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Jürgen Schölmerich

Neuanfang mit 63 Jahren

Der Vollblutwissenschaftler Jürgen Schölmerich wollte raus aus der Lame-Duck-Phase und ist kurz vor dem Pensionsalter ins Management gewechselt. Nun ist er Chef der Uniklinik Frankfurt, wo er sich mit operativen und strategischen Fragen genauso leidenschaftlich beschäftigt wie zuvor mit Darmerkrankungen.

Die Journalistin scrollt und scrollt und scrollt. Sie möchte nur kurz einen Eindruck von seinem Berufsweg gewinnen – doch die Datei mit seinen beruflichen Stationen, seinen Ämtern und seinen Veröffentlichungen scheint kein Ende zu nehmen. Auch Jürgen Schölmerich selbst fällt es nicht leicht, den Überblick zu bewahren. Er denkt konzentriert nach, bevor er sagen kann, wie viele Posten er bekleidet. „Etwa zwanzig könnten es derzeit sein.” Der 63-Jährige sitzt in seinem Büro in einem Altbau auf dem Frankfurter Klinikgelände, einem funktional eingerichteten Drei-mal-vier-Meter-Raum. Seinen Kaffee trinkt er aus einer schwarzen Tasse mit der Aufschrift „The Boss”. Nicht unpassend: In einem Alter, da andere an den Ruhestand denken, an Altersteilzeit mindestens, ist Schölmerich noch einmal durchgestartet. Im vergangenen Oktober verließ er die Universität Regensburg, wo er 19 Jahre lang die Klinik und Poliklinik für Innere Medizin geleitet hatte, um am Universitätsklinikum Frankfurt den Posten des Ärztlichen Direktors und Vorstandsvorsitzenden anzutreten. Lange Reisen, Mußestunden – alles dies ist für Schölmerich erst einmal in weite Ferne gerückt. Zumal er auch noch diverse andere Ämter besetzt: So sitzt er im Beirat der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) sowie im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin und ist Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina. Bis vor wenigen Wochen war er auch noch Vizepräsident der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG). Kurz: Jürgen Schölmerich ist ein vielbeschäftigter Mann.

Erst kürzlich, erzählt er, habe er eine Liste anfertigen müssen, „um mal wieder einen Überblick über alle Termine des Jahres zu bekommen”. Die große Zahl seiner Verpflichtungen plötzlich schwarz auf weiß zu sehen, hat ihn aber nicht erschreckt. „Das ist ja nichts Neues bei mir”, winkt er ab. Auf eine Aufgabe folge die nächste; wer bei der DFG Verantwortung trage, werde auch von anderen Institutionen angefragt, von der Einstein-Stiftung zum Beispiel oder von der Alexander von Humboldt-Stiftung. „Und dann sagt man zu.” Nüchtern, pragmatisch, pflichtbewusst klingt das, was andere, darunter auch seine Frau, „engagiert” nennen.

Schon als Student war Schölmerich umtriebig: Wo die meisten Mediziner bereits mit ihrem einen Studienfach ausgelastet sind, belegt er zeitgleich Mathematik – allerdings nur bis zum Vordiplom, „zu trocken”, sagt er. Und weil ihm auch das nicht reicht, weil ihm das Auswendiglernen in der Medizin zu stupide ist, besucht er Philosophievorlesungen, engagiert sich im Studentenparlament, das ihn zum Präsidenten wählt. Er war einer jener Studenten, die Flugblätter gedruckt und verteilt haben.

„Meine Forschungsära ist abgeschlossen”

Den Dingen auf den Grund gehen, die Neugier stillen – das treibt ihn an. Vielleicht hat er auch deshalb die Spezialisierung auf Darmerkrankungen, die sich eher zufällig ergeben hat „wie vieles in meinem Leben”, nie bereut. Zwei Kollegen an der Uniklinik Freiburg hatten ihn damals um Unterstützung bei einer Studie gebeten. Dutzende von Untersuchungsbögen musste er nachbearbeiten und dabei Daten von Patienten mit Darmerkrankungen übertragen. Schölmerich begann mit der Fleißarbeit – „und auf einmal fand ich das spannend.” Bis heute hält er das komplexe System Darm für ein faszinierendes Forschungsthema. „Überlegen Sie nur”, sagt er und lehnt sich vor: „Eine Oberfläche von zwei Tennisplätzen, zwei Kilogramm oder 10 hoch 14 Bakterien und 10 hoch 13 Zellen.” Schölmerichs Augen beginnen zu funkeln. „Immer wieder entdeckt man neue Rezeptoren, lernt dazu, aber trotzdem weiß man nach wie vor nicht wirklich, wo Darmentzündungen wie Morbus Crohn oder Colitis Ulcerosa herkommen.” Erst jüngst hat Schölmerich noch eine neue Studie gestartet: In Zusammenarbeit mit der Deutschen Vereinigung für Morbus Crohn und Colitis ulcerosa testet er an 200 Patienten, ob Schweinewurmeier bei der Behandlung von Morbus Crohn wirksam sein können. „Bis Mitte nächsten Jahres werden wir sicher Ergebnisse haben.” Der Professor redet sich in Fahrt, und fast könnte man meinen, er würde jetzt am liebsten dieses Büro, den ordentlichen Schreibtisch und alle sauber betitelten Aktenordner hinter sich lassen, um sich ganz der Wissenschaft zu widmen. Dennoch sagt er: „Das wird meine letzte Studie sein, die Forschungsära ist für mich abgeschlossen.”

Er bewundert Aristoteles

Schölmerich nimmt den Abschied von der Forschung tapfer. „Er hat sich ja schon seit längerem abgezeichnet.” Er war 62, als er bemerkte, dass er in der typischen Lame-Duck-Phase steckte. Der Begriff (im Deutschen: lahme Ente) stammt aus der US-amerikanischen Politik. Ein Präsident, der – aus welchen Gründen auch immer – bald aus dem Amt scheidet, verliert an Kraft und Bedeutung, bringt keine Gesetze mehr auf den Weg, besetzt keine hohen Ämter mehr. Schölmerich erkannte, dass schon bald keine jungen Studenten mehr zu ihm in die Forschung kommen, dass die Gelder ausbleiben würden. „Im Jahresbericht sah man es noch nicht, aber ich konnte den Knick schon erahnen. Und das mochte ich nicht.” Schölmerich zieht Konsequenzen, beendet seine Forscherkarriere, folgt dem Ruf eines Headhunters nach Frankfurt. Doch auch diesen Karriereschritt tut er aus Liebe zur Forschung. Ihm lagen mehrere Angebote unterschiedlicher Kliniken vor, alle jeweils für die Position des Ärztlichen Direktors. Auf Frankfurt fällt seine Wahl, weil die hiesige Fakultät seiner Ansicht nach fantastisch aufgestellt ist. „Sie ist eine der zukunftsträchtigsten der Republik”, sagt er. „Hier kann ich großartige Forschung in Krankenhäusern ermöglichen.”

Schölmerich ist ein Macher, ja, aber auch ein Intellektueller. Er schätzt Kollegen, die andere durch kluge Argumentation überzeugen können, er bewundert Philosophen, ist fasziniert von der Logik und Ethik des Aristoteles. Schölmerich ist ein Denker, aber keiner, der sich dazu ins stille Kämmerlein zurückzieht. Es ist der Austausch, der ihn beflügelt. Hochschulpolitische Auseinandersetzungen mit Kommilitonen gestern, fachübergreifende Gespräche mit DFG-Mitgliedern heute. Und dazwischen: lebhafte Debatten im Hause Schölmerich. Seine zwei Töchter und sein Sohn ermuntert er, kritisch zu hinterfragen, zu argumentieren, eigene Standpunkte zu vertreten. Nicht immer sind sie seiner Meinung. „Da gab es schon auch mal Streit”, sagt er, denkt kurz nach, korrigiert sich lächelnd: „Oder sagen wir besser: Disput.”

Einzelgespräche mit 30 Einrichtungsleitern

Auch im Beruf sucht und fördert Schölmerich den Austausch. In Regensburg führt er neue interdisziplinäre Vorlesungen ein, entwickelt ein Radiologisches-Internistisches Forum, auf dem die Fachärzte ihre Standards und Innovationen diskutieren. 2009 erhält er für sein Engagement das Bundesverdienstkreuz. An der Frankfurter Uniklinik sucht er schon Monate vor seinem Amtsantritt jede einzelne der 30 Einrichtungen auf und spricht mit deren Leitern. „Ich versuchte, die dringendsten Probleme zu erfassen.” Als Chef der Uniklinik will er auf Mitarbeiterinformation setzen. Der Klinikkomplex steckt in einem Umbau, es kursieren Gerüchte über Verlegungen von Abteilungen in unattraktive Häuser und Kelleretagen, die das Personal verunsichern. „Das wollte ich durch gute Kommunikation und Transparenz unterbinden.” Er führt eine neue, elektronische Mitarbeiterzeitung ein, „Synapse”, die – anders als ihr Vorgänger – nicht nur Stellenanzeigen und Ausschreibungen beinhaltet, sondern Nachrichten, Porträts einzelner Einrichtungen und Meldungen über die Fortschritte beim Bauprojekt. Außerdem beruft er Veranstaltungen ein, auf denen der Vorstand über Neuigkeiten informiert. „Extra an zwei Terminen, damit wirklich jeder Angestellte teilnehmen kann.” Aber auch die Prozesse will er verbessern, Mediziner, dort wo es geht, von nicht-ärztlichen Tätigkeiten befreien und ein flächendeckendes Case Management einführen. Er wünscht sich, bald in das Hauptgebäude umziehen zu können. Nicht, weil es repräsentativer wäre, nein, „sondern weil ich dort sein muss, wo die Musik spielt, wo die Patienten, wo die Mitarbeiter sind.” Er möchte schnell eingreifen, schnell handeln können, zum Beispiel, wenn sich irgendwo längere Schlangen bilden oder es an anderer Stelle hakt. Hat hier jemand etwas von lahmer Ente gesagt?

 


 

Zur Person

Der Gastroenterologe Jürgen Schölmerich (63) hat Staatsexamen, Dissertation und Habilitation an der Universitätsklinik Freiburg abgelegt, wo er auch als Oberarzt arbeitete. 1991 ging er als Ordinarius für Innere Medizin an die Universität Regensburg und leitete dort die Klinik für Innere Medizin I. Im Oktober 2010 wechselte er an das Universitätsklinikum Frankfurt, das er als Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender leitet. Schölmerich war unter anderem Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft sowie Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin. Der geborene Marburger ist seit 1977 verheiratet und hat zwei Töchter und einen Sohn.

Romy König
kma 10/2011 - Seite: 064-067

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