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Porträt Wolfgang Putz

Anwalt der Sterbenden

Schon in 270 Fällen hat der Rechtsanwalt Wolfgang Putz Menschen vertreten, die gegen ihren Willen beatmet oder künstlich ernährt wurden. Das hat ihm die Bezeichnung „Sterbe-Anwalt” eingebracht. Der Münchner ist jedoch ein lebensbejahender Mensch. Der Tod gehört für ihn einfach dazu.

Dass dieser Mann im Dezember als Nikolaus von Tür zu Tür reitet und Geschenke verteilt, nimmt man ihm sofort ab. Ein weißer Bart sprießt an Wangen und Kinn, in den braunen Augen glimmt etwas Schelmisches, er redet gern und lacht viel. Die Gutmütigkeit in Person, denkt man – und wird überrascht vom Kampfgeist, der einem aus dem runden Gesicht entgegenfunkeln kann. Dann verwandelt sich der Nikolaus in den Rechtsanwalt Wolfgang Putz. Den Anwalt, der die herrschende Praxis und Rechtsprechung in Sachen Sterbehilfe umgekrempelt hat. „Ich habe überhaupt nichts umgekrempelt”, protestiert er. „Alles bleibt, wie es ist. Es ist lediglich klarer geworden.”

Putz hat sich auf Behandlungsfehler und Patientenverfügungen spezialisiert. So vertrat er auch Erika K. Die 77-Jährige lag nach einer Hirnblutung seit fünf Jahren im Wachkoma, über den Ernährungsschlauch an ein Leben gefesselt, das sie so nie gewollt hatte. Mit Putz‘ Hilfe erwirkten ihre Kinder vor Gericht, dass die Magensonde entfernt werden könnte. Kurz nachdem der letzte Tropfen Flüssignahrung durch den Schlauch gelaufen war, überlegte es sich die Heimleitung anders und führte Frau K. gegen den Willen der Kinder wieder Nahrung zu. Putz empfahl ihrer Tochter Elke G.: „Schneiden Sie den Schlauch einfach ab.” Frau K. wurde daraufhin in ein Krankenhaus verlegt, wo sie weiter ernährt wurde und zwei Wochen später an einem Herzinfarkt starb. Wolfgang Putz wurde vom Landgericht Fulda wegen aktiver Sterbehilfe und versuchten Totschlags zu neun Monaten auf Bewährung und einer Geldstrafe von 20.000 Euro verurteilt. Er ging in Revision. Am 25. Juni 2010 gab ihm der Bundesgerichtshof in einem Grundsatzurteil recht: Einzig und allein der Patientenwille entscheide darüber, ob eine Behandlung fortgeführt wird oder nicht. Das Durchschneiden der Sonde sei die angemessene Reaktion auf den tätlichen Angriff des Heims auf Frau K. gewesen.

Die Krönung seines Lebenswerks
Nach der Urteilsverkündung jubilierte der 61-Jährige: Dieses Urteil sei die Krönung seines Lebenswerks. Aber was, wenn der BGH anders entschieden hätte? Der Anwalt schüttelt energisch den Kopf: „Wir haben in dem absolut sicheren Gefühl gehandelt, vollkommen im Recht zu sein. Wenn Sie einen Einbrecher im Haus haben und die Polizei rufen, gehen Sie ja auch davon aus, dass die Polizei den Einbrecher festnimmt. Und nicht Sie.” Schon seit Jahren ist unstreitig, dass ein Mensch nicht gegen seinen Willen behandelt werden darf. Ebenso unbestritten ist, dass dies auch für den mündlich geäußerten Willen gilt. Allerdings verstrickte sich die Rechtsprechung bislang in Widersprüche: So verfügte das oberste Gericht im Jahr 2005 – in einem Fall von Putz‘ Kanzlei –, dass ein Pflegeheim einen Patienten nicht gegen seinen Willen zwangsernähren dürfe. Gleichwohl heißt es im letzten Absatz des Urteils, dass das Zivil- mit dem Strafrecht kollidiere und der Gesetzgeber klären müsse, unter welchen Umständen das Beenden der künstlichen Ernährung nicht doch ein Tötungsdelikt ist. „Dieses Urteil hat zu einer großen Verunsicherung geführt”, erklärt der Anwalt. Die Ärzte waren in einer schwierigen Lage: Hatte jemand wie Erika K. bekundet, nicht an der Magensonde enden zu wollen, machte sich der Arzt der Körperverletzung schuldig, wenn er eine Sonde legte. Legte er jedoch keine Sonde, musste er fürchten, sich der Tötung strafbar zu machen.

Glückwünsche der Ministerin
Dieses Dilemma hat der BGH nun aus der Welt geräumt. „Das Urteil hat bestätigt, dass alles, was der Rechts­lage entspricht, selbstverständlich nicht strafbar ist”, fasst Putz zusammen, wofür der Richterspruch als richtungsweisend gefeiert wurde. Am Tag der Urteilsverkündung versagte sein Handy den Dienst, weil es die vielen SMS nicht mehr verarbeiten konnte. Die Bundesjustizministerin beglückwünschte Putz, er habe mit seinem persönlichen Einsatz eine der wichtigsten Entscheidungen der letzten Jahre zustande gebracht. Ein Medizinstudent schrieb ihm – und ihm steigen Tränen in die Augen, als er davon erzählt –, dass Putz sein Arztleben geprägt habe und dass er glücklich sei, seinen Eltern irgendwann sagen zu können: „Ich kann euch helfen.” Täglich erhält der Anwalt Briefe in der steilen, zittrigen Handschrift alter Menschen, die ihm dafür danken, dass sie keine Angst mehr haben müssen. Kritiker allerdings werfen ihm vor, er habe den Prozess provoziert und das tragische Schicksal der Frau K. zu einer politischen Angelegenheit gemacht. „Die haben noch nie miterlebt, wie die Menschen leiden”, schnaubt er. „Sie können doch nicht in hunderten Fällen hautnah miterleben, wie Menschen zwangsbehandelt werden, wie sie in ihren Menschenrechten verletzt werden, und still bleiben.” Heimleitung und Behörden haben die Familie von Frau K. auf dem Gewissen. Es erfordert nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, wie verzweifelt eine Tochter sein muss, wenn sie zur Pflasterschere greift, um den am Leben gehaltenen Körper der Mutter endlich sterben zu lassen. Ihr Bruder hat das Ganze nicht verkraftet und sich später das Leben genommen. Der Vorwurf der Fuldaer Staatsanwältin, Putz habe sich zum Herrn über Leben und Tod aufgeschwungen, klingt da fast schon zynisch. „Zum Herrn über Leben und Tod schwingen sich doch diejenigen auf, die Menschen gegen ihren Willen beatmen oder ernähren”, klagt Putz an, und als es für einen kurzen Augenblick scheint, als verschlage es ihm angesichts dieser Anmaßung die Sprache, möchte man ihm beipflichten und sagen: „Umso mehr, als dass es dabei wahrscheinlich weniger um Fürsorge oder Gott geht, sondern eher um eine Menge Geld.” Doch da redet er schon weiter, über seinen christlichen Glauben, der ihn motiviert habe: „Herr über Leben und Tod ist für mich der liebe Gott. Der hat Frau K. eine Hirnblutung geschickt, an der jeder Mensch in allen Jahrtausenden gestorben wäre.”

Der Schöpfung verbunden Seine Kraft schöpft er allerdings nicht aus dem Gebet. Wolfgang Putz züchtet norwegische Fjordpferde, robuste Ponys mit sandfarbenem Fell und schwarzer Borstenmähne. Sein liebs­tes Hobby: Wanderreiten. Vor dem Prozess in Karlsruhe ist er zehn Tage lang kreuz und quer durch Baden-Württemberg und Franken geritten. In gewisser Weise verkörpern seine Pferde – „Urviecher”, wie er sie nennt – sein Selbstbild. Stünden Haflinger in seinem Stall, scherzt er, wäre er wahrscheinlich bei den bayerischen Naturburschen und könnte jodeln. „Das ist nicht meine Mentalität. Die Fjordpferde stehen für Natürlichkeit, für Normalität. Ich liebe diese wunderbare Welt, ich bin der Schöpfung sehr verbunden.” Wahrscheinlich deshalb ist sein Haus eine Art Arche Noah, die in einem großen, verwilderten Garten gestrandet ist: Er hat einen Hund, eine Katze, viele Schildkröten, Fische, und an eine Seite seines Hauses hat er eine Voliere gezimmert, mit Wellensitti­chen, Kanarien- und anderen Vögeln, die niemand mehr will. Für einen Mann, der das Leben so liebt, ist der Tod ein Teil davon: „Ich möchte alt werden, das Leben genießen, eine Woche etwas schwächeln, mich mit einem Witz auf den Lippen von meinen Kindern verabschieden und dann tot sein.”  


Zur Person

Wolfgang Putz wurde 1949 in München geboren. Er studierte Jura und Politik und im Anschluss Medizin. Weil er schon Familie hatte, brach er das Medizinstudium ab und blieb Anwalt. Als Medizinstudent ging er auf die Straße und protestierte: „Darf die Medizin, was sie kann?” Fast folgerichtig spezialisierte er sich als Anwalt „auf die dunklen Seiten der Medizin”, wie er sie nennt: die Durchsetzung des Patientenwillens am Lebensende und medizinische Behandlungsfehler. Seine Kanzlei hat schon 270 Mal Komapatienten vertreten. Diese Fälle arbeitet Putz im Rahmen eines Forschungsprojektes an der Universität München auf, wo er für Medizinrecht und Ethik lehrt. „In mindestens 30 Fällen haben wir das Sterben verhindert. Es gibt anrüchige Geschichten, bei denen man sehr genau darauf schauen muss, dass man sich nicht der Tötung schuldig macht.” Mit Elke G. verbindet ihn eine „Schicksalsgemeinschaft”: Die beiden haben über den jahrelangen Tod von Elke G.s Mutter und den anschließenden Prozess ein Buch geschrieben, das im nächsten Frühjahr im Fackelträger Verlag erscheint. Putz ist geschieden, hat drei erwachsene Kinder und ist frisch verliebt.

Jana Ehrhardt
kma 08/2010 - Seite: 062-065

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