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Porträt Helge Karch

Der EHEC-Jäger

Der Darmkeim EHEC beherrscht seit Wochen die Berichterstattung. Helge Karch, Direktor des Instituts für Hygiene am Uniklinikum in Münster, hat den Erreger als Erster identifiziert.

Seit dem 23. Mai herrscht am Institut für Hygiene des Universitätsklinikums Münster der Ausnahmezustand: An diesem Tag geht vormittags die erste Stuhlprobe eines Menschen ein, der an blutigem Durchfall und krampfartigen Unterleibsschmerzen leidet. Helge Karch schwant Übles, zwei Tage später hat er Gewissheit: Der Patient hat sich mit Enterohämorrhagischen Escherichia coli-Bakterien (EHEC) infiziert, ausgerechnet mit solchen des weltweit sehr seltenen Stammes HUSEC041. Von diesem EHEC-Typen befallene Menschen können neben dem Durchfall am sogenannten hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) erkranken: Ihre Nieren versagen, Nervenzellen werden angegriffen. Die Giftstoffe des Keims werden zwar aus ihrem Blut gespült, seine Auswirkungen werden sie dennoch für den Rest ihres Lebens verfolgen: Sie werden womöglich Spendernieren brauchen, sich nicht mehr so gut erinnern können oder an epileptischen Anfällen leiden. Wenn sie nicht daran sterben.

Ruheloser Forscher

Der Laborbefund hat Helge Karch nicht überrascht. Der Institutsdirektor ist den EHEC-Bakterien seit fast 30 Jahren auf der Spur. In seinem Archiv hat er alle 42 bekannten Stämme zusammengetragen. Dass es seit 2001 eine Meldepflicht für EHEC-Erkrankungen gibt, hat er durchgesetzt. Zufrieden ist er damit noch nicht. „Das muss schneller gehen.” Der Erreger, der für den derzeitigen Ausbruch verantwortlich ist, „geht auf einen Stamm zurück, den es seit 2001 in Deutschland gibt”, erklärt der Hygieniker. „Wir wissen nicht, wo er sich in den letzten zehn Jahren herumgetrieben hat. Wir wissen nur, dass er sich in dieser Zeit weder stark vermehrt noch erheblich verändert hat.” Innerhalb weniger Tage entwickeln Karch und seine Mitarbeiter einen Schnelltest zum Nachweis von HUSEC041. „In mir ist eine große Spannung”, sagt er. „Es ist für einen Wissenschaftler eine große Herausforderung, wenn man nicht weiß, ob man schnell genug ist.” Seine Hände liegen vor ihm auf dem Tisch, ineinander verschlungen, als müssten sie den ganzen Mann ruhig halten, dabei können schon die Daumen die Ruhe nicht ertragen und trommeln nervös gegeneinander. „Seit der Sprossenhof als Infektionsquelle ausgemacht wurde, ist es etwas ruhiger geworden”, räumt er ein. „Aber jetzt mache ich mir Sorgen, dass sich der Keim in der Umwelt ausbreitet und uns noch längere Zeit beschäftigen wird. Am liebsten wäre mir, wenn er einfach verschwindet. Dass ich aufwache und alles vorbei ist.”

Kaum ein anderer kennt die EHEC-Bakterien so gut wie er. „Es gibt fünf Wissenschaftler in Deutschland, die sie so gut verstehen wie ich”, gibt er achselzuckend zu Protokoll. Er weiß, wie sie auf Stress reagieren, kommunizieren, sich vermehren. Die Medien haben ihn deshalb „EHEC-Papst” getauft. „Na ja, das ist übertrieben”, brummt er, doch unter seinem grauen Schnäuzer blitzt ein Lächeln auf. In seinen Sätzen schwingt eine pfälzische Melodie und gibt seinen Worten einen weichen Klang. In den letzten Wochen hat er nie mehr als drei Stunden geschlafen. Die Erschöpfung ist ihm anzusehen. Sie säumt seine hellen Augen, hat sich in den Falten um Mund und Nase eingenistet. Seine Kraft schöpft er aus dem Bedürfnis zu helfen. „Sie werden nicht viele Menschen seines Kalibers treffen”, sagt sein Kollege und Freund Lothar Wieler. Wieler ist Professor für Veterinärmedizin an der Freien Universität Berlin und klärt derzeit ab, ob HUSEC041 auch in Rindern oder Schafen vorkommt. „Helge Karch hat ein wirklich puristisches Anliegen”, sagt Wieler. „In erster Linie will er Menschen helfen. Dafür opfert er fast seine Gesundheit.” Karch könne sehr hart argumentieren und energisch auftreten, „aber in dem Mann steckt so viel Emotion, ja Liebe zu Mensch und Tier, wie das in der Wissenschaft nicht oft anzutreffen ist. Er lebt das kompromisslos aus und ist dabei absolut authentisch.”

Das Thema, das sein Leben bis heute maßgeblich prägt, fand er als 29-Jähriger. Auf einem Kongress in den USA hörte er einen Vortrag über EHEC-Keime, die von Rinderhackfleisch auf Menschen übertragen worden waren. Er sei oft auf der Dialysestation gewesen, habe Kinder mit Nierenversagen gesehen und miterlebt, wie sie ein Spenderorgan bekommen und wieder abgestoßen haben. „Ich habe gedacht, wenn ich nur ein Kind im Jahr davor bewahren kann, ist das ein Erfolg.” Viele Kollegen haben ihm geraten, sich doch einen anderen Keim auszusuchen, einen, der häufiger auftritt und mit dem eher wissenschaftliche Lorbeeren zu erringen seien. Karch schüttelt den Kopf: „Das hat mich nicht interessiert.” Er war in seiner Kindheit viel auf sich gestellt, seine Mutter starb, als er 13 war. Der Vater hatte einen Malerei-betrieb und war deshalb so gut wie nie zu Hause. „Ich habe mich mit meiner ein Jahr jüngeren Schwester mehr oder weniger allein durchgeschlagen.” Vielleicht kann jemand, der so groß wird, schlicht keinen Rummel brauchen, auch nicht den der Wissenschaft. Vielleicht überlegt sich ein Mensch, der ohne lenkende Hand aufwächst, besonders gut, welche Schritte er gehen muss, und lässt sich von diesem Weg dann nicht mehr abbringen. So wie Helge Karch: Wenn er sich für eine Sache entschieden hat, bleibt er dabei.

Herr über 7 Völker

Das gilt auch für seine zweite Leidenschaft, das Gärtnern. Schon als Kind hat er seine Nachmittage im Garten der Großmutter verbracht, stundenlang in der Erde gegraben und beobachtet, was sie hervorbringt. Heute lebt er mit seiner Lebensgefährtin auf einem alten Bauernhof, baut Gemüse an, pflegt die Streuobstwiese, mäht Rasen, hackt Holz, hält zwei Schäferhunde, Katzen gegen die Mäuse, Fische und 60 Hühner. Die EHEC-Krise holte ihn auch in seinem privaten Idyll ein. „Es waren 100 Hühner, doch neulich hat sich der Fuchs 40 geholt, weil ich so müde war und den Stall nicht richtig zugesperrt habe. Mit meinen beiden Wachhunden müsste ich mal ein ernstes Wörtchen reden.” Vor fünf Jahren, nach schwerer Krankheit, hat er sich einen lange gehegten Traum erfüllt und ein Bienenvolk angeschafft. „Wenn man sich etwas sehr wünscht, sollte man damit nicht bis zum Rentenalter warten. Vielleicht stirbt man ja vorher.” Mittlerweile hat er sieben Völker. „Wenn ich bei meinen Bienen bin, das ist wie Meditation. Da bekomme ich den Kopf frei.” Wenn er gestresst ist, legt er den Imkeranzug an, weil sie dann stechen. Ist er entspannt, ist Schutzkleidung nicht nötig. Woran die Bienen seine Gemütslage erkennen, würde er gern erforschen. Dazu ist er bislang noch nicht gekommen. Immerhin konnte er den Frühjahrshonig schleudern, mild-würzig, von hellem Gelb und cremiger Konsistenz. „Die Bienen haben mich belohnt, so eine reiche Ernte gab’s noch nie.”


Privat, aber nicht geheim

Was tun Sie für Ihre Gesundheit?
Wir haben einen großen Gemüsegarten, der ist mein Fitness-Center. Dort bauen wir alles an, was wir essen: Salat, Bohnen, Erbsen, Möhren … Wir kaufen nur die Grundnahrungsmittel ein, ansonsten sind wir Selbstversorger.

Was sind Ihre Gesundheitssünden?
Ich esse zu viel und zu gerne, am liebsten ausgerechnet Nudelgerichte.

Haben Sie Aussteigerträume?
Nein, ich bin sehr glücklich mit meiner Arbeit und auf unserem Bauernhof.


Zur Person

Helge Karch wurde 1953 in Otterberg (Rheinland-Pfalz) geboren. Er studierte Mikrobiologie an der Technischen Hochschule Darmstadt und hat 1982 promoviert. In den nächsten sieben Jahren war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ruhr-Universität Bochum und an der Universität Hamburg. 1990 wurde er als Professor nach Würzburg berufen. 2001 wechselte er nach Münster, wo er  – außergewöhnlich für einen Naturwissenschaftler  – seitdem das Institut für Hygiene leitet. Seine Forschungsgebiete sind Lebensmittel- und Krankenhausinfektionen und BSE. Vor zwei Jahren erhielt er die Ehrendoktorwürde für Veterinärmedizin der Justus-Liebig-Universität Gießen. Helge Karch hat einen 24-jährigen Sohn.

Jana Ehrhardt
kma 07/2011 - Seite: 056-059

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