Inhaltsverzeichnis

Editorial

Namen & Nachrichten

Rechtsdepesche

Namen & Nachrichten

Politik

Unternehmen & Märkte

Management

Facility Management

Spezial

Beruf & Karriere

FKT Nachrichten

ÖVKT Nachrichten

Blick in die Wirtschaft

Kommentar

Vorschau

PDF   Kommentieren   E-Mail

Rationierung

Politische Glaubwürdigkeit

Die Universität Tübingen und die Medizinische Hochschule Hannover haben kürzlich in einer Umfrage unter Klinikärzten herausgefunden: Rationiert wird in deutschen Krankenhäusern wirklich selten (siehe S. 6). Es kommt vor, dass die Mediziner eine Leistung aus wirtschaftlichen Gründen nicht gewähren, aber das ist die Ausnahme.

Das sind wirklich gute Nachrichten, denn sie lassen all jene im Regen stehen, die mit dem Schwingen der Rationierungskeule vor allem eines verfolgen, die Durchsetzung ihrer eigenen Interessen. Da sind zum einen die Lobbyisten – Medizinprodukte- und Hilfsmittelhersteller und die Pharmaindustrie - , die vor allem eines möchten, mehr Geld durch Zuzahlungen im 1. Gesundheitsmarkt. Da sind die Ärzte, die uns mit dem Rationierungsszenario vor allem auf höhere Beitrags- und neuerdings auch mehr Steuergelder für die Bezahlung von Ärzten einstimmen möchten. Und auch einigen Politikern dürfte diese Debatte gelegen kommen. Die, die den Systemwechsel favorisieren: Weg von der beitragsfinanzierten Krankenversicherung hin zur kapitalgedeckten privaten Krankenversicherung. Keine Frage, auf den Zug der Rationierungsdebatte sind inzwischen etliche aufgesprungen und mit Schreckensszenarien lassen sich trefflich politische Mehrheiten mobilisieren.

Deswegen sollte noch einmal auf den derzeitigen Status quo hingewiesen werden: Niemand, der in eine deutsche Klinik eingeliefert wird, muss befürchten, dass die Ärzte auf Kosten seiner Genesung, oder schlimmer noch an lebenserhaltenden Maßnahmen sparen. Dieser Befund der Wissenschaftler geht entgegen des Mainstreams. Er ist unspektakulär, beruhigend und regierungskonform. Schließlich bestreitet Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt rituell jedwede Rationierung im Gesundheitswesen. Ebenso rituell ruft Bundesärztekammerpräsdient Jörg Hoppe das Thema Rationierung zu jedem Deutschen Ärztetag erneut aus. So erst wieder geschehen zum 112. Deutschen Ärztetag im Mai in Mainz.

Doch Vorsicht. Ein Zurücklehnen in dieser Frage darf es nicht geben. Rationierung im Gesundheitswesen ist ein Thema. Die Versichertengemeinschaft muss auf Zukunftsfragen vorbereitet werden. Sie lauten: Wie wollen wir die gesetzliche Krankenversicherung bezahlbar halten? Wie gehen wir mit teuren Innovationen um? Wie wird der Versorgungsbedarf 2030 aussehen? Und wieviel Gesundheitsversorgung kann ein staatliches Krankenversicherungssystem überhaupt versprechen? Es ist höchste Zeit, beispielsweise zu diskutieren, was in den gesetzlichen Leistungskatalog gehört? Die Indikation Computerspielsucht? Dabei geht es um viel mehr als um gesundheitspolitsche Themen. Es geht um gesamtgesellschaftliche Diskurse. Wieviel Eigenverantwortung für die persönliche Gesundheit mute ich dem Einzelnen zu? Wann ist es die Aufgabe der Versichertengemeinschaft? Das Verhältnis zwischen Individuum und Gemeinschaft muss neu austariert werden – auch im Bereich der Gesundheitspolitik. Hier sollte eine Rationierungsdebatte ansetzen und die Politik muss sie zukunftsorientiert gestalten. Schon aus Gründen der politischen Glaubwürdigkeit. Denn der Wähler weiß längst, dass das System reformiert werden muss.

Ingrid Mühlnikel
kma 07/2009 - Seite: 082-082

Kommentar hinzufügen

Hinweis: Kommentare können von allen Besuchern gelesen werden. Nutzen Sie daher bitte die Kommentarfunktion ausschließlich für einen Kommentar zu diesem Artikel. Allgemeine Fragen zum Artikel können Sie gerne über das Kontaktformular an uns richten.

Ihr Name:*
Betreff:*
Kommentar:*
Sicherheitscode:* 

Bitte Lösung der gestellten Rechenaufgabe eintragen!
 
* Pflichtfelder