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Porträt

Roland Hetzer: Der Workaholic

Fünf Stunden Schlaf reichen ihm. Er operiert, doziert und jettet um die Welt – immer im Dienst seines Lebenswerks: Der Herzchirurg Roland Hetzer personifiziert das Deutsche Herzzentrum Berlin und dessen Aufstieg zum Klinikum von internationalem Rang.

Berlin-Moabit, in einer Nacht im Januar. Die Gegend ist alles andere als schick, sie ist ein altes Industrie- und Arbeiterviertel. Man denkt nicht, dass hier ein Chirurg von internationalem Rang einen 65. Geburtstag feiern würde. Die Party steigt mitten im Schmuddelbezirk, allerdings auf einer Insel mondäner Luxuriosität. In einem historischen Straßenbahndepot, umgebaut und aufgebrezelt zu einem Oldtimermuseum, herrscht festliche Atmosphäre. Ein kräftig gewachsener Herr mit grau meliertem Haar und gutem Teint tritt vor seine vornehm gekleideten Gäste und beginnt eine launige Ansprache – vom Typ und Alter her großväterlich, in seiner Ausstrahlung aber lausbübisch. Sein großes Vorbild, sagt er, sei Michael DeBakey, und der gilt als Vater der Herzchirurgie und einer der größten Chirurgen, die es jemals gab. In jedem und allem wolle er ihm nacheifern, unterstreicht der Arzt, der selbst als der „DeBakey Deutschlands“ gilt. Deshalb werde er auch noch mit 90 operieren, ganz wie sein Idol. Die Partygäste quittieren den Witz des Redners im Pensionsalter mit Gelächter. Was sie nicht wissen, ist, dass Roland Hetzer diesen Witz zur Hälfte nur gespielt hat. Er denkt nicht daran, sich in den Ruhestand zu verabschieden. Jedenfalls nicht schon mit 65.

Hetzer gilt als Deutschlands prominentester Herzchirurg. Er personifiziert das angesehene Deutsche Herzzentrum Berlin (DHZB), das er seit dessen Gründung 1986 leitet, und zugleich dessen Aufstieg zu einer international anerkannten Hochleistungsklinik für Herz-, Thorax- und Gefäßerkrankungen. Die Einrichtung, nicht weit von dem Autotempel in Moabit entfernt, will Klasse und nicht Masse bieten: ein alle Facetten der Herzchirurgie abdeckendes Programm für besonders diffizile Fälle. Das Transplantationsprogramm für Herzen gilt als das drittgrößte nach London und Paris. Als weltweit führend gilt das DHZB bei Entwicklung und Erforschung von künstlichen Herzen. An keinem anderen Klinikum der Welt wurden so viele Kunstherzen implantiert wie hier – rund 1.000 bisher.

Wenn man wollte, könnte man Hetzer als „Star-Chirurgen“ bezeichnen. Aber wahrscheinlich wäre er dann beleidigt. Eine Koryphäe ist er, das steht fest. Aber er begegnet anderen aufgeschlossen und hemdsärmelig, ohne Allüren und Arroganz. Hetzer gilt als Menschenfreund und Familienmensch. Seine polnische Frau und seine drei jugendlichen Kindern sieht er, sofern er in Berlin ist, täglich beim gemeinsamen Essen in seinem Haus im vornehmen Stadteil Charlottenburg. Die Zeit dafür nimmt er sich. Dass diese Zeit ihm bleibt, grenzt dabei an ein Wunder. Denn Hetzer gilt als Workaholic.

„Es macht mir Spaß. Ganz einfach.“

Siebenmal in der Woche absolviert er einen 14- bis 16-Stunden-Tag. Am Tag des Interviews mit kma stand er dreimal im OP. Dabei war er erst morgens von einem Kongress in Japan zurückgekehrt, auf dem er zwei Vorträge gehalten hatte. Er besitzt als Professor umfangreiche Lehrverpflichtungen an Universitäten, spricht regelmäßig auf Fachkongressen in aller Welt, besitzt fünf Ehrendoktor- und einen Ehrenprofessorentitel von Universitäten in Russland, China, Polen und Bosnien. Er ist Autor oder Koautor von mehr als 300 Buchbeiträgen oder Büchern und über 800 Publikationen in Fachzeitschriften – eine deutschsprachige gibt er selbst heraus.

Auf die Frage, was ihm die Kraft gibt für sein fast übermenschliches Engagement, antwortet Hetzer in dem für Chirurgen typischen Telegrammstil: „Ich liebe diesen Beruf. Es macht mir Spaß. Ganz einfach.“ Auf der Suche nach tieferen Erklärungen fragen wir den früheren Berliner Gesundheitssenator Ulf Fink, der Hetzer 1986 als Leiter ans neu gegründete Herzzentrum berief. „Macht einfach nur Spaß – diesen Satz trau‘ ich ihm zu“, sagt Fink „aber er stimmt: Da hat einer seine Lebensaufgabe gefunden.“ Fink sagt auch, dass Hetzer ein „Glücksfall“ gewesen sei: „Das Herzzentrum wäre nicht geworden, was es ist, wenn es Hetzer nicht gegeben hätte.“ Als Vorgesetztem wird ihm Geschick darin nachgesagt, Leute zu Höchstleistungen zu motivieren. Er selbst sagt von sich, er sei „kein sonderlich bequemer Chef“. Ein Gespür für Trends wird ihm bescheinigt, ein Händchen für die Zukunft, aber auch gesunde Skepsis gegenüber Neuerungen. Weil es in den 90er Jahren Mode war, ließ sich Hetzer dazu überreden, einen Operationsroboter anzuschaffen. „Ein nettes Spielzeug“, sagt der Chirurg heute. „Aber in der Herzchirurgie halte ich es schlicht für gefährlich.“ Der Roboter wurde abgeschafft. Hetzer reklamiert für sich, konservativ sein zu dürfen. Und wenn er sich auf Neuerungen einlässt, dann in Bereichen, wo es keine andere Lösung gibt. So entwickelte das DHZB die einzigen funktionierenden Kunstherzen für Kinder. Und es gibt hier Deutschlands ersten Simulations-OP für die Ausbildung von Herzchirurgen.



Privat, aber nicht geheim

Was tun Sie für Ihre Gesundheit?
Ich habe in den letzten Monaten einige Pfunde abgenommen.

Was sind Ihre Gesundheitssünden?
Ich rauche ab und zu eine Zigarre, meistens Sumatra.

Welche Aussteigerträume hegen Sie?
Zwei, drei Monate in Hongkong, dann in Buenos Aires, in Vene­dig, in Wien. Und das immer so im Kreislauf.



Für den Arztberuf hat sich Hetzer bewusst entschieden. Aber in die Herz­chirurgie geriet er eher zufällig. In einem jungen Team an der Medizinischen Hochschule Hannover, in dem die Arbeit „einfach Spaß machte“. Heute, gut 30 Jahre später, reflektiert Hetzer seine hoch riskante und mythenumrankten Profession mit philosophischem Ernst. Herzchirurgie sei etwas anderes als Chirurgie im Allgemeinen: nicht nur, weil das Herz über Leben und Tod entscheidet, sondern wegen dessen Unvergleichlichkeit. „Das Herz hat ein Eigenleben“, sagt Hetzer. „Es ist in einer rhythmischen Bewegung, die es sich selbst vorgibt.“ Man müsse zu diesem Organ ein besonderes Verhältnis entwickeln und viele Herzen in der Hand gehabt haben, um dieses Organ zu verstehen. „Das kann man nicht aus Büchern lernen.“ Das Herz sei wie eine Frau: „Man muss es gut behandeln, dann tut es auch, was man von ihm will. Und man muss ein doppeltes Gespür entwickeln: Was ist das Problem dieses Herzens? Und was kann ich ihm antun, ohne dass es sich rächt?“ Es gibt Leute, die bei Hetzers Operationen immer wieder gern zusehen – weil sie, so heißt es, eine eigene Ästhetik besitzen.

Römerkaiser, Hawaiiketten

In seinem Büro hält sich einer wie Hetzer nicht so oft auf. Wohnzimmercharakter hat es nicht. Ein großer Schreibtisch, eine Bücherwand, ein Konferenztisch aus rötlichem Holz, drumherum schwarze Ledersessel. Zeitlos, gediegen, schlicht. Kein Raum für Repräsentationszwecke. Eher eine Asservatenkammer für Objekte aus dem Leben eines kosmopolitischen Arbeitstiers, in der nebenbei auch noch ein Schreibtisch steht – zwischen Geschenken, Widmungen und Souvenirs. Auf der Schreibtischlampe: eine bunte Blütenkette aus Hawaii. Hinterm Schreibtisch: ein Porträt in Öl im Stil des Sozialistischen Realismus, das Hetzer mit einem Herzmuskel in der Hand vor der Moskauer Universität zeigt. Gegenüber: eine Gipsbüste des Römerkaisers Titus, die hier steht, weil Hetzers kleiner Sohn Titus sie hässlich fand. Und: ein Vulkan in Nordkorea. Einige Bilder stammen aus den Ausstellungen, mit der der Liebhaber der Malerei im historischen Treppenhaus des Herzzentrums Museumsatmosphäre verbreiten lässt.

Zurück zum Scherz auf der Geburtstagsgala. Roland Hetzer, das wissen wir, denkt nicht ans Aufhören. Noch drei Jahre, vielleicht fünf, will er mit seinem tannengrünen Jaguar jeden Tag zur Arbeit fahren. Und trotzdem: So wach, präsent und agil er noch immer sein mag: Er weiß auch, dass er es seinem Lebenswerk Herzzentrum schuldig ist, sich entbehrlich zu machen und den geordneten Rückzug rechtzeitig anzutreten. Hetzer sagt selbst: „Nichts ist schlimmer als ein Chirurg, den man aus dem Haus tragen muss.“ Deswegen ist der 65-Jährige dabei, mit dem Stiftungsrat des DHZB die Weichen für die Zeit nach seiner Ära zu stellen. Der Scherz mit dem greisen Chirurgen vom Januar war schon auch so gemeint. Denn heute verspricht Hetzer: „Ich werde nicht, wie mein Vorbild DeBakay, mit 90 Jahren noch in der Klinik herumlaufen.“



Zur Person

Roland Hetzer ist Ärztlicher Direktor des Deutschen Herzzentrums Berlin (DHZB) und gilt als einer der führenden Herzchirurgen und Transplantationsspezialisten weltweit. Der 1944 in Böhmen geborene Mediziner promovierte an der Universität München. In den 70er Jahren qualifizierte er sich bei einem USA-Aufenthalt an der angesehenen Stanford University im Fach Herzchirurgie weiter. Anschließend war er an der Medizinischen Hochschule Hannover tätig, wo er 1985 er als Erster in Deutschland eine Herztransplantation an einem Kind vornahm. Im selben Jahr wurde er Professor an der Freien Universität Berlin. Er lebt mit Frau und drei Kindern in Berlin-Charlottenburg.

Adalbert Zehnder
kma 09/2009 - Seite: 074-077

1 Kommentare zu diesem Artikel

Professor Hetzer
01.10.2014 01:44:14 von Thomas Rösler

Dieser Mann verdient Hochachtung.
Vielen Menschen hat er das Leben gerettet.
Professor Hetzer wünsche ich alles gute

 

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