Krankenhauslogistik

Schwach erschlossener Markt

Durch clevere Logistiklösungen könnten Kliniken nach einer Studie bis zu 2.000 Euro pro Bett einsparen.
Medikalprodukte, Mahlzeiten, Wäsche oder Müll: 10 bis 20 Prozent ihrer Logistikkosten könnten Krankenhäuser nach einer Studie des Fraunhofer-Instituts einsparen, wenn sie ihre Ver- und Entsorgungsprozesse cleverer organisierten. Insbesondere, wenn ihr medizinisches Personal solche Tätigkeiten nicht (mit)erledigen müsste. 20 Prozent seiner Zeit verbringt es mit Warenbeschaffung. Durch intelligente Logistiklösungen und -produkte könnten Kliniken nach der Studie pro Bett 1.000 bis 2.000 Euro einsparen. Hochgerechnet auf alle Krankenhäuser ergäbe sich ein Einsparpotenzial von einer halben bis einer Milliarde Euro. "Eine gute Krankenhauslogistik wird zu den entscheidenden Erfolgsfaktoren in Krankenhäusern gehören", schlussfolgert Martin Johow, Geschäftsführer der Firma Dynamed in Neuwittenbek, Schleswig-Holstein. "Sie stellt nicht nur die Adern eines Krankenhauses dar, sondern wird der Motor — das Herz der Unternehmenslogik." Besonders sensibel sei die OP-Logistik. Allein für den Transport würden hier 4,50 Euro im Zehn-Minuten-Takt fällig. Komme ein Patient wegen schlecht organisierter Logistik nicht rechtzeitig zum OP, werde es richtig teuer: Zehn Minuten OP-Belegung kosteten die Klinik 250 Euro. Optimierte Logistik von der Beschaffung bis zum Waren-, Informations- oder Patiententransport zählt klar zu den wichtigen Zukunftsthemen, um Kosten zu senken. Neben dem üblichen Outsourcing der Wäsche- und Speisenversorgung sowie von Reinigungs- und technischen Dienstleistungen entdecken vor allem private Träger die Fremdvergabe von Medikalprodukten sowie Büro- und Wirtschaftsbedarfen.

Reglementierung als Hindernis
Doch obwohl hier ein dynamischer Wachstumsmarkt lockt, haben Industrie und Dienstleister das Gesundheitswesen bisher nur schwach erschlossen. Warum bloß? "In diesem Markt geht es um die Gesundheitsversorgung von Menschen. Deshalb ist er stark durch den Gesetzgeber reglementiert, und häufig herrscht Zurückhaltung, wenn es darum geht, Teile der Versorgung in andere Hände zu geben", sagt Felix Fiege, Vorstandsmitglied der Logistikgruppe Fiege in Greven im Münsterland und dort verantwortlich für den Bereich Healthcare. Darüber hinaus stehen viel geringere Budgets zur Verfügung als in der Automobilindustrie oder Lebensmittelbranche. Für den Dienstleister ist ein Markteintritt nicht ohne Risiko: "Es muss eine Vielzahl von gesetzlichen Bestimmungen und Richtlinien eingehalten werden, darunter die Sterilgutverordnung, Paragraf 54 Arzneimittelgesetz, strenge Hygienerichtlinien, Gefahrgut- und -stoffbestimmungen und GMP-Regularien", zählt Fiege auf (GMP: Richtlinien zur Qualitätssicherung in der Produktion/"Good Manufacturing Practice"). Haftungsrisiken, aber auch die hohen Vorab-Investitionen in Infrastruktur können Barrieren darstellen. Ein Beispiel: die Lagertechnik. Es braucht Reinräume für Sterilprodukte, Kühlräume für Diagnostika, klimatisierte und temperaturüberwachte Hallen für hochempfindliche Medikalprodukte. "Weder können auf Krankenhausseite Einsparungen, noch auf Seite des Logistikdienstleisters Gewinne als Lichtschaltereffekte von einem Tag auf den anderen gehoben werden", subsumiert Fiege.

Aber die Aufmerksamkeit für Krankenhauslogistik wächst. Das zeigt sich daran, dass immer neue Fachkongresse und -messen veranstaltet werden, allen voran die Medlogistica Leipzig. Nach erfolgreicher Premiere der ersten eigenständigen Branchenplattform für Healthcare-Logistik im Jahr 2011 laufen die Vorbereitungen für die zweite Auflage im kommenden Jahr auf Hochtouren. Letztes Jahr sorgte die Universitätsklinik Leipzig bei Experten für Aufsehen. Irgendwie futuristisch gleiten fahrerlose Transportfahrzeuge durch die Gänge des Maximalversorgers und bringen Essen oder Arznei auf Station. Die 16 TransCars, kleine Roboter, sind täglich 20 Stunden unterwegs. "Unser Personal wird stark entlastet", sagte der kaufmännische Vorstand Ekkehard Zimmer, "die Zeit der Laufzettel ist vorbei."

Weitere interessante Informationen zum Thema Krankenhauslogistik finden Sie in "Branche Kompakt", kma Ausgabe Juni 2012.

Eileen Stiller