Anästhesietechnischer Assistent

Der beste Freund des Anästhesisten

Im OP fehlen Fachkräfte. Die Anästhesietechnischen Assistenten könnten die Lücke füllen.
Dass Sarah Schulz heute täglich mehrere Patienten für die Narkose vorbereitet, ihnen unter ärztlicher Aufsicht Narkosemedikamente spritzt und EKG und Blutdruck überwacht, ist eher Zufall. Hebamme wollte die Realschülerin eigentlich werden, als sie auf der Internetseite des Uniklinikums Halle nach Ausbildungsstellen suchte. "Als ich dort aber die Anzeige für die Ausbildung zur Anästhesietechnischen Assistentin (ATA) sah, habe ich mich einfach mal beworben." Heute ist die 22-Jährige eine von 43 fertig ausgebildeten ATAs, die an schätzungsweise 20 deutschen Krankenhäusern arbeiten. Am UKH startete 2004 bundesweit die erste ATA-Ausbildung. "Weil der Bedarf an Unterstützung in der Anästhesie einfach so groß war und rasch gedeckt werden musste", erinnert sich Christiane Spichale, zuständig für die Fachrichtungen ATA und OTA (Operationstechnischer Assistent) am UKH-Ausbildungszentrum für Gesundheitsfachberufe. Frankfurt folgte kurz darauf mit einer eigenen Ausbildung, ebenso die Unikliniken Chemnitz und Tübingen.

Anästhesisten waren zunächst skeptisch

Unter den ersten Absolventen, die 2007 in Halle ihren ATA-Abschluss machten, war Thomas Oesterling. Der heute 32-Jährige schätzt an dem Beruf vor allem die Abwechslung: "Als ATA ist man keinem speziellen Fachbereich zugeordnet, sondern wird bei einer Herz-OP ebenso eingesetzt wie bei einem Kaiserschnitt." Oesterling musste um Anerkennung unter den Anästhesisten und unter den Kollegen aus der Pflege kämpfen. Die waren skeptisch, ob ein Medizinneuling nach drei Jahren Grundausbildung wirklich kompetent bei der Narkose assistieren kann. Die Fachkrankenschwestern und -pfleger für Anästhesie- und Intensivpflege, die traditionell Anästhesisten unterstützen, haben immerhin eine dreijährige Grund-, eine zweijährige Weiterbildung und mindestens zwei Jahre Berufserfahrung hinter sich. "Eine ATA ist aber mindestens ebenso kompetent wie eine fachweitergebildete Pflegende", verteidigt Spichale das Konzept. "Schließlich werden in der ATA-Ausbildung ganz gezielt anästhesiespezifische Lehrinhalte vermittelt ? und zwar mehr als in der Fachweiterbildung." Auf dem Lehrplan, der sich an der von der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) anerkannten OTA-Ausbildung orientiert, stehen unter anderem die Fächer Anästhesie und Anästhesieassistenz, Intensivmedizin und Intensivpflege, allgemeine OP-Lehre, Anatomie, Arzneimittelkunde, Hygiene und Psychologie. Mindestens 3000 Praxisstunden absolvieren die Berufsanfänger in der Anästhesie einzelner Fachgebiete wie der Chirurgie, Orthopädie oder Gynäkologie. Auch das Deutsche Krankenhausinstitut kommt im Dezember 2009 zu dem Schluss, dass es sich beim ATA-Konzept um eine gezielte Fachqualifizierung handelt, welche keine pflegerische Primärqualifikation erfordert. "Im Gegenteil zeigt die Existenz einer Fachweiterbildung in der Anästhesie, dass die Krankenpflegeausbildung den Anforderungen in der Anästhesie gerade nicht genügt." Langfristig werde es wohl beide Berufsgruppen geben, so das Institut.

ATAs sind keine Mafas

Allerdings bleiben die ATAs vorerst benachteiligt. "Uns wurde gleich zu Ausbildungsbeginn gesagt, dass wir später tariflich tiefer eingestuft würden als Fachkrankenpfleger", sagt Thomas Oesterling. Er selbst ist in der Entgeltgruppe (EG) 7, während Fachkrankenpfleger im öffentlichen Dienst gemeinhin nach EG 9 entlohnt werden. Doch nicht nur gegen die Fachpfleger müssen sich ATAs behaupten. Auch mit der Erinnerung an ein früheres und scheinbar ähnliches Berufsbild müssen sie es aufnehmen: An Helios-Kliniken konnten sich bis 2007 Anästhesie-Krankenpfleger mit Berufserfahrung innerhalb eines Jahres zum Medizinischen Assistenten für Anästhesie (Mafa) weiterbilden lassen. Sie erledigten anschließend selbstständig vom Facharzt delegierte Aufgaben, legten etwa Gefäßzugänge, verabreichten Narkosemedikamente und überwachten den Patienten während der Anästhesie. Doch 2005 brachte ein bis heute ungeklärter Zwischenfall das Mafa-Konzept in Verruf: Ein 18-jähriger Patient erlitt während einer Trommelfelloperation einen Herzstillstand, wobei sein Hirn schwer geschädigt wurde. Die Tatsache, dass an seiner Narkose ein Mafa beteiligt war, löste Diskussionen über das Berufsbild und die Ausbildung aus. Zwar hat Helios die Mafa-Weiterbildung mittlerweile eingestellt, das Misstrauen gegenüber der Anästhesie-Assistenz aber ist geblieben, wie das Beispiel von Thomas Oesterling zeigt. Die Diskussionen drehen sich dabei vor allem um Parallelnarkosen ? um Situationen also, in denen ein Anästhesist zeitgleich für zwei oder mehrere narkotisierte Patienten zuständig ist und ein nicht-ärztlicher Assistent deren Betreuung übernimmt. In Halle musste Christiane Spichale den Anästhesisten erklären, dass es sich bei den ATAs nicht um eine Neuauflage des Mafa-Konzepts handelt. "Erst nachdem wir ihnen versichert haben, dass es bei uns keine Parallelnarkosen geben wird, und dass unsere ATAs stets unter Aufsicht und zu keinem Zeitpunkt selbstständig arbeiten werden, waren sie beruhigt", so Spichale.

Segen der Fachgesellschaft

Heute sagt selbst der Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI), Holger Sorgatz, dass das Berufsbild des ATA unter den Anästhesisten mittlerweile voll anerkannt ist. Mehr noch: "Der Beruf ist im Kommen." Aktuell durchlaufen 91 Auszubildende die Lehrgänge an vier staatlichen Schulen ? und sie sind gefragt. Eine ATA-Ausbildungsbeauftragte aus Chemnitz berichtet, sie bekomme wöchentlich ein bis drei Anrufe aus umliegenden Krankenhäusern, die wissen wollen, wann die nächsten ATAs mit ihrer Ausbildung fertig würden. "Von unseren ATA-Absolventen hat noch jeder eine Anstellung gefunden." Kaum verwunderlich, dass laut Christiane Spichale weitere Einrichtungen mit einer ATA-Ausbildung liebäugeln, darunter die TU München, die Uniklinik Rostock und das IWK Delmenhorst.

Mittlerweile streben die vier ATA-Schulen, die sich in der Bundesarbeitsgemeinschaft BAG-ATA organisiert haben, eine Anerkennung durch die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) an, wie es sie bereits für die OTA-Ausbildung gibt. Spichale, die sich als Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft engagiert, ist zuversichtlich, dass es bis 2012 klappen könnte.

Romy König