Kunstfehler

Mediziner sollen aus Fehlern lernen

Wann ist eine Komplikation Schicksal, wann Folge eines Ärztefehlers? In offiziellen Fallsammlungen finden sich ebenso drastische wie eindeutige Beispiele. Patienten haben das Nachsehen.
Nach Ärztepfusch ist es für die Gutachter oft schwer, den Kunstfehler zum Nachteil des Patienten nachzuweisen. Doch die Fälle, die nach Patientenbeschwerden im Auftrag von Ärztekammern oder Krankenkassen begutachtet wurden, sind mitunter auch ebenso klar wie erschreckend. Beispiele zeigen, dass im hektischen Klinikalltag mitunter passiert, was eigentlich nicht passieren darf. Bei einem 67-jährigen Mann gingen etwa nach der Entfernung der Gallenblase die Bauchschmerzen einfach nicht weg. Die Ärzte untersuchten seinen Bauch ohne Ergebnis erneut - und tippten auf eine Entzündung. Erst bei einer Not-Operation in einer anderen Klinik entdeckten Chirurgen einen Beißkeil im Bauch. Der Keil sollte bei der Gallen-OP verhindern, dass der Patient in Narkose auf den Beatmungsschlauch beißt. Doch gesichert war der Keil nicht - und dass der Mann ihn verschluckte, bemerkte niemand.

Schlaganfall acht Tage unentdeckt
Eine 56-Jährige bückte sich bei der Gartenarbeit - und bekam mit einem Schlag unerträgliche Kopfschmerzen. Ihr Hausarzt schickte sie sofort in die Klinik. Dort nahmen die Ärzte erhöhten Blutdruck als Ursache an. Doch auch nach einer Blutdruck-Senkung mit Pillen blieben die Schmerzen. Geschlagene sieben Tage blieb die Frau auf Station. Obwohl es Gangunsicherheit, Schwindel und Koordinationsstörungen dazukamen, ließen die Ärzte erst am achten Tag eine Computertomographie machen - und entdeckten eine Hirnblutung. Die Frau hatte einen Schlaganfall erlitten. Seither hat sie Krampfanfälle und Sprachstörungen - Folgen, die womöglich vermeidbar waren.

99 Menschen starben wegen Ärztepfuschs
Es sind solche Fehler, die Patienten Angst einjagen können. Doch an die Öffentlichkeit gehen die Ärztekammern mit Fehlerstatistiken und Fällen, um den Ärzten zu zeigen, was falsch laufen kann, und um die Menschen zu sensibilisieren. Es ist wohl vor allem auf gestiegene Aufmerksamkeit zurückzuführen, dass die Zahl der registrierten Fehler und Unterlassungen der Mediziner nun auf 2287 im vergangenen Jahr stieg. 99 Menschen starben wegen Ärztepfuschs laut diesen Zahlen. "Eine völlig fehlerfreie Behandlung wird es nie geben", sagt der Vorsitzende der Konferenz der Gutachterkommissionen, Andreas Crusius. Gemessen an Millionen Behandlungen im Jahr seien die Zahlen eher gering. Doch die Dunkelziffer ist laut Experten für Patientensicherheit weit höher - Schätzungen über das Ausmaß allein tödlicher Ärztefehler gehen in die Zehntausende. Solche Spekulationen lehnen die Vertreter der Ärzteschaft aber vornehm ab.

Die meisten Fehler in Orthopädie und Chirurgie
Rund 40.000 Beschwerden bei den Gutachterstellen der Ärzte, bei den Krankenkassen und Klagen vor Gericht gibt es insgesamt pro Jahr, schätzt Crusius. Die Trends bei den Ärzte-Kommissionen und den Gutachten des Medizinischen Diensts der Krankenkassen (MDK) sind ähnlich - so bestätigten die MDK-Gutachter die meisten Fehler in Orthopädie, Unfallchirurgie und Allgemeinchirurgie.

Während bei Eingriffen beim Knie- und Hüftgelenk die Fehler in der Regel bei der Operation selbst passieren, werden Patienten mit einem Beinbruch Opfer von Fehlern sowohl bei der Diagnose, als auch beim Eingriff und bei der Pflege danach. Genau aus solchen Details erhoffen sich Experten wie die Medizinrechtlerin Ingeborg Singer vom MDK Bayern Aufschluss für die Zukunft: "Wir wollen in Zukunft solche Beispiele genauer analysieren, um eventuell konkrete Handlungsempfehlungen ableiten zu können."

dpa