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Porträt Norbert Pfeiffer

Der mutige Mainzer

Im Mainzer Infusionsskandal hat Norbert Pfeiffer Mitarbeitern und Öffentlichkeit zu jeder Zeit die Wahrheit gesagt. Sein Verhalten ist in der Branche fast zur Legende geworden. Doch woraus speist Pfeiffer seinen Mut und seine Aufrichtigkeit? Aus seinem protestantischen Glauben und der Einsicht, dass Lügen langfristig schädlich sind.

Sonntag, 23. August 2010. Um 9 Uhr 15 erhält Norbert Pfeiffer einen Anruf aus der Klinik: Elf Säuglinge auf der Kinderintensivstation im Universitätsklinikum Mainz haben verkeimte Infusionslösungen erhalten, zwei sind gestorben. Einem Frühchen, das später sterben wird, geht es sehr schlecht. Die Säuglinge werden mit Infusionen aufgepäppelt, die in der Klinikapotheke gemischt wurden. Ein etabliertes, in Mainz hunderttausendfach praktiziertes, sicheres Verfahren. Doch Mitarbeiter finden in den Rückstellproben den gleichen Keim wie im Blut der Kinder. Dem Direktor des Universitätsklinikums ist sofort klar: „Das ist eine Katastrophe.” Pfeiffer ist Augenarzt, seit zwei Jahren Ärztlicher Direktor und Dienstherr von 7.200 Mitarbeitern. Die Arbeit macht ihm Spaß, doch darauf ist er nicht vorbereitet, er besitzt keine einschlägigen Erfahrungen in der Öffentlichkeitsarbeit. Doch Pfeiffer handelt schnell, übernimmt Verantwortung, beruft für 11 Uhr einen 15-köpfigen Krisenstab. Die Klinik informiert Eltern, Gesundheitsamt, Apothekenaufsicht, das zuständige Ministerium. „Um 13 Uhr 15 habe ich mit dem Staatsanwalt telefoniert”, blickt Pfeiffer auf zwei turbulente Stunden zurück.

„Unsere wichtigste Aufgabe war die Vermeidung weiterer Schäden”, erklärt Pfeiffer. Auf der Kinderintensivstation liegen neun Säuglinge, die auf Infusionen angewiesen sind. Die Klinik schließt den Reinraum, tauscht Schläuche der Mischgeräte aus, verwendet Zutaten anderer Hersteller, informiert alle Lieferanten und Eltern, organisiert psychologische Hilfe. „Wir haben ihnen reinen Wein eingeschenkt, nichts verschwiegen.”

„Man muss schon mal ein Taschentuch reichen”

Für 17 Uhr findet eine Pressekonferenz statt. Pfeiffer besitzt kein Krisenhandbuch, tritt ohne Manuskript vor die Mikrofone. Er nennt verkeimte Infusionslösungen als mögliche Todesursache, beantwortet jede Frage, vermeidet Floskeln. Um 19 Uhr steht der Fall in den Heute-Nachrichten an erster Stelle. Ein Journalist fragt wenige Tage später, welche Ursache aus seiner Sicht am wahrscheinlichsten sei. Man vermute den Fehler im eigenen Haus, in der Apotheke, sagt Pfeiffer nach kurzem Zögern. Er habe wahrheitsgemäß geantwortet, obwohl die Antwort „durchaus kritisch war”.

Die Universitätsklinik versucht, immer zuerst die Mitarbeiter zu informieren. Pfeiffer besucht die Apotheke und Kinderklinik, spricht mit besorgten bis verzweifelten Mitarbeitern, beruhigt sie. Niemand werde entlassen, auch nicht bei Fehlern. „Man muss in solchen Fällen schon mal ein Taschentuch reichen.”

Nach fünf Tagen stößt Kommissar Zufall auf die richtige Spur. Durch einen Haarriss in einer Glasflasche mit Aminosäure sind Keime in das Innere gelangt. Die Klinik atmet auf, der Schuldvorwurf ist vom Tisch, in Mainz gehen fünf turbulente Tage zu Ende. Die Offenheit der Klinik zahlt sich aus – die Medien glauben der Klinik diese entlastende Erkenntnis. „Natürlich gab es im Krisenstab auch Stimmen, die mich vor diesem Vorgehen gewarnt haben”, blickt Pfeiffer zurück. „Lass uns doch abwarten, was bei den Untersuchungen herauskommt”, lautet ein Ratschlag. Pfeiffer entscheidet sich anders: „Das geht nicht, wir müssen informieren”, entgegnet Pfeiffer. „Elf Kinder haben verkeimte Infusionslösungen erhalten, zwei sind gestorben, ein Kind hat kaum Überlebenschancen.” Er wollte vermeiden, dass die Staatsanwaltschaft an die Presse geht, die Eltern die Dinge aus den Medien erfahren.

„Für uns gab es keine Zurückhaltung bei der Aufklärung”, meint Pfeiffer. Vor Trauer und Schmerz gekrümmte Eltern wollen schnell wissen, was passiert ist. Ratschläge von Juristen, nichts zugeben, das bedeute eine Vorverurteilung, „macht menschlich und medizinisch keinen Sinn”. Rückblickend räumt Pfeiffer sogar ein: „Es wäre möglich gewesen, die Dinge unter den Teppich zu kehren.” Man hätte den Tod der Säuglinge auf die schweren Vorerkrankungen schieben, die Verkeimung außen vor lassen können. „Doch zu welchem Preis? Fehler geschehen überall, wo Menschen arbeiten. Man muss sie identifizieren und abstellen. Dazu braucht man ein Klima, in dem man Fehler zugeben kann.” Sonst werde der nächste Fehler unter den Teppich gekehrt, eine „Abwärtsspirale ist programmiert”.

„Wer lügt, braucht ein gutes Gedächtnis”

Die Offenheit entspricht der Grundüberzeugung des überzeugten Protes­tanten. „Du sollst nicht lügen”, so laute ein wichtiges Gebot der evangelischen Kirche.

Die Berichterstattung hat ihn angenehm überrascht. „Die Medien haben im Wesentlichen korrekt berichtet”, lautet sein Fazit. Es habe sich ein „konstruktives, sehr positives Verhältnis” entwickelt. Sogar die Zeitung mit den vier großen Lettern habe überwiegend das berichtet, „was wir vorgetragen haben”. Das alles gelang ohne PR-Berater, die mit Argumenten wie „Sie brauchen uns” oder „Sie werden Fehler machen” ungefragt ihre Diens­te anbieten. Zu stolzen Tagessätzen von bis zu 6.000 Euro. Ausgaben, die Pfeiffer der Klinik ersparen konnte.

Anfang Oktober 2010 ist Pfeiffer nach acht Jahren im Vorstand als Chefarzt in die Augenklinik zurückgekehrt. „Aus einer Krise, die man meistert, geht man gestärkt hervor”, sagte er während einer kleinen Feier. Während der fünf Tage im August sei die junge Mainzer Universitätsmedizin „noch stärker zusammengewachsen”.

Ein paar Monate später sitzt er in seinem Arbeitszimmer und meint: „Wer lügt, muss ein gutes Gedächtnis haben. Man muss immer überlegen, was habe ich gestern, vorgestern oder vorige Woche gesagt. Man muss stets auf der Hut sein, und vermutlich widerspricht man sich irgendwann einmal.” Dann ist es vorbei mit der Glaubwürdigkeit. Die Erkenntnis des Mainzer Protes­tanten: „Bleibt man bei der Wahrheit bleibt, macht man nichts falsch.”


Zur Person

Norbert Pfeiffer ist Chefarzt der Augenklinik und Poliklinik im Universitätsklinikum Mainz, war zwischen 2000 und 2003 sowie zwischen 2008 und 2010 Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums, führt Studien zur Erforschung des Glaukoms durch und sitzt als wissenschaftlicher Vorstand im Berufsverband der Augenärzte (BVA). Pfeiffer, der Humanmedizin in Gießen, Freiburg, Newcastle und Cambridge studiert hat, kam 1990 nach einem Studienaufenthalt in London nach Mainz, schloss 1992 seine Habilitation ab, wurde im gleichen Jahr leitender Oberarzt und kommissarischer Leiter der Augenklinik. Der 52-jährige Arzt ist verheiratet, hat drei Kinder und ist bekennender Protestant. Als begeisterter Flötist trifft er auch in der Freizeit den richtigen Ton.

Michael Kittner
kma 01/2011 - Seite: 062-065

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