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TOP- Pflegekongress am 1. und 2. Juni 2006 in Regensburg
Primary Nursing in Deutschland

 - Eine Idee für Träumer und Idealisten oder eine Herausforderung für Führungskräfte und Mitarbeiter?

 Immer mehr Kliniken in Deutschland überdenken das Pflegeorganisationssystem der Bereichspflege und stellen auf das System “Primary Nursing”1 um. Am Anfang erfolgt die Einführung mit viel Elan, Spaß und Überzeugung, aber schon bald machen sich Mühen bemerkbar. Widerstände werden stärker und die Überzeugungskraft schwindet im Laufe der Zeit. Einige Kliniken scheitern schon bei der Einführung. Was macht die Umstellung auf das neue Pflegeorganisationssystem  so anstrengend? Wo liegen die Knackpunkte?
Die Implementierung der “primären Pflege” steht in einem viel größerem Kontext als am Anfang der Einführung angenommen. Es handelt sich nicht einfach um die Umstellung einer Arbeitsorganisation. Es ist ein Organisationsprinzip, das eine Arbeitsstruktur für  professionelle Pflege schafft und dabei sowohl das pflegerische Selbstverständnis und bewährte Rollenmuster als auch die Frage nach Führungsqualität auf der Stationsebene und in der Gesamtorganisation in Frage stellt. Es scheint so, dass oftmals gerade die Auswirkungen auf Führung und Management unterschätzt wird.

Professionelle Pflege statt “satt und sauber”
Die professionelle Pflegeentwicklung in Deutschland hat in den letzten Jahren einen eher schleichenden Verlauf erfahren. Mit der “Primäre Pflege” wird ein Meilenstein für eine professionelle Entwicklung in der Pflege gesetzt. Es geht nicht mehr um eine aufgabenorientierte Pflege, bei der ein Patient “satt und sauber” im Bett liegt und eine Pflegekraft um ihn herum Tätigkeiten verrichtet. “Primäre Pflege” bedeutet viel mehr. Es geht um die Übernahme einer Prozessverantwortung. Der Weg von einer mehr oder minder diffusen Gruppenverantwortung, die zumeist nur über eine Schicht reicht, hin zu einer persönlich verankerten, kontinuierlichen Verantwortung über einen gesamten pflegerischen Prozess von der Aufnahme eines Patienten bis zu seiner Entlassung, ist für alle Beteiligten eine Herausforderung. Es geht um eine innere Haltung der Pflegenden, die – neben fachlicher Kompetenz – als ein offenes, reflektiertes Sich-Einlassen auf eine professionelle Beziehung zum Patienten beschrieben werden kann. Damit Pflegende diese innere Haltung entwickeln können, muss die Stations- und Institutionskultur von Offenheit, Vertrauen und Respekt geprägt sein. Hier kommt eindeutig die Rolle der Stationsleitung als Führungskraft mit ausgeprägten Führungskompetenzen zum Tragen (vgl. Schütz-Pazzini 2003, S. 875). Gleichzeitig hat die mittlere Managementebene eine hohe Bedeutung für die Verankerung in der Gesamtorganisation.

Stationsleitung als Führungskraft
Die Stationsleitung ist die Schlüsselfigur zur erfolgreichen Umsetzung der “primären Pflege” auf der Stationsebene. Bei der Einführung des neuen Pflegeorganisationssystems muss ein besonderes Augenmerk auf die Rolle der Stationsleitung gerichtet werden, die sich im Laufe des Prozesses verändern wird und auch verändern muss.
Im herkömmlichen und jahrelang funktionierendem System einer mehr oder minder tätigkeitsorientierter Pflege war die Stationsleitung als Ansprechpartner der Dreh- und Angelpunkt für alle Belange auf der Station. Alle wichtigen pflegerischen Entscheidungen liefen über sie. Sie hatte auf alle Fragen eine Antwort und kann jedes Problem lösen. Sie war die Perle der Station. In der Funktionspflege und der Bereichspflege wird dieses Führungsverhalten sehr positiv gesehen, aber ist es kompatibel mit der “Primären Pflege”?
Nein! Und genau hier liegt der Knackpunkt. Mit der Einführung der “Primären Pflege” sind die Leitungen ganz schnell mit wichtigen und entscheidenden Führungsfragen konfrontiert, die mit dem bisherigen Führungsverhalten schwer zu lösen sind. Nicht nur muss die Stationsleitung ihre Mitarbeiter durch einen schwierigen Veränderungsprozess führen, dazu benötigt sie Wissen, sowohl über die Tücken von Veränderungsprozessen als auch über Team/Gruppenprozesse. Sondern sie wird ihre Mitarbeiter kontinuierlich und zielgerichtet begleiten und fördern, damit diese ihre pflegefachlichen Kompetenzen erweitern und eine Prozessverantwortung wahrnehmen können.
Stationsleitungen müssen an dieser Stelle abgeholt und professionell begleitet werden. Es müssen ihnen Führungsinstrumente bereitgestellt  und ihnen ein Forum eingerichtet werden, in dem sie die Handhabung der Werkzeuge erlernen und reflektieren können. Dieser Veränderungsprozess der Stationsleitungen ist der wichtigste Schritt, um die pflegerische Professionalität und Eigenverantwortung der Pflegenden zu fördern. Wenn die Stationsleitung verstanden hat, um was es geht, dann verstehen es auch ihre Mitarbeiter.

Führungskultur im gesamten Kontext
Es gilt nicht nur das Führungsverständnis der Leitungen zu reformieren, auch die Führungskultur einer Institution im gesamten Kontext muss in sich stimmig sein. Die Institution braucht einen klar strukturierten Organisationsrahmen, bei dem dezentrale Entscheidungsfindungen für alle Mitarbeiter spürbar werden. Marie Manthey  beschreibt die erfolgreiche Umsetzung der “Primären Pflege” folgendermaßen: “Primary Nursing funktioniert da am besten, wo die Stationsleitung eine ebenso gute Klinikerin wie Managerin ist. Und sie wird überall dort gedeihen, wo sich der pflegerische Bereich als Ganzes dem Managementprinzip einer dezentralen Entscheidungsfindung verpflichtet fühlt” (Manthey 2002, S. 78).

Primäre Pflege am Caritas-Krankenhaus St. Josef
Das Caritas-Krankenhaus St. Josef in Regensburg hat sich schon sehr früh mit der Entwicklung im Gesundheitswesen auseinandergesetzt und befindet sich seit 1993 im Rahmen des European Foundation Quality Management Systems (EFQM)  in einem Organisationsentwicklungsprozess. Das strategische Ziel des Trägers und der Klinikleitung ist die Optimierung der Patientendurchlaufsteuerung und die damit einhergehende Steigerung der Patientenzufriedenheit auf hohem administrativen, pflegerischen und medizinischen Niveau. Dazu wurde 2002 das Projekt “Primäre Pflege” von der Klinikleitung verabschiedet. Die “Primäre Pflege” im Caritas-Krankenhaus wird nicht als Projekt der Pflege gesehen, sondern ist Teil einer Reorganisationsmaßnahme, in die viele andere Arbeitsbereiche einbezogen sind. Das alleinige Einführen des neuen Pflegesystems wäre in der bestehenden Organisationsform schwer möglich gewesen. Auch wurden die Stationsleitungen von Anfang an durch eine externe Beratung begleitet und seit einem Jahr kontinuierlich mit einem Führungstraining geschult.

Pflegekongress mit Marie Manthey
Im Zusammenhang mit dem Thema Führung in der “Primären Pflege” veranstaltet das Caritas-Krankenhaus St. Josef einen Pflegekongress in Regensburg. Es werden zwei spannende Kongresstage erwartet mit hochkarätigen Referenten. Marie Manthey eröffnet die zweitägige Veranstaltung, die am 1. und 2. Juni 2006 stattfindet.
 Dieser Kongress ist nicht nur ein Meilenstein, um die geleistete Arbeit der Mitarbeiter zu würdigen und kritisch zu reflektieren, sondern um anderen Einrichtungen und Menschen, die sich mit diesem Organisationssystem auseinandersetzen, einen öffentlichen Austausch zu ermöglichen.
Die Anforderungen an Führung und Management, in der Einführung dieses Pflegeorganisationssystems, bilden einen Schwerpunkt dieser Tagung. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Notwendigkeit einer interprofessionellen Zusammenarbeit und der Frage, welchen Anteil pflegerische Führungskräfte insbesondere Stationsleitungen, innerhalb dieses Organisationssystems, dazu beitragen können. Anmeldungen für den Kongress sind derzeit noch möglich. Das Programm und Anmeldeformular finden Sie unter
www.caritasstjosef.de

Literatur
Manthey, M.: Primary Nursing. Ein personenbezogenes Pflegesystem. Huber, Bern-Göttingen-Toronto, 2002
Schütz-Pazzini, P.: Von der Stationsmutter zur Führungskraft. Pflegezeitschrift 12/2003

Verfasser
Cornelia Straßburger
Krankenschwester
Dipl. Betriebswirtin
Assistentin der Pflegedirektion am Caritas-Krankenhaus St. Josef

Michael Frank
Pflegedirektor am
Caritas-Krankenhaus St. Josef

1 Im Folgenden wird anstelle von “Primary Nursing” der Begriff “primäre Pflege” verwendet.

Pflege und Management 03/2006 Seite: 041

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