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Chirurgie

Ruinöser Ruf

Natürlich sind nicht alle so. Natürlich gibt es auch Chefärzte in der Chirurgie, die keine Allmachtsfantasien ausleben. Natürlich gibt es auch Chefärzte in der Chirurgie, die ihrem Lehrauftrag nachkommen. Die Doktorväter im besten Sinne sind.

Allein, es sind ihrer nicht besonders viele. Der Berufsverband der Deutschen Chirurgen lässt verlautbaren, dass man die eigene Lernkultur vernachlässigt, vielleicht sogar verloren habe. Wenn die Zunft der Chirurgen selbst aufgeschreckt ist über ihren schlechten Ruf und Handlungsbedarf sieht, dann steht es wirklich schlimm um sie.

Einst begründeten sie den Ruf des Halbgottes in Weiß. Herrscher über Leben und Tod. Jeder Einzelne von ihnen hatte eine noch härtere Ausbildung bei einem noch härteren Chefarzt hinter sich. Man musste sich nicht um den Nachwuchs scheren. Der Andrang war riesig, alles Weitere geschah im Einklang mit der natürlichen Auslese. Wer in den Situs weint, hat im OP nichts verloren. Heute gefährdet so eine Ausbildungskultur die Existenz ganzer Häuser. Kein Haus kann es sich leisten, die Abteilung zu schließen, weil ihm die Ärzte fehlen. Und schon eine hohe Fluktuation führt zu enormen Schwierigkeiten. Das Neubesetzen von Oberarzt- und Facharztstellen ist nicht nur zeitaufwendig, sondern auch kostenintensiv. So sind gute Arbeits- und Weiterbildungsbedingungen eng mit den wirtschaftlichen Interessen der Häuser verwoben. Trotzdem wird noch immer vielerorts so getan, als müsste sich nicht um den Fortbestand der Art geschert werden. Als wäre es noch immer ein unglaubliches Privileg, Aufnahme in die Königsdisziplin zu finden. Doch der drohende Ärztemangel macht auch vor dem Chirurgenfach nicht halt. Es gibt nicht nur weniger Medizinstudenten als noch vor zehn Jahren, es entscheiden sich darüber hinaus auch immer weniger von ihnen für die Chirurgie. Vor allem auch aufgrund ihres Feldwebel-Rufs.

So haben die, die kommen, mehr Wahlmöglichkeiten. Sie können es sich leisten, kritischer zu sein, und sie sind in der Regel gut informiert über die Zustände im Haus. Auch hier katalysiert das Internet die Entwicklung. Es spricht sich herum, wo man wie behandelt wird und wie die Ausbildung in den Häusern strukturiert ist, in denen man sich bewerben möchte.

Vor allem nicht so prominent gelegene Häuser, die sich um ihren Nachwuchs kümmern, haben gute Weiterbildungsbedingungen als Marketinginstrument für sich entdeckt. Um die zu schaffen, muss das Rad nicht einmal neu erfunden werden. Im Grunde ist es erschreckend einfach: Kommunikation auf Augenhöhe. Schon die bloße Aussicht auf ein regelmäßiges Mitarbeitergespräch führt zu einer positiven Bewertung des Hauses. Die Assistenzärzte, die eine Stimme bekommen und die Versicherung, dass sich die Ausbilder der Weiterbildungsordnung verpflichtet fühlen, wissen wahrscheinlich gar nicht, wohin mit ihrem Lob. Und das, so sollte man meinen, ist nicht zu viel Pflege des Nachwuchses und jedem zumutbar.

Claudia Dirks
kma 06/2009 - Seite: 082-082

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