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34. Deutscher Krankenhaustag 2011

Technik als Risikovorsorge

Mitunter wird Technik überbewertet. Bei der Hygiene im OP beispielsweise, die allzu sehr an der Belüftung festgemacht wird. Gleichzeitig ist das Bewusstsein für die grundlegende Bedeutung technischer Infrastruktur wenig ausgeprägt. Kaum einer macht sich klar, dass im Krankenhaus nichts mehr läuft, wenn die Technik streikt.

So oder so: Technikmanagement im Krankenhaus hat nicht nur damit zu tun, die technische Infrastruktur zuverlässig, sicher, wirtschaftlich, umweltverträglich und natürlich möglichst immer auf dem neuesten Stand zur Verfügung zu stellen. Die geforderte Zuverlässigkeit und Sicherheit beinhalten als weitere wichtige Aufgaben für das Technikmanagement das Vorhersehen und Beherrschen sämtlicher Gefahren, die für den Krankenhausbetrieb längst unverzichtbar gewordene technische Anlagen und Geräte beeinträchtigen oder zum Erliegen bringen könnten. Unter dem Titel „Technik als Risikovorsorge” beleuchtete die FKT auf dem 34. Deutschen Krankenhaustag „Einsatzgebiete” technischer Weit- und Umsicht.

Berufsbedingte Schwarzseher

Auch wenn es besonders diejenigen, die Geld für Sicherheitsmaßnahmen locker machen sollen, die hoffentlich nie gebraucht werden, nervt – schwarzsehen oder den sprichwörtlichen Teufel an die Wand zu malen, ist für Technikverantwortliche eine berufsbedingte Notwendigkeit. In seinem spannenden Vortrag „Wer rettet die Retter – innerer und äußerer Katastrophenschutz” behandelte Thomas Flügel, Technischer Leiter an der Berliner Charité, vielfältige, nicht allzu weit hergeholte Szenarien, die zu einer erheblichen Einschränkung der Patientenversorgung führen können: ein Brand, eine Bombendrohung oder ein Bombenfund auf dem Kranken-hausgelände, eine Geiselnahme, technische Havarien, …. Jedes Krankenhaus sollte auf solche Ereignisse vorbereitet sein, die wenigsten sind es tatsächlich.

Flügel zeigte, dass Krankenhäuser bei externen Katastrophenereignissen eine zentrale Rolle als Versorger mit allem Lebenswichtigen und technischer Infrastruktur spielen. „Die Abhängigkeit von kritischer Infrastruktur bedarf der Vorsorge!”, lautet seine zentrale Botschaft. Er macht sich deshalb im Vorfeld zum Beispiel auch darüber Gedanken, wie sein Krankenhaus bei einem länger anhaltenden Stromausfall – ein Szenario, das angesichts überlasteter und veralteter Leitungen immer wahrscheinlicher wird – an Diesel für die Notstromaggregate kommen soll, wie man ohne Strom mit Rettungs- und Hilfsorganisationen kommuniziert, und wie man sein Krankenhaus im schlimmsten Fall vor zu vielen Menschen schützt, die Wärme, Licht und sonstige Hilfe suchen. „Krankenhäuser müssen sich auf ein Zusammenbrechen der Infrastruktur vorbereiten, Schwachstellen analysieren, ein Sicherheitskonzept haben und den Ernstfall üben”, betont Flügel.

Ungeschützte Netze

Auf die Schwachstelle „internes Netzwerk” wies Alexander Dörsam hin. Der Tatsache, dass „heute praktisch jeder 17-Jährige die Telefonanlage, EDV oder andere für den Klinikbetrieb unverzichtbare Anlagen lahmlegen und/oder manipulieren kann”, sollten Klinikleitungen mehr Aufmerksamkeit schenken. „Veraltete Systeme mit ebenso veralteten Sicherheitsstrukturen ohne klare Netztrennung öffnen die Krankenhaus-IT für nahezu beliebige unautorisierte Zugriffe – auch auf sensible Informationen wie beispielsweise Patienten- und Forschungsdaten”, warnte der IT-Sicherheitsprofi.

Historisch gewachsen sei die Problematik unter anderem durch das Medizinproduktegesetz, das an gewissen Strukturen im Nachhinein keine Veränderungen mehr erlaubt, erklärt Dörsam, „nachträgliche Änderungen an IT-Systemen mit Medizinprodukten laufen der Konformitätserklärung zuwider. Also betreibt man sie weiter wie sie sind: Nahezu ungeschützt vor unerlaubten Zugriffen.” Dörsam empfiehlt den individuellen Schutzbedarf zu definieren, diesen mit der Ist-Situation abzugleichen und dann das weitere Vorgehen zu erarbeiten. Oft ergeben sich so Maßnahmen wie beispielsweise kritische Einheiten technisch zu isolieren, sie aus den Netzen, auf die alle Zugriff haben, herauszuholen und gesondert zu betreiben. Außerdem riet er in seinem Vortrag „Livehacking – ein tiefer Einblick in die dunkle Seite des Netzes”, die Krankenhausnetze zumindest soweit zu schützen, dass nicht mehr jeder „Wald-und-Wiesen-Hacker” darauf zugreifen kann. Mechanismen zum Schutz seien oft ohne großen technischen und organisatorischen Zusatzaufwand realisierbar.

Versorgungssicherheit

Wie er sein Krankenhaus zum nachhaltigen Selbstversorger seiner genutzten Energie und damit unabhängig von für ihn nicht zu beeinflussenden externen Versorgungsstrukturen macht, berichtete der Technische Leiter des Lubinus Clinicums in Kiel, Horst Träger. Ein Mix aus Windkraft, Sonnenenergie – alle Neubauten werden mit Photovoltaikanlagen bestückt und in der Endausbaustufe über eine installierte Leistung von 340 KWp verfügen – sowie Energie aus einem mit Biogas betriebenen neuen Blockheizkraftwerk mit Kraft-Wärme-Kälte-Kopplung wird die orthopädische Fachklinik an der Ostsee künftig autark, wirtschaftlich und weitestgehend CO2-neutral mit Wärme und Strom versorgen.

1,5 Milliarden geben deutsche Krankenhäuser jedes Jahr für Energie aus, mit steigender Tendenz. Der Jahreswärmebedarf pro Krankenhausbett entspricht im Augenblick noch dem von drei Einfamilienhäusern. Damit sind Krankenhäuser Energievernichtungsmaschinen, die im Sinne einer allgemeinen Risikovorsorge – auch Umweltverschmutzung und die Verschwendung von Ressourcen gehören dazu – noch ihre Hausaufgaben machen müssen. Die verstärkte Nutzung regenerativer Energiequellen und Kraft-Wärme-Kälte-Kopplung sind hier probate Mittel um Energie und Energiekosten zu sparen.

Über die Technik hinaus

Dass Technik bei der Beherrschung der Risiken im Krankenhaus mitunter auch an Grenzen stößt, oder neue Risiken heraufbeschwört, zeigte Martin Scherrer, FKT-Referatsleiter Umwelt und Hygiene, in seinem Vortrag „Hygiene im OP – Technik und was sonst?”. „In OPs, die zum Teil 20 Jahre und älter sind, wurde in den letzten Jahren so viel Technik gestopft, dass es keine Putzfrau mehr wagt, den dazugehörigen Kabelsalat zu reinigen und in alle Ecken und Nischen vorzudringen”, verweist der Praktiker auf Hygienerisiken, die durch die Technik erst entstehen. Problematisch ist seiner Meinung auch, dass die OP-Belüftung in ihrer Bedeutung für die Infektionsprophylaxe überbewertet werde und dabei simpelste Hygienemaßnahmen wie die Händedesinfektion oder das korrekte Tragen von Schutzbekleidung vernachlässigt werden. Eine aktuelle Studie über Wundinfektionsraten zeige keinen Vorteil von OPs mit gegenüber OPs ohne TAV – eher im Gegenteil. Für Scherrer legt das den Schluss nahe: „Personal in OPs mit TAV ist unter Umständen, gerade weil es die vermeintlich sichere Raumlufttechnik gibt, nachlässiger.”

Oft machen es die Umgebungsbedingungen dem Personal aber auch nicht leicht, sich hygienisch korrekt zu verhalten. Armhebelarmaturen, die so angebracht wurden, das man sie nicht als solche bedienen kann, schlecht ausgestattete Umkleiden oder gar der neuerdings übliche Verzicht auf Waschräume erklären für ihn die geringe Compliance für eigentlich wichtige Hygienemaßnahmen wie Händewaschen – auch im OP kann man sich die Hände schmutzig machen – und -desinfektion.

Schlicht unrealistisch und aus hygienischer Sicht auch nicht notwendig sei, so Scherrer, die Forderung, Instrumententische im Schutzfeld der TAV zu platzieren. Studien zeigen, dass sich die Keimbesiedelung der Instrumente dadurch nicht verringert. Dringend verbesserungswürdig sind seiner Meinung nach dagegen die Vorgaben für die Schutzgradmessung an der Belüftungstechnik. Im Augenblick könne man den Messaufbau nicht schlüssig nachbauen. Jede Firma messe deshalb mit ihrer eigenen Methode, die in ein und demselben OP sehr unterschiedliche Ergebnisse zutage fördern könne.

Was die OP-Hygiene angeht, gilt es also offensichtlich noch einige technische Mythen auszuräumen. Die Technik kann zwar viel, aber eben nicht alles. Risikovorsorge ist eine technische, aber keine rein technische Aufgabe.

Maria Thalmayr
kma 01/2012 - Seite: 074-075

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