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Fritz Beske

Der Vordenker

Im Gesundheitswesen ist er eine Institution. Er stellt die richtigen Fragen vor der Zeit und bearbeitet Themen, die ihm wichtig erscheinen mit einer Hartnäckigkeit, wie sie nur Wissenschaftlern eigen ist. Seit Jahrzehnten inspiriert er so politisch denkende Köpfe in der Gesundheitspolitik.

Das Fritz Beske Institut für Gesundheits-System-Forschung (IGSF) Kiel ist wohl der kleinste gesundheitspolitische Think-tank Deutschlands. Drei hauptamtliche Mitarbeiter, den heute 88-jährigen Institutsgründer und Leiter Fritz Beske inbegriffen, bildeten 1976 in einem ehemaligen Marinelazarett das Institut. Gemessen an dieser Größe ist sein publizistischer und wissenschaftlicher Output enorm. 119 Einzelbände aus der IGSF-Schriftenreihe, etliche Tagungs- und Tätigkeitsberichte, Bücher und zahllose Artikel in Fachzeitschriften sind in über 36 Jahren IGSF entstanden. Beske hat sich dabei mit dem „Sicherstellungsauftrag der Kassenärztlichen Vereinigungen” genauso befasst wie mit den „Politischen Entscheidungen zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung” oder etwa dem „Hospital Financing System”.

Unbequeme Ansichten

Es gibt kaum eines der großen gesundheitspolitischen Themen, dem er sich nicht gewidmet hat. Oft legte er dabei den Finger in die Wunde. So ist er im Laufe der Jahrzehnte zum Mahner, ja, man möchte fast sagen, zum einsamen Rufer in der Wüste geworden. Beske erklärt seit Jahren, dass unser Gesundheitssystem in der heutigen Ausgestaltung nicht mehr zukunftsfähig ist. Dabei spricht er offen über politische Tabuthemen wie Rationierung von Leistungen. Darüber, dass nicht mehr alles, was die gesetzliche Krankenversicherung heute noch bezahlt, künftig finanziert werden kann. Auch – fast schon ein Modethema – Prävention wird nicht die gewünschten Einsparungen bringen, warnt Beske. Weltweit gebe es keinen Beleg dafür, dass durch gezielte Vermeidung von Krankheitslast in den Gesundheitssystemen Geld eingespart werde. Überhaupt sieht er die Finanzierung im deutschen Gesundheitswesen auf äußerst instabilem Fundament. Seit Jahren prangert er die Quersubventionierung in der gesetzlichen Krankenversicherung an. Versicherungsfremde Leistungen, wie die beitragsfreie Mitversicherung von Ehepartnern, die eigentlich ins Steuersystem gehört, werden von den Beitragszahlern der Sozialversicherung mitfinanziert. Es handelt sich um die stattliche Summe von mehr als 40 Milliarden Euro, durch die die gesetzliche Krankenversicherung entlastet werden könnte, wenn die Politik ordnungspolitisch saubere Gesetze verabschieden würde. Diese äußerst unbequemen Befunde werden alles andere als gerne gehört.

Seine Glaubwürdigkeit in der Formulierung solcher Aussagen bezieht der Wissenschaftler aus seiner beruflichen Biografie und der damit verbundenen Reputation. Seit 65 Jahren ist der approbierte Arzt Beske in der Gesundheitspolitik unterwegs: von der Kommunalpolitik über die Landes- und Bundesebene bis aufs internationale Parkett der WHO. Begonnen hat seine Karriere 1951 mit dem ärztlichen Staatsexamen, vier Jahre später machte er seinen Master of Health an der Universität in Michigan, legte 1960 das Amtsarztexamen ab und wird 1971 beamteter Staatssekretär im schleswig-holsteinischen Sozialministerium. Seit 1973 lehrte er als Honorarprofessor für Sozialhygiene und öffentliches Gesundheitswesen an der Universität Lübeck. Seine politische Karriere in der CDU treibt er genauso erfolgreich voran wie seine berufliche. Er leitete als Vorsitzender diverse Gremien und Ausschüsse auf der Landes- und Bundesebene, unter anderem war er in den 70-ern bis Anfang der 80-er Jahre Vorsitzender des Bundesfachausschusses für Gesundheitspolitik der CDU, und von 1987 bis 1990 wurde er als sachverständiges Mitglied in die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur „Strukturreform der gesetzlichen Krankenversicherung” berufen. Beske zählt zu dem überschaubaren Kreis an Köpfen in Deutschland, die das Gesundheitssystem verstanden haben. Wenn er eine seiner Pressekonferenzen in Berlin gibt, um seine jüngsten Arbeiten aus der IGSF-Schriftenreihe vorzustellen, sind diese immer knackevoll.

Begründer der Gesundheitsökonomie

Überhaupt: Das IGSF ist sein Lebenswerk. Diese Aufgabe hat Beske nicht gesucht, sie ist auf ihn zugekommen. Begonnen hat alles damit, dass seine Antrittsvorlesung an der Universität Lübeck in der Fachzeitschrift Pharmadialog veröffentlicht und der damalige Geschäftsführer der Robert-Bosch-Stiftung, Dr. Peter Payer, auf Beske aufmerksam wurde. Die beiden trafen sich und kamen rasch auf den Punkt: Was Deutschland braucht ist eine wissenschaftlich-ökonomische Betrachtung des Gesundheitswesens. Wenn man so will, war dies 1975 die Geburtsstunde der Gesundheitsökonomie. Für 250.000 D-Mark sollte Beske eine umfassende Analyse zur Gesundheits- und Sozialversorgung in Schleswig-Holstein erstellen. Dieses war der erste Auftrag an das Institut für Gesundheits-System-Forschung und der Grundstein für das 2001 in Fritz Beske Institut für Gesundheits-System-Forschung umgetaufte Institut. Anfangs arbeitete er noch mit einer Ministererlaubnis, da er zeitgleich als Staatssekretär im schleswig-holsteinischen Sozialministerium angestellt war. Zwei hauptamtliche Mitarbeiter bildeten die Mannschaft neben Beske. Das Interesse an der Arbeit des Instituts wuchs beständig. Auftragsarbeiten kamen hinzu, sodass 1981 zu der freigemeinnützigen Stiftung des IGSF eine gleichnamige GmbH gegründet wurde, „für Aufgaben, die sich mit der Freigemeinützigkeit der Stiftung nicht vereinbaren ließen”, so Beske.

Bestseller im Georg Thieme Verlag

Noch heute arbeitet der ältere Herr regelmäßig im Institut. Zwei Mitarbeiterinnen unterstützen ihn in seiner Arbeit. Er sucht sich entweder selber Themen oder wird, wie jüngst, von der schleswig-holsteinischen Landesregierung angefragt, Gutachten zu schreiben. „Ich muss meine Arbeiten keinem vorlegen”, berichtet er stolz über seine wissenschaftliche Unabhängigkeit. Der Förderkreis des IGSF finanziert die Arbeit des Instituts jährlich mit 50.000 Euro, für den verbleibenden Finanzbedarf sucht er sich Geldgeber, beispielsweise bei den Krankenkassen, Ärztekammern oder auch der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. So wie er sich auch – abhängig von der zu bearbeitenden Thematik – projektbezogen fachliche Unterstützung durch externe Mitarbeiter hereinholt. Doch nicht allein seine fachliche Expertise macht ihn zum gefragten Gesprächspartner. Er blickt auf jahrzehntelange Entwicklungen und Veränderungen im Gesundheitswesen zurück, kann deuten und einordnen. Was hat sich gegenüber früher am stärksten verändert? „Die Medizin ist sehr hektisch geworden”, sagt er. „Und die Ärzte hatten früher einen höheren Anteil an privaten Einnahmen.” Auch existiere heute ein anderes Anspruchsverhalten. „Wir haben das liberalste Gesundheitssystem der Welt. Von 80 Patienten, die heute pro Tag in einer Praxis auftauchen, muss vielleicht die Hälfte wirklich einen Arzt sehen.”

Fritz Beske ist auch dem Georg Thieme Verlag, in dem die kma herausgegeben wird, in besonderer Weise verbunden. Damals war er leitender Medizinalbeamter in Schleswig-Holstein und damit auch Prüfungsvorsitzender für die zu dieser Zeit sogenannten Heil- und Hilfsberufe. Mit der Idee für ein Lehrbuch suchte er Bruno Hauff, den damaligen Verleger, auf. Dieser entschied, so erinnert sich Beske noch heute, in nur wenigen Augenblicken über eine erhebliche Summe zur Realisierung dieses Projekts. 1968 erschien die erste Auflage des zweibändigen Lehrbuchs für Krankenpflegeberufe – und das Buch ist „ein Renner geworden”, so Beske heute. Fast 30 Jahre fungierte er als Herausgeber des im Georg Thieme Verlag veröffentlichten Standardwerks „Die Krankenpflegeschule” und managte bis zu 55 Autoren. Generationen von Krankenschwestern und -pflegern haben mit seinem Lehrbuch ihren Beruf erlernt. Was hält er selbst für die größte Leistung in seinem Berufsleben? Dass er mit altersbedingter Makuladegeneration und Hörgeräten noch immer aktiv ist, antwortet er altersweise. Er schreibt mittlerweile mit dem Filzstift unter der Lupe und ist voller Ideen für neue Projekte. Sein jüngstes: Ein Ratgeber für den Bürger und Patienten.


Zur Person
Fritz Beske wurde am 12. Dezember 1922 in Wollin/Pommern geboren. Sein Vater war Arzt und Zahnarzt und gilt seit dem zweiten Weltkrieg als verschollen. Er selbst meldete sich 1940 freiwillig zur Kriegsmarine und fuhr auf Minenräumbooten, später als U-Boot-Offizier. Nach dem Krieg arbeitete Beske nach kurzer Kriegsgefangenschaft ein Jahr als Bergmann im Ruhrgebiet. 1946 nahm er sein Medizinstudium in Kiel wieder auf und promovierte 1951 zum Dr. med. Nach seinem USA-Aufenthalt Mitte der 50-er Jahre arbeitete er zunächst als Referent in der Gesundheitsabteilung des Innenministeriums in Schleswig-Holstein und bekleidete von 1959 bis 1962 das Amt als Ratsherr der Stadt Kiel. Danach ging er als Medical Officer ins Europäische Büro der Weltgesundheitsorganisation nach Kopenhagen. Von 1971 bis 1981 arbeitete er als Staatssekretär im Sozialministerium des Landes Schleswig-Holstein. 1976 gründete er dann das Institut für Gesundheits-System-Forschung (IGSF) in Kiel. Beske ist Träger zahlreicher bedeutender Auszeichnungen: zum Beispiel des Bundesverdienstkreuzes am Bande (1976), der Alfons-Fischer-Medaille der Baden-Württembergischen Gesellschaft für Sozialhygiene (1983), des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse (1986) oder der Paracelsus-Medaille der Deutschen Ärzteschaft (2008). Fritz Beske ist verheiratet und hat einen Sohn.

Ingrid Mühlnikel
kma 08/2011 - Seite: 058-061

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