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Porträt

Hartwig Bauer: Den Gipfel im Blick

Früher hat er sich jeden Tag aufs Operieren gefreut. So einer geht mit 65 nicht in den Ruhestand. Seit Hartwig Bauer seinen Arztkittel an den Haken gehängt hat, ist er Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. Sein Ziel: das Zusammenwachsen der chirurgischen Fachgruppen zu einer Gemeinschaft.

Er sehnt sich danach, mal wieder auf einen Berg zu steigen. So wie damals in der 70er Jahren, als er sich am Himalaja bis auf 6.500 Meter hochgekämpft hat. In Kathmandu ist er Reinhold Messner begegnet. „Wie der im Alleingang 8.000er bezwungen und die Leistungsfähigkeit des Einzelnen unter Beweis gestellt hat, das hat mir schwer imponiert.” Ein Abenteurer ist Hartwig Bauer deshalb nicht geworden, eher das glatte Gegenteil: Chirurg. Aber er hat sich immer die Freiheit genommen, das zu tun, was er für richtig hielt. Hat kriegsverletzte Kinder aus Afghanistan und dem Kosovo behandelt, Aufbauhilfe in ukrainischen, rumänischen und ungarischen Krankenhäusern geleistet und Kollegen in Togo ausgebildet. 2007 erhielt der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie das Bundesverdienstkreuz für sein Lebenswerk.

Hartwig Bauer spricht leise. Er wirkt zurückhaltend, schüchtern fast in der dunkel vertäfelten Atmosphäre seines Berliner Büros im Langenbeck-Virchow-Haus. Ein bayerisches R rollt durch seine Sätze, gibt ihnen einen warmen Klang. Die Augen unter den buschigen Brauen blicken gutmütig, die hohe Stirn und der große Schnurrbart verstärken diesen Eindruck. Beim Reden verzichtet er auf Phrasen, nicht ganz selbstverständlich für einen Verbandsfunktionär. Seine vermeintliche Schüchternheit verfliegt schnell. Entspannt lehnt er sich in die kleine schwarze Ledercouch, stützt den Kopf in die eine Hand, die andere webt Figuren in die Luft. Hartwig Bauer weiß, wovon er spricht und was er will. Wenn er sich einmal entschieden hat, bleibt es dabei. Mit seiner Frau, die er vor 41 Jahren geheiratet hat, saß er schon im Sandkasten. Auch an seinem Berufswunsch gab es seit frühester Jugend nichts zu rütteln. Als leidenschaftlicher Bergsteiger und Skifahrer muss­te er nicht nur ein, sondern mehrere Male mit Sportverletzungen ins Krankenhaus. Was er dort am eigenen Leib erlebte, faszinierte ihn so sehr, dass er Chirurg werden wollte. „Es ist ein ganz besonderer Moment, einen Menschen zu öffnen und bewusst in die Integrität seines Körpers einzudringen, um zu einem erkrankten Organ zu gelangen”, beschreibt er das Gefühl beim Ansetzen des Skalpells. 1967, er war Medizinalassistent, tat er zum ersten Mal einen solchen Schnitt, um einen Blinddarm zu entfernen. Seither hat ihn diese Spannung nicht mehr losgelassen.

Fortlaufende Spezialisierung

In diesen mehr als 40 Jahren hat sich in der Chirurgie eine Menge getan. Ende der 60er Jahre waren Ultraschallaufnahmen bestenfalls verschneite Bilder, Computertomographien gab es gar nicht, die Endoskopie steckte in ihren Anfängen. Chirurgen waren weniger spezialisiert und für die klinische Diagnose viel mehr auf ihre Augen und Hände angewiesen als heute. Bauer möchte diese Zeit nicht missen. Er trauert ihr aber auch nicht nach. Dank des medizinischen Fortschritts seien Operationen einfacher und sicherer geworden. Dass er Anfang der 90er Jahre den Siegeszug der minimalinvasiven Chirurgie mitgestaltet hat, bedeutet für ihn Glück. Und es berührt ihn zutiefst, dass noch heute, sieben Jahre nach seiner letzten Operation, ehemalige Patienten Weihnachtsgrüße schicken. Er war auf Tumoren spezialisiert, konnte vielen Menschen helfen. Doch er musste auch Tiefschläge ertragen. Einmal kam der Tod völlig unerwartet. Bauers Patient, ein älterer Mann, verstarb an einer nicht beherrschbaren Lebervenenblutung, mit der niemand gerechnet hatte. Bauer ist danach mit seinem Team jeden einzelnen Operationsschritt durchgegangen, um den Fehler zu finden und nie wieder zu machen. „Das ist wie beim Bergsteigen: Wenn man abstürzt, sollte man am bes­ten wieder den gleichen Weg nach oben einschlagen. Nur besser gesichert.”



Privat, aber nicht geheim

Was tun Sie für Ihre Gesundheit?
Zu wenig. Früher bin ich viel gelaufen, jetzt rede ich mich mit Gelenkproblemen heraus.

Welches sind Ihre Gesundheitssünden?
Ich esse gern. Am liebsten ungesunde Sachen.

Haben Sie Aussteigerträume?
Klares Nein!




Keine Angst vor Ökonomie

Noch relativ jung an Jahren, im Alter von 38, wurde er Chefarzt der chirurgischen Abteilung und Ärztlicher Direktor des Kreiskrankenhauses Alt­ötting. Weil zu einer leitenden Funktion im Krankenhaus mehr gehört als operatives Geschick – „Das wird vorausgesetzt“ –, begann er, sich mit Klinikmanagement und Ökonomie zu beschäftigen. Dass er 1997 als Präsident der DGCH einen Kongress über „Effizienz und Ökonomie in der Chirurgie” gestaltet, ist zu diesem Zeitpunkt mutig. Aber konsequent: Schon Mitte der 80er Jahre, als noch niemand das Wort Prozessmanagement auch nur in den Mund nahm, hatte er an seinem Haus eine klinische Ablaufsteuerung eingeführt, zusammen mit dem Gesundheitsökonom Günter Neubauer ein pauschaliertes Entgeltsystem in der Chirurgie erprobt und Qualitätsberichte veröffentlicht. Er spricht aus, was viele nicht hören wollen: „Ökonomie in der Medizin ist nicht automatisch unethisch. Ganz im Gegenteil. Unwirtschaftliches Handeln ist zutiefst inhuman. Dabei wird Geld verschwendet, das eigentlich in die qualifizierte Versorgung von Patienten fließen sollte.“

Dass Hartwig Bauer mit 65 nicht in den Ruhestand gegangen ist, sondern das Amt des DGCH-Generalsekretärs übernommen hat, wundert eigentlich nicht. Seine Frau nennt ihn einen Work­aholic. Dass sein Amtsantritt im Jahr 2003 mit der Umstrukturierung der chirurgischen Weiterbildungsordnung zusammengefallen ist, wird die Sache für ihn nur interessanter gemacht haben. Die verschiedenen chirurgischen Fachrichtungen haben seitdem eine gemeinsame zweijährige Basisausbildung, auf die eine vierjährige Spezialisierung in der jeweiligen Fachrichtung folgt. Neun chirurgische Fachgesellschaften haben sich mittlerweile unter dem Dach der DGCH versammelt. Diese Einheit zu fördern, war und ist Bauers großes Ziel. Nun muss die Rolle des einstigen Mitgliederverbandes als Dachgesellschaft neu definiert werden. Für die anderthalb Jahre, die er noch im Amt bleiben will, ist das mehr als genug. Nicht, dass ihn das schrecken würde. Aber er würde auch gern wieder öfter ein Buch lesen, mit seiner Frau häufiger ins Kabarett gehen – und vor allem: einen Berg erklimmen.



Zur Person

Sein Vater war Zahnarzt und hatte drei Söhne. Zwei davon wurden Zahnarzt wie er. Der mittlere, Hartwig Bauer, geboren 1941, entschied sich für den Beruf des Chirurgen. Seine Kindheit und Jugend in der malerischen bayerischen Kleinstadt Eichstätt, erzählt er, war von großer Freiheit geprägt, mit 16 trampte er quer durch Europa. Er studierte Humanmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, wo er 1977 habilitierte und 1980 zum Professor ernannt wurde. Ein Jahr später wurde er im jungen Alter von 38 Chefarzt an der chirurgischen Abteilung und Ärztlicher Direktor des Kreiskrankenhauses Altötting. Seit 2003 ist er Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. Für sein berufliches und soziales Engagement erhielt er 2007 das Bundesverdienstkreuz. Hartwig Bauer ist verheiratet, hat zwei Töchter und von jeder einen Enkelsohn.

Jana Ehrhardt
kma 03/2010 - Seite: 062-065

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