Inhaltsverzeichnis

Aus der Redaktion

Nachrichten

Szene

Politik

Unternehmen & Märkte

Technologie

Klinikmanagement

Branche Kompakt

Pflege

Portrait

Diverse

FKT Nachrichten

ÖVKT Nachrichten

Entscheiderfabrik

HerausgeberSichten

Vorschau

PDF   Kommentieren   E-Mail

Katrin Keller

Eigene Idee – eigenes Geld

Foto: Baier

Eine Hand an der Tastatur, die andere am Kind: So sieht der Arbeitsalltag von Katrin Keller aus, die nach getaner Arbeit gern noch in Anzug und Pumps zum Spielplatz stöckelt, dort im Sand versinkt und sich auf der Rutsche vergnügt.

Zierlich, entwaffnend offen und sprühend vor Idealismus, so kommt die Gründerin der Samedi GmbH daher, eines Online-Terminbuchungssystems. Ihre erste Karriere machte sie im Banken- und Immobiliengeschäft, ihre zweite mit einer eigenen Idee in der Gesundheitswirtschaft. Geblieben ist der Anspruch, in alte Strukturen neues Leben zu bringen.

Bei unserer ersten Begegnung 2008 war sie begeistert von ihrer Geschäftsidee eines webbasierten Terminbuchungssystems für Arztpraxen und das diese Idee auch langsam – im doppelten Sinne – in der Praxis ankam. Heute, vier Jahre und rund 6.000 Kunden später, ist es immer noch genauso. Es gibt keine Abnutzungserscheinungen. Nach wie vor schwingen dieser Enthusiasmus und die Begeisterung mit, wenn sie davon spricht, was alles schon längst funktionieren könnte, wenn nur nicht alles so langsam vorankäme.

Mit ihrer Mädchenhaftigkeit, der Risikofreude und Rastlosigkeit kann man sie sich schwer bei Geschäftsverhandlungen in der Männerwelt vorstellen. „Vielleicht liegt der Erfolg im Machen und nicht im Quatschen”, überlegt sie laut und etwas irritiert über die Frage, ob sie ernst genommen wird. Das bestätigen auch Kooperationspartner und Kunden, die immer mit einem Lächeln über die junge Frau sprechen, der sie ihren Terminkalender anvertraut haben – eine große Sache im Gesundheitswesen, egal ob in der Praxis oder der Klinik. Das war tatsächlich etwas, was sie am Anfang unterschätzt hatten – sie und ihr Partner, beide aus unterschiedlichen, gesundheitsfernen Branchen. „Die ersten tausend Verträge waren die schwierigsten, weil keiner der Erste sein wollte. Das ist irgendwie schade”, lacht sie und fügt an „doch mittlerweile fühle ich mich da, wo ich momentan bin, an der richtigen Stelle, um weiterzumachen.” Diese etwas umständliche und grammatikalisch, na, sagen wir mal, ungewöhnliche Konstruktion passt.

Ein Gespräch mit einer Frau, die immer im Jetzt und in der Zukunft ist.

Sie haben eine Ausbildung als Kauffrau der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft, waren erst Prokuristin, dann Geschäftsführerin der Firma HAVIKA Aktiengesellschaft für Grundbesitzmanagement – wie sind Sie ins Gesundheitswesen gekommen?

Anhand einer persönlichen Krankengeschichte wurde mir vor Augen geführt, wie ineffizient das Gesundheitswesen ist. Es war praktisch nicht möglich, nicht mal für einen privat versicherten Patienten, mehrere Arzttermine sinnvoll aufeinander abzustimmen. Die Ursprungsidee war eigentlich eine Buchungsplattform. Heute ist es eine Vernetzungslösung mit der Möglichkeit, auch Termine zu buchen.

Aber da hatten Sie schon Karriere gemacht, wieso noch einmal von vorn, noch dazu in einer fremden Branche anfangen?

Irgendwie Karriere zu machen war nie mein Thema. Mein privates Umfeld sagte auch sofort, ich solle besser die Hände vom Gesundheitswesen lassen und natürlich auch von der windigen Internetbranche. Aber eine eigene Idee zu realisieren war schon immer mein Traum. 2007 war die Idee da, und das Umfeld passte, also sprangen wir (Anmerkung der Redaktion: sie plus zwei weitere Geschäftsführer) ins kalte Wasser.

Was hat Sie so sehr daran gereizt?

In meinem alten Job hatte ich viel mit Projektentwicklung von Immobilien und Lofts zu tun, in denen zum größten Teil Start-ups saßen. Die Arbeitsweise der Leute hat mir gefallen. Dieses Herzblut, diese totale Überzeugung, an eine Sache zu glauben und für den Erfolg zu arbeiten. Keinen 9-to-5-Job. So was wollten wir auch haben!

Also eine dieser klassischen Start-up-Geschichten?

Nicht ganz. Wir haben unsere eigenen Ersparnisse investiert. Darauf sind wir auch im Nachhinein schon ein bisschen stolz. Anderer Leute Geld auszugeben ist immer ein bisschen einfacher als das eigene. Heute kann ich sagen, es gibt nichts Schöneres, als etwas im Kopf entstehen zu lassen, was der Realität standhält.

Sie haben Arbeitsverhältnis und Branche gewechselt – was mussten Sie neu dazulernen?

Ich hatte in meinem vorherigen Leben nie etwas mit Vertrieb zu tun. Jetzt auf einmal musste ich meine Idee irgendwie verkaufen. Jemanden erst einmal überzeugen und dann auch noch seine Unterschrift unter den Vertrag einfordern – da gab es einiges zu lernen!

Was hat sich in den vergangenen Jahren noch verändert, was konnte von der Anfangseuphorie gerettet werden?

Fachlich ist die Begeisterung für unser Produkt immer noch da, und auch bei unseren 32 Mitarbeitern. Wir haben immer noch unseren Kicker, an dem regelmäßig Büro-interne Turniere stattfinden. Wir frühstücken montags gemeinsam, gehen Baseball oder Beachvolleyball spielen und verbringen auch mal ein paar Urlaubstage gemeinsam. Wir suchen auch gemeinsam neue Mitarbeiter aus: Einer hat Vorschlagsrecht, und zwei, drei weitere entscheiden mit.

Verändert hat sich vor allem die Anwesenheitspflicht und natürlich auch das Volumen. Der Kundenstamm verlangt nach geregelten Bürozeiten, in denen der Support zur Verfügung steht. Und die Gesellschafterstruktur hat sich professionalisiert. Es ist noch immer viel eigenes, aber nun eben auch fremdes Eigenkapital an Bord.

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

Was für eine Frage. Wenn ich sage, ich habe keinen, klingt das total unstrukturiert. Ich denke, ich bin freundlich bestimmt und in der Lage, individuell auf meine Kollegen einzugehen.

Woher nehmen Sie das Selbstbewusstsein, in dieser konservativen Branche etwas verändern zu können?

Vermutlich hatte ich schlichtweg Glück. Ich bin immer auf Menschen getroffen, die für meine Vorschläge ein offenes Ohr hatten. Wenn irgendwann mal so ein 40 Jahre älterer Chef im Anzug vor einem steht, der sich die Meinung sagen lässt von einer Anfang 20-Jährigen mit wenig Berufserfahrung, und diese sich tatsächlich annimmt, dann würde ich das aus heutiger Sicht leider nicht als normal betrachten.

Hinzu kommt, dass das, was ich tue, mir immer irgendwie Spaß macht. Und ich will immer mehr von dem, was ich gemacht habe, realisiert sehen. Damals bei den Immobilien und auch jetzt. Ich freue mich darüber, immer mehr Ärzte mit Samedi arbeiten zu sehen, weil ich weiß, es bringt wirklich einen Vorteil.

Denken Sie, Sie haben Vorteile dadurch, dass Sie eine Frau sind?

Ganz ehrlich, ich sehe heute weder Vor- noch Nachteile darin. Damals auf den Baustellen rumzulaufen, mit Anfang 20 und kurzem Röckchen, das war irgendwie schwieriger, aber das Gesundheitswesen ist ja (überlegt kurz) … zivilisierter. (lacht.)

Es klopft an der Tür. Sie springt auf, öffnet und kommt strahlend zurück, im Arm ihre einjährige Tochter. Der Grund weswegen das Unternehmen im vergangenen Jahr die Räumlichkeiten neu organisieren musste: die hinteren Räume gehören nun Tochter und Tagesmutter. So bekommt Katrin Keller alles unter einen Hut. Gearbeitet wird abends zu Hause eben weiter. Achselzucken. Sie hat sich kein Jahr Elternzeit genommen, sondern ihr Leben einfach noch mehr in ihre Arbeit integriert. Nachher wird sie mit der Kleinen losziehen, in Anzug, Bluse und Pumps auf den nächsten Spielplatz.



Zur Person
Die gebürtige Frankfurterin (36) machte nach Abitur und Ausbildung zur Kauffrau der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft Karriere in der Banken- und Immobilienfonds-Welt. Mit 28 war sie Geschäftsführerin der HAVIKA Gesellschaft für Grundbesitzmanagement mbH.
Diese Karriere ließ sie „sausen”, um sich mit ihrem Geschäftspartner den Terminbuchungs-Problemen niedergelassener Ärzte zu widmen. Aus eigener Erfahrung wusste sie, dass es schier unmöglich ist, koordinierte Arztbesuche auf die Reihe zu bekommen – die Idee eines webbasierten Terminbuchungstools war geboren. Heute gibt es 6.000 Kunden, darunter viele Ärzte, MVZ und Unikliniken .

Interview: Claudia Dirks
kma 07/2012 - Seite: 056-059

Kommentar hinzufügen

Hinweis: Kommentare können von allen Besuchern gelesen werden. Nutzen Sie daher bitte die Kommentarfunktion ausschließlich für einen Kommentar zu diesem Artikel. Allgemeine Fragen zum Artikel können Sie gerne über das Kontaktformular an uns richten.

Ihr Name:*
Betreff:*
Kommentar:*
Sicherheitscode:* 

Bitte Lösung der gestellten Rechenaufgabe eintragen!
 
* Pflichtfelder