Neue MVZ-Vergütung

Gut für die KVs, schlecht für die Patienten

Eine patientenorientierte Versorgung ist möglich. Das beweisen diejenigen Medizinischen Versorgungszentren, die ihr Angebot auf einen bestimmten Krankheitskomplex ausrichten. Ihre Chance, Wurzeln zu schlagen, ist aber gering: Die Kassenärztlichen Vereinigungen erschweren ihnen zunehmend die Existenz.
Foto: Vivantes

Vivantes Kinder-MVZ: Die KV Berlin will das Medizinische Versorgungszentrum von der Jungarztregelung ausnehmen und hat einen pädiatrischen Sitz von 100 auf 25 Prozent reduziert. „Damit sind wir formal gesehen kein MVZ mehr”, sagt Klinikdirektor Tillig.

Michael E. Porters "Chancen für das deutsche Gesundheitssystem” wurde als extrem erfrischend empfunden und der Autor, ein Professor aus Harvard, als geradezu prophetisch. Doch so viel Ehrfurcht ist nicht nötig – zumindest nicht, wenn es um Porters Forderung nach mehr Patientenzentrierung der medizinischen Versorgung geht. Es gibt sie bereits: Ein Beispiel ist das Vivantes MVZ für Kindermedizin. Dort bilden seit 2011 Kinderchirurgen, -gastroenterologen, Kinder- und Jugendpsychiater sowie Psychosomatiker ein diagnostisches Team für die typischen diffusen Kinderbeschwerden wie Bauchschmerzen, Verstopfungen und nächtliches Einnässen. Sind weitere Fachgebiete gefragt, können sie die Kleinen an Fachkollegen mit speziellem pädiatrischem Wissen etwa in der Neurologie, Endokrinologie oder Entwicklungsphysiologie in der Klinik verweisen.

In Berlin, wo in manch pädiatrischer Praxis Lazarett-Atmosphäre herrscht, kommt das MVZ gut an. Trotzdem ist seine Lage prekär: MVZs dürfen seit 2009 einen Patienten, den sie innerhalb des Zentrums überweisen, nur als einen Fall abrechnen. Kooperierende MVZs erhalten dafür einen Kooperationszuschlag. Doch dieser kompensiere nicht den Aufwand, meint MVZ-Chef Bernd Tillig. "Wenn ich als Kinderchirurg ein Kind mit Bauchschmerzen an die Gastroenterologin überweise, beginnt diese fast von vorn: Sie wird eine spezifische Anamnese erheben und das Kind klinisch untersuchen, um sich ein Bild aus gastroenterologischer Perspektive zu machen.” Auch hat die KV den pädiatrischen Sitz für dieses MVZ rückwirkend von 100 auf 25 Prozent reduziert. "Sie unterstellte anhand der zunächst noch geringen Fallzahlen, dass dieser KV-Sitz nicht mit einer Vollkraft besetzt gewesen sei. Damit waren wir formal gesehen kein MVZ mehr. Wir mussten mit juristischen Mitteln unser Recht erstreiten”, so Tillig. Die Folge: Er konnte die MVZ-Struktur nicht wie geplant aufbauen, was zu einem Erlösdefizit führte.

Gericht hat Vivantes Recht gegeben
Eine weitere Widrigkeit: Die Berliner KV nimmt MVZs von der Jungpraxisregelung aus. Die Zentren werden im ersten Jahr an ihrem Vorgänger bemessen, weitere Leistungen bleiben unberücksichtigt oder nur mit abgestuften Werten honoriert.

Unter der Willkür der KVs leiden auch die von Niedergelassenen betriebenen Zentren. Wie das Medicum in Hamburg, das Diabetikern umfassende Betreuung bietet: Nach der Regionalisierung der Honorarvereinbarung ist hier der Kooperationszuschlag von 40 auf 10 Prozent gesunken. "Damit wird uns für das 3. Quartal ein deutlicher sechsstelliger Betrag fehlen. Entweder wir finden kurzfristig eine Einigung oder wir müssen das Konzept für gescheitert erklären”, sagt Geschäftsführer Torsten Schudde. Ratlosigkeit herrscht auch im MVZ in Berlin: Vivantes hat bereits gegen die Ungleichbehandlung bei der Jungarztregelung vor dem Sozialgericht geklagt und Recht erhalten. Doch die KV Berlin ist in Berufung gegangen. Warum aber schreiten die Kassen, die ein Interesse an moderner Versorgung haben, nicht ein? "Der Nutzen der MVZs wird von vielen Kassen anscheinend noch nicht hoch genug geschätzt, um dafür Streit mit der Ärzteschaft zu riskieren”, vermutet Susanne Müller, Geschäftsführerin vom Bundesverband Medizinische Versorgungszentren. Hinzu kommt: Jetzt, da die 17 KVs die Honorare regional verhandeln, müssen sie mit den Kassen ohnehin nur noch ein Benehmen herstellen. Porter würde darüber sicherlich den Kopf schütteln.

Kirsten Gaede