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Porträt

Gabriela Soskuty: Eine Amerikanerin in Berlin

Sie wohnt in Hamburg, hat einen Schreibtisch in Melsungen und verbringt die meiste Zeit in Berlin. Aus Überzeugung kämpft die Ärztin und Lobbyistin Gabriela Soskuty für ein stärkeres Gehör der Medizintechnikbranche in der Berliner Politik.

April 2009, Gesundheitskongress des Westens, morgens im Sheraton Hotel in Essen. Gabriela Soskuty betritt den Frühstücksraum. Ex-AOK-Vorstandsvorsitzender Hans Jürgen Ahrens sitzt schon beim Frühstück mit den Kongressveranstaltern Ulf Fink und Ingrid Völker. Eine strahlende, blendend aussehende Soskuty steuert auf den Tisch zu. H. J. Ahrens erhebt sich: Küsschen links, Küsschen rechts. Man kennt sich. Ein paar Wochen später: das Sommerfest des GKV-Spitzenverbands. Die Kaiserhöfe im Berliner Regierungsviertel sind voll von gesundheitspolitischer Prominenz. DAK-Chef Herbert Rebscher erblickt Soskuty, begrüßt sie herzlich. Ob im Hyatt Hotel auf dem Innovationskongress des Verbands der Universitätsklinika oder auf dem Sommerfest von Gesundheitsstadt Berlin e.  V. am Wannsee: Soskuty ist per Du mit Geschäftsführer des Unfallkrankenhauses Berlin, Axel Ekkernkamp, mit CDU-Gesundheitsausschussmitglied Rolf Koschorrek und mit dem Ex-Vorstandsmitglied des amerikanischen Gesundheitskonzerns Johnson & Johnson, Anton Schmidt, sowieso.

Gabriela Soskuty ist Lobbyistin. Derzeit kümmert sie sich für den weltweit zwölftgrößten Medizintechnikhersteller, B. Braun Melsungen, um adäquate politische Interessenvertretung. Sie ist sichtbar. Ihr Markenzeichen ist Präsenz. Das ist ungewöhnlich unter Tausenden von Interessenvertretern, die eher unauffällig versuchen, im Vorhof der politischen Macht auf die Gesetzgebung Einfluss zu nehmen. Bei Soskuty ist das anders. Wie ein Fisch im Wasser – der sich sichtlich wohlfühlt – schwimmt sie auf den unzähligen Veranstaltungen von Gesprächspartner zu Gesprächspartner. Eine freundliche Begrüßung hier, ein aufmerksamens Kopfnicken da, ein Smalltalk mit dem nächsten, dann ein kurzes Zurseitetreten mit dem Gesprächspartner, wenn es um diskretere Inhalte geht. Dabei hat diese Frau gelernt, Babys auf die Welt zu holen. Soskuty wollte mal Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe werden. Drei Jahre hat sie in einem Kreiskrankenhaus in Bad Soden im Taunus gearbeitet, bis sich eine nagende Unzufriedenheit breitmachte: Das kann‘s noch nicht gewesen sein. Die Arbeitsbedingungen für junge Assistenzärzte ließen damals schon, Anfang der 90er Jahre, zu wünschen übrig. 80-Stunden-Woche, häufige Nachtdienste, unterbesetzte Stationen. Sie entdeckte ein Stellenangebot im Ärzteblatt, bewarb sich und bekam den Job. Eine kleine Firma hatte ein Medizinprodukt entwickelt, um den Sauerstoffgehalt bei Feten zu messen. Das Produkt musste vertrieben, die Außendienstmitarbeiter mussten geschult werden. Gesucht wurde eine Kraft, die sich auf Geburtshilfe verstand und fließend Englisch sprach. Letzteres war eine Steilvorlage. Die Diplomatentochter ist bis zu ihrem sechsten Lebensjahr in New York aufgewachsen, danach folgten Stationen in Madrid und Wien. Der Job war Soskutys Einstieg in den Ausstieg. Ihr gesamtes weiteres Berufsleben widmete sie danach der raschen Erstattung medizintechnischer Produkte durch die gesetzliche Krankenversicherung. Ihr Motiv: „Es gibt innovative Produkte, die gut für den Patienten, aber schlecht vergütet sind.“

Talentsuche im BV-Med-Arbeitskreis
Sie merkte aber auch: „Vertrieb ist nicht mein Ding.“ Vier Jahre arbeitete sie für die Firma. In dieser Zeit fand sie Spaß an den komplizierten Systemfragen im Gesundheitswesen. Eine Rückkehr in den Kreißsaal stand nicht mehr zur Debatte. Schnell hat sie erkannt, was besser laufen müsste. „Die meisten großen Unternehmen unterhalten eine Abteilung, meist Market Access oder Reimbursement and Pricing genannt. Daneben gibt es noch eine Public-Affairs-Abteilung. Meiner Meinung nach gehört beides zusammen. Mir war bald klar, dass auch die Krankenkassen ihre eigene Politik verfolgen.“ Für zwei Jahre arbeitete sie danach bei dem Medizintechnikhersteller Boston Scientific. Ihr Job: die Entwicklung gesundheitspolitischer und -ökonomischer Strategien für Medizinprodukte. Richtig heimisch geworden ist sie dort nicht. Das war nicht weiter dramatisch. Das nächste Jobangebot stand schon im Raum. Durch die Mitarbeit in den Arbeitsgruppen des Bundesverbands Medizintechnologie fiel sie dem damaligen Johnson-&-Johnson-Geschäftsführer, Dieter Scheiff, auf. Er holte die damals 39-Jährige als Leiterin Gesundheitspolitik in den nach Unternehmensangaben weltweit größten Gesundheitskonzern. In sechs Jahren baute Soskuty eine Abteilung mit sechs Mitarbeitern auf. Aus dieser Zeit stammt auch die enge Verbindung zu Anton Schmidt. „Ja, ein Mentor, das kann man so sagen.“ Schmidt, heute Vorstandsvorsitzender der P.E.G. Einkaufs- und Betriebsgenossenschaft, war damals Vorsitzender der Ethicon-Geschäftsführung, einer Tochter des amerikanischen Mutterkonzerns. Soskuty musste an ihn berichten. Aus dieser Zeit stammt eine enge Verbindung zu Schmidt, den sie wie Hans Jürgen Ahrens auch zu ihren Förderern zählt.  

Klage gegen das Institut für Prüfungsfragen
Auch wenn ihr die Jobs scheinbar vor die Füße gelegt werden. Es gehört nicht zu ihrem Selbstbild, dass ihr alles zufliegt. Die beruflichen Erfolge habe auch sie sich erkämpfen müssen. Was zählt zu ihren Leistungen in dieser Zeit? Soskuty sagt heute noch „Dschey en Dschey“ und nicht Johnson und Johnson. Gut gelaufen, gibt sie sich bescheiden, sei die rasche Erstattung der Drug Eluting Stents nach Markteinführung. Und überhaupt, man glaube es nicht, das Thema Medizintechnik in die Politik einzuführen, all das sei kein Selbstläufer. Noch dominieren die Interessen der Pharmaindustrie auf dem bundespolitischen Parkett. Nun sind Gynäkologen politischer Umtriebe unverdächtig. Nicht so Soskuty. Sie bot schon während ihres Studiums dem Unibetrieb die Stirn und verklagte das Institut für medizinische Prüfungsfragen. 50 Prozent ihres Studiengangs seien damals durch das Physikum gefallen, weil falsche Antworten auf die Prüfungsfragen ausgegeben worden seien. Sie erstritt mit ihren Kommilitonen, dass 25 Fragen zurückgezogen und den Medizinstudenten 25 Punkte gutgeschrieben wurden. Und was hat sie aus der Zeit bei Johnson & Johnson mit­genommen? Sie betont die Aufgeschlossenheit, die in einem amerikanischen Konzern herrscht, aber auch ein Verständnis für die Ökonomisierung des Medi­zinsektors. Nach einem Personalwechsel auf der Vorstands­ebene bei Johnson & Johnson war die Zeit bei den Amerikanern beendet. Wieder hatte sie ein neues Angebot in der Tasche. B. Braun Melsungen warb die Lobbyistin ab. Seit zwei Jahren arbeitet sie für das Unternehmen. Das heißt vor allem repräsentieren, strategisch denken und argumentieren. Auch wenn sich ihre Ausbildung und Talente ideal ergänzen, ein Widerspruch bleibt: Soskuty führt ein Zitat einer Kollegin an. Diese bezeichnete die Arbeit auf der Geburtsstation als das „Feuilleton des Lebens“. Die Nähe zu den Familien, freudvolle und tragische Momente, die praktische Arbeit. Dieses Feuilleton des Lebens fehle ihr schon manchmal im Lobbyistenjob, bekennt Soskuty. Sie habe in all den Jahren den Eindruck gewonnen, dass es den Akteuren in der gesetzlichen Krankenversicherung an Bodenhaftung fehle. Aber vielleicht ist das gerade ihr persönlicher Antrieb.



Zur Person
Gabriela Soskuty ist Vice President Government Affairs, Health Policy & Economics bei B. Braun Melsungen. Die 47-Jährige studierte Medizin in Mainz mit dem Berufswunsch Fachärztin für Geburtshilfe und Gynäkologie. Sie arbeitet jedoch seit vielen Jahren als Lobbyistin in der Medizintechnikindustrie. Darunter für Firmen wie Boston Scientific, Johnson & Johnson. Gabriela Soskuty ist im Bundesverband Medizintechnologie aktiv und Mitglied des erweiterten Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Gesundheits­ökonomie sowie Mitglied im Netzwerk NIG 21 – Neue Ideen im Gesundheitswesen im 21. Jahrhundert. Sie lebt kinderlos mit ihrem Lebensgefährten in Hamburg.

Ingrid Mühlnikel
kma 08/2009 - Seite: 068-071

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