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Kongress Pflege 2006
Weltoffen

Nicht in einer der großen Messehallen dieses Landes fand der Heilberufe-Kongress statt – nein, ganz unüblich für die Branche, in einem Hotel, ganz in der Nähe vom Berliner Bahnhof Friedrichstraße. Daran liegt es wohl auch, dass sich so interessante Diskussionen entspannen konnten.

 Von der Pflege wird oft behauptet, sie schmorten im eigenen Saft. Stimmt der Vorwurf, stimmt er nicht? Die Frage ist müßig – und doch: Wer den Kongress Pflege 2006 Ende Januar in Berlin besucht hat, antwortet womöglich mit einem klaren “Nein”. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin, trat neben Sabine Girts, Geschäftsführerin der Balk, auf und referierte über das Aktionsbündnis Patientensicherheit. Ein Arzt unter Pflegekräften – nun, das muss noch kein Ausdruck von Weltläufigkeit sein. Ein Blick auf die Veranstaltungsthemen aber macht deutlich: Die Zeiten, in denen leitende Pflegekräfte hingabevoll über die unterschiedlichsten Aspekte der Prozessoptimierung parlierten sind vorbei. Die Aufmerksamkeit scheint sich nach draußen zu wenden: Da ging es zum Beispiel um die Pflege im Sanitätsdienst der Bundeswehr – auch ein Programmpunkt zu dem Ärzte sprachen, etwa Klaus-Peter Benedix aus München und Jürgen Canders aus dem Ort Schwielowsee.
Das wirklich Aufsehen erregende aber: Der Kongressveranstalter holte sich einen Kritiker ins Haus, der in seinem Buch “Abgezockt und totgepflegt” wenig Rühmliches aus deutschen Altenheimen zu erzählen hat. Markus Breitscheidel wirkte bei seiner kleinen Ansprache am Sonnabendmorgen betreten, fast zögerlich, als er über die Fesselungen und Zwangsmedikationen berichtete, die er als temporärer, nach Walraff-Art recherchierender Hilfspfleger in den verschiedenen Heimen mit ansehen musste. Dass über diese Dinge nicht geredet werde, sei der eigentliche Skandal, sagte der schmächtige Mann mit dem Schnauzbart. Wütend wirkte er – aber auch ein wenig blind: Hat nicht Econ, der zu den bekannteren Verlagen zählt, seinen Bericht publiziert? Und: Vertreter der Pflege hatten ihn eingeladen, damit er vor einem Fachpublikum über die Maltraitierung von Heimbewohnern berichten konnte. Sogar am Pressegespräch nahm er teil – an einer Veranstaltung, der gern auch einmal ein Agentur-Journalist beiwohnt, was, wie das Buch, ebenfalls zur Verbreitung seiner Anklage beitragen könnte.
Die Diskussion, die auf Breitcheidels Auftritt folgte, war teilweise aggressiv, emotional und in jedem Fall fesselnd. Eine Zuhörerin sagte, sie wollte sich für das Buch bedanken und bestätigte, dass immer mehr Pflegekräfte die Flucht aus den von Breitscheidel geschilderten Verhältnissen planten. Häufig war aber auch der Vorwurf zu hören, Breitscheidel sei es vor allem darum gegangen, etwas Reißerisches zu verfassen. Eine Frau in der ersten Reihe fragte, was er gegen die Zustände unternommen hätte. “Ich habe mehrfach die Staatsanwaltschaft und die Heimaufsicht eingeschaltet”, schmetterte ihr Breitscheidel entgegen. Breitscheidel war außer sich, sagte, er kenne diese Einwände, der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (BPA) würde auf jede seiner Veranstaltungen eine attraktive Frau schicken, die mit inquisitorischen Fragen versuche, die Diskussion an sich zu reißen. Es stellte sich jedoch heraus, dass die provokante Fragerin eine der nachfolgenden Referentinnen war: Beate Gerber vom Stiftsheim Kassel, die ihren Vortrag unter den Titel “Die Branche ist besser als ihr Ruf!” stellte.
Verlockend klang die Ankündigung der Referentin Gerber. In einem Unterpunkt hieß es: “Wir brauchen eine verbesserte Imagepflege”. Doch was dann folgte, war ein Abriss über die Schwierigkeiten der Pflege in den Heimen, die dem Fachpublikum kaum neue Einsichten gewährt haben dürfte. Dass die Bewohner immer kränker und gebrechlicher werden und die Dokumentation viel Zeit verschlingt – das dürfte dem Fachpublikum bekannt sein. Es fehlte das Besondere, der Eindruck, dass hier jemand eine innovative Idee, einen ungewöhnlichen Gedankenansatz oder neue Zahlen vorstellte. Dass die Altenpflege vor großen Problemen steht, ist Branchenkennern bekannt – ihnen dürstet nach Lösungsvorschlägen oder zumindest nach neuartigen Deutungen der Lethargie der Politiker gegenüber diesen Problemen. An diesem Punkt der Veranstaltung war es noch zu spüren: das Schmoren im eigenen Saft. 

Autorin: Kirsten Gaede

Kirsten Gaede
Pflege und Management 03/2006 Seite: 036

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