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Gisela Bahr-Gäbel
Die Pragmatische

Diese Frau verzettelt sich nicht. In Meetings sitzt Gisela Bahr-Gäbel mit diesem Gesichtsausdruck, der besagt: “Und gibt’s sonst noch was?” Für sie sind Arbeitstreffen keine Gelegenheit, die Gedanken schweifen zu lassen. Ihre Beiträge sind präzise, ohne Prolog, ohne Kommentar. Am Ende geht sie als erste. Plauderei scheint – zumindest wenn sie im Dienst ist – nicht ihre Sache. Kaum vorstellbar, dass dem neuen Vorstandsmitglied der BALK die viel beschworene Verdichtung der Arbeitszeit Probleme bereitet.
Wer’s gemütlich liebt, der mag sich unbehaglich fühlen in ihrer Gegenwart. Wer meint, es müsse sich endlich etwa bewegen, der wird diese Pflegedienstleiterin mögen: ihr dankbar sein, dass sie nicht in jedem dritten Satz von Prozessmanagement und Qualitätsmanagement spricht. Selbst verliebtes Theoretisieren – dazu fehlte ihr in den letzten Jahren auch die Zeit. Zusammen mit der Klinikchefin, Elisabeth Steinhagen-Thiessen, und einigen anderen Mitarbeitern hat sie vor sechs Jahren das Evangelische Geriatriezentrum Berlin (EGZB) aufgebaut; ein Krankenhaus mit 132 Betten und 40 Tagesklinik-Plätzen im Wedding, einem der unpopulärsten Stadtteile Berlins. Trotzdem kommen Patienten aus der ganzen Stadt. Was besonders die Jüngeren, also die 60- bis 70-Jährigen unter ihnen, bemerken, ist – neben der multidisziplinären Behandlung, die so in keinem normalen Akutkrankenhaus zu finden ist – die gute Luft auf den Stationen. Das sei ihm mit als erstes aufgefallen, sagt ein Ex-Patient, dass es nirgends nach Urin rieche. Eine Kleinigkeit, die aber zeigt, dass die Pflegekräfte, die Bahr-Gäbel leitet und ausgesucht hat,  professionell arbeiten.
Die 52-Jährige lebt seit 30 Jahren mit ihrem Mann in Berlin. Gelernt hat sie beim DRK-Schlump in Hamburg, Ende der 60er-Jahre als die Oberinnen noch von silbernem Besteck aßen, das von Schülerinnen geputzt wurde. Im Beruf hat sie seither einige Umbrüche erlebt. Als Bahr-Gäbel ins EGZB kam, hatte sie gerade die Fusion des städtischen Virchow-Krankenhauses mit der Universitätsklinik Charlottenburg hinter sich. Sie saß, als Pflegedirektorin des Virchow-Krankenhauses, mit dem Vorstand zusammen, um Struktur und Organisation des neuen Campus-Virchow-Klinikums, das heute zur Charité gehört, zu planen. Danach hat sie noch wenige Jahre als Abteilungsleiterin gearbeitet. “Aber nachdem ich die Fusion hautnah erlebt hatte, konnte ich mich nicht so einfach in ruhiges Fahrwasser begeben”, sagt sie.
Das EGZB war keine Notlösung. Das ist zu merken, wenn die Pflegedienstleiterin über die Integrierte Ausbildung spricht oder über die Bewohner des Pflegeheims im EGZB, das sie ebenfalls leitet: Es klingt, als hätte sie zeitlebens in der Altenpflege gearbeitet. In zwanzig Minuten setzt sie ihren Gesprächspartner ins Bild über die nötige Reform der Altenpflegeausbildung – so wie es ihre Art ist: komprimiert und präzise. Die Integrierte Ausbildung von Krankenschwestern, Kinderkrankenschwestern und Altenpflegerinnen ist ein Schritt in die richtige Richtung, glaubt Bahr-Gäbel. Sie organisiert deshalb auch das gemeinsame Modellprojekt von Charité und EGZB zu dieser Ausbildung mit. Geriatrie ist nicht en vogue – anders als die Kinderonkologie oder die Herzchirurgie. Wer will schon in der Hauskrankenpflege arbeiten, wenn die Intensivstation mehr Ruhm und Rubel verspricht. Bahr-Gäbel ärgert sich über die Geringschätzung der Altenpflege, doch sie spart sich die an dieser Stelle übliche Predigt über die demografische Entwicklung. Ihr Argument ist fachlicher Natur: “Wer im Heim oder in der ambulanten Pflege arbeitet, muss in der Krankenbeobachtung viel besser sein, denn er hat nicht immer einen Arzt im Hintergrund, den er fragen kann. Er ist ganz allein mit dem Patienten, wenn er etwas übersieht hat dies viel gravierende Folgen als auf der Intensivstation, wo dutzende von Augen über einen Patienten wachen.” Auch durch ihre Arbeit im Vorstand der BALK will Bahr-Gäbel für mehr Anerkennung der Altenpflege werben.
Das dürfte ihr gelingen. Die Pflegedienstleiterin findet immer eine Lösung: zum Beispiel für den Bewohner im Pflegeheim, der Wissenschaftler war und dringend einen ebenbürtigen Gesprächspartner braucht. “Da ist uns jetzt schon was eingefallen”, sagt sie. Er wird künftig Seminare mit entwickeln. Die Lösung ist pragmatisch und unkonventionell. Genauso wie damals, Anfang der 70er-Jahre, als Gisela Bahr-Gäbel nach der Geburt ihres Sohnes weiter arbeiten wollte. Sie suchte über eine Anzeige eine Leih-Oma und fand sie. “Wir haben meinen Sohn gemeinsam aufgezogen.” Schon damals wusste Bahr-Gäbel um die Potenziale des Alters. 

Autorin: Kirsten Gaede

Kirsten Gaede
Pflege und Management 09/2005 Seite: 042

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