Kollmeier ist seit 1993 Professor für Angewandte Physik/Experimentalphysik an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg. Hier hat er seitdem ein umfangreiches Netzwerk von Hörforschungseinrichtungen initiiert, an dem neben der Uni und der Fachhochschule auch Kliniken beteiligt sind. Er ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Audiologie und darüber hinaus Leiter der universitären Arbeitsgruppe Medizinische Physik, Wissenschaftlicher Leiter des Hörzentrums, der Hörtech gGmbH und der neuen Fraunhofer Projektgruppe „Hör-, Sprach- und Audiotechnologie“ sowie Sprecher des Clusters Auditory Valley. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.


Claudia Dirks
kma 06/2009 - Seite: 062-065

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