Swiss-DRG

„Wir wollen gleich lange Spieße kreieren”

Die Schweiz hat ihr DRG-System scharf geschaltet. Interessant für Deutschland: Die Alpenländer haben auch eine Investitionspauschale in ihre DRG eingepreist.

kma sprach mit dem Basler Carlo Conti, der auf dem Europäischen Gesundheitskongress in München ausführlich über die Swiss-DRG referieren wird.

Interview mit Carlo Conti

2012 hat die Schweiz das DRG-System scharf geschaltet. Welche Bilanz ziehen Sie bis dato?
Die Einführung ist aus technischer Sicht gut gelaufen. Das System funktioniert. Bsher gab es keine Beschwerden von Patienten, wie von einigen befürchtet. Natürlich ist die Genauigkeit der DRGs noch verbesserungswürdig. Grundlage für eine Optimierung ist die Qualität der Daten. Wirklich brauchbare Datengrundlagen erhalten wir aber erst mit den Jahren.

Die Kantone haben die Spitäler und Krankenkassen aufgefordert, sich auf einen budgetneutralen Einführungsvertrag über zwei Jahre zu einigen. Das ist nicht geschehen. Was bedeutet das für die DRGs?
Derzeit findet ein formelles Preissetzungsverfahren statt. Einigen sich Kasse und Spital auf einen Preis, müssen die Kantone die Preise genehmigen. Gibt es keine Einigung, setzt der Kanton den Preis fest, und die Tarifpartner haben die Möglichkeit zum Einspruch. Das kann sich zeitlich in die Länge ziehen. Die Kassen haben drei große Verhandlungsverbünde gebildet, mit denen individuell zu verhandeln ist. Derzeit gibt es in keinem Kanton eine Einigung mit allen Kassen und Spitälern. Das ist Tarifautonomie, der Gesetzgeber hat das so gewollt.

Und was folgt daraus für den Alltag?
Einige Verhandlungen sind gescheitert. Damit die Spitäler nicht in Liquiditätsschwierigkeiten gelangten, mussten die Kantone provisorische Tarife festsetzen. Die Kantone sind derzeit mit mehreren Festsetzungsverfahren konfrontiert, die viel Zeit in Anspruch nehmen.

In Deutschland hat die Einführung der DRGs zu einer Privatisierungswelle geführt. Erwarten Sie diese Entwicklung auch in der Schweiz?
In Deutschland fehlte öffentlichen Häusern die Investitionskraft, und das hat sie benachteiligt. Die Sorge, dass nach der DRG-Einführung nicht genug Geld in öffentliche Häuser, vor allem die Unikliniken, fließt, war bei uns groß. In der Schweiz sind deshalb die Anlagenutzungskosten in den DRGs inbegriffen. Diese sollen zwischen privaten und öffentlichen Trägern gleich lange Spieße kreieren.

Wie berechnen Sie diese Pauschale?
Bisher wurden in den öffentlich subventionierten Spitälern die Investitionen zu Lasten der öffentlichen Hand finanziert. Nun werden die Investitionen zu 55 Prozent aus Steuergeldern und zu 45 Prozent aus Geldern der Krankenkassen bezahlt. Wir preisen in die DRG Liegenschaften-, Betriebs-, Mobiliar- und Investitionskosten ein. Schwierig ist dabei, dass nicht alle Spitäler dieselben Rechnungslegungsvorschriften befolgen. Wir sind daran, diese zu vereinheitlichen.

Wo gibt es denn darüber hinaus noch Abstimmungsbedarf?
Abstimmungsbedarf gibt es an vielen Schnittstellen. Die Frage, wie ärztliche Weiterbildung und Forschungsausgaben außerhalb der DRG finanziert werden, ist beispielsweise noch nicht vollständig geklärt. Die Schweizerische Gesundheitsdirektorenkonferenz hat jedoch entschieden, dass die Kosten für die fachärztliche Ausbildung der Assistenzärzte durch einen normativ festgelegten Betrag abgegolten werden sollen.

Die Schweizer Krankenhauslandschaft ist stark durch das Belegarztmodell geprägt. Wird die Swiss-DRG diese Struktur verändern?
In unserem alten Finanzierungssystem haben öffentliche Häuser ein Defizit erwirtschaftet, das die Kantone ausgeglichen haben. Jetzt sind die Preise an Leistungen gekoppelt wie in Deutschland. Durch die leistungsbezogene Finanzierung wird die Infrastruktur einer Klinik viel wichtiger als bisher. Das wird zu einem infrastrukturellen Wandel führen, der auch das Belegarztmodell betrifft. Die Reform wird vor allem für mehr Spezialisierungen im Spitalwesen sorgen.

Diesen und viele weitere interessante Beiträge lesen Sie in der kma-Ausgabe Juli. Lesen Sie außerdem: Abschied vom Schweizer Idyll - einen Artikel über den größten Schweizer Klinikkonzern Hirslanden.

Interview: Jens Mau