„Erschreckend” nannte jüngst ein Mediziner, selber vom Fach, die rapide gestiegenen Fallzahlen in der Endoprothetik. Das Ausmaß dessen, was in deutschen Krankenhäusern an Knie- und Hüftgelenken den Patienten eingesetzt und auch wieder ausgetauscht wird, hat auch viele Ärzte überrascht. Der Barmer GEK ist mit den kürzlich im Krankenhausreport 2010 veröffentlichten Zahlen ein versorgungspolitischer Coup gelungen. Dass sie den Nerv getroffen hat, zeigten allein die in binnen weniger Stunden erfolgten Reaktionen der Deutschen Krankenhausgesellschaft, des Marburger Bundes und der Orthopädischen Fachgesellschaften. Dabei stehen nicht nur Ersatzgelenke im Verdacht statistischer, unplausibler Auffälligkeiten. So wird fast jedes dritte Baby heute durch einen Kaiserschnitt zur Welt gebracht; überdurchschnittlich viele Herzkathetermessungen werden in den Krankenhäusern vorgenommen oder Bandscheiben operiert.
Das Thema ist heikel. Niemand will Ärzten bei Diagnose und Therapie unterstellen, nicht das Wohl des Patienten in den Mittelpunkt der ärztlichen Berufsausübung zu stellen. Auch gilt es gerade bei Fällen, die eben nicht eindeutig zu diagnostizieren sind, Verdachtsmomente auszuräumen und das Spektrum für Ursachen einzuschränken und zu klären. Das kostet die eine oder andere medizintechnische Untersuchung.
Wenn jedoch die Abrechnungszahlen der Krankenhäuser solch gravierende Ausschläge aufweisen wie aktuell die Endoprothesen, die nicht mit dem demografischen Faktor und einer damit einhergehenden Morbidität zu begründen sind, muss Ursachenforschung betrieben werden. In diesem Stadium befinden wir uns jetzt: Aufgrund des zunehmenden Wettbewerbs kümmern sich Kassen endlich stärker um die Aufbereitung und Veröffentlichung ihrer versorgungspolitschen Daten – verbunden hoffentlich mit einem Erkenntnisgewinn für das gesamte Gesundheitswesen.
Die Ärzte selbst führen den ökonomischen Druck in den Kliniken als Grund für unverhältnismäßige Fallzahlen an. Und manch ein Geschäftsführer eines Krankenhauses versucht, durch eine Handvoll mehr Fälle die vom Gemeinsamen Bundesausschuss geforderten Mindestmengen zu erreichen oder ein wenig Krankenhausplanung in eigener Sache zu betreiben. Diese Tricksereien schaden dem gesamten System. Es kann nicht sein, dass die ärztlichen Therapieempfehlungen am Krankenbett des Patienten durch Zwänge zur Erlössteigerung beeinflusst werden und so letzten Endes das Vertrauen im Arzt-Patientenverhältnis erschüttert wird. Genauso wenig ist es legitim, wenn die krankenhausspezifischen Interessen einzelner Häuser die stationäre Versorgungslandschaft determinieren und so Strukturen einer Fehl-, Über- und Unterversorgung fortgeschrieben werden. Wenn die Krankenhäuser der Meinung sind, dass ihre Leistungen zu schlecht bezahlt werden, gehört dies in die Budgetverhandlungen mit den Kassen und in die Kalkulation des InEK, das die Fallpauschalen für die Krankenhäuser berechnet. Und wenn sie Strukturvorgaben des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) wie Mindestmengen durch Fallzahlsteigerungen konterkarieren, dann muss über Sinn beziehungsweise Unsinn dieser Instrumente im GBA nachgedacht werden.










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