DFB-Arzt Meyer:

"Schmerzmittel sind kein Doping"

Nach dem «Fall Ivan Klasnic» tritt DFB- Arzt Tim Meyer Mutmaßungen entgegen, dass im gesamten deutschen Fußball übermäßig Schmerzmittel verwendet werden. «Wir verordnen sie zurückhaltend», versicherte der Internist für den Einsatz dieser Medikamente bei der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.

In einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur dpa im Trainingslager der DFB-Auswahl auf Mallorca mahnte Meyer in diesem Zusammenhang zur Sachlichkeit: "Die ganze Bevölkerung nimmt bei Kopfschmerzen Aspirin. Wir sollten nicht bei Fußballern ein großes Problem sehen, wenn auch sie das sporadisch einnehmen." Schmerzmittel in Verbindung mit Doping zu setzen lehnt der Leiter des Instituts für Sportmedizin an der Universität Paderborn ab: "Schmerzmittel steigern nicht die Leistungsfähigkeit, sie stellen bestenfalls die schmerzbedingt reduzierte normale Leistungsfähigkeit her. Das darf man nicht in einen Topf schmeißen mit EPO", sagte er in Bezug auf die vor allem in Ausdauersporten leistungssteigernde Substanz. "Schmerzmittel sind kein Doping", betonte der DFB-Arzt.

Der bislang für Werder Bremen spielende Profi Klasnic hatte nach seiner Nierentransplantation schwere Vorwürfe gegen die medizinische Abteilung des Bundesligisten erhoben, weil die Schädigung des Organs angeblich nicht erkannt worden war. Gleichzeitig hatte der kroatische Nationalspieler berichtet, dass er regelmäßig größere Mengen von Schmerzmitteln eingenommen habe. "Den 'Fall Klasnic' kann ich nicht beurteilen, weil mir die Einzelheiten nicht bekannt sind", sagte Meyer. Das Potenzial der Schädigungen, das bei den vorwiegend verwendeten Schmerzmitteln Acetylsalicylsäure (Aspirin), Diclofenac (Voltaren), Ibuprofen und Paracetamol bestehe, müsse medizinisch "realistisch" bewertet werden: "Es ist nicht so, dass jeder Zweite eine Nierenschädigung bekommt, weil er Schmerzmittel einnimmt." Zur Situation im deutschen EM-Kader sagte der Internist: "Mir liegen alle Nierenwerte der Nationalspieler vor, keiner hat ein Nierenproblem." Meyer ist auch "entschieden dagegen", Schmerzmittel auf die Dopingliste zu setzen: "Wenn das geschieht, muss es im Umkehrschluss die Möglichkeit geben, diese in medizinisch gerechtfertigten Situationen doch zu verordnen." Das würde aus seiner Sicht zu einer Flut von Ausnahmeanträgen an die Nationale Antidoping-Agentur (NADA) führen, die damit personell überfordert wäre: "Das ist nicht praktikabel."

Meyer begrüßt die Ausweitung der Doping-Kontrollen der UEFA vor und während der Europameisterschaft. Alle 16 Teams werden vor dem Turnier in Österreich und der Schweiz schon in der Vorbereitung kontrolliert, erstmals auch mit Bluttests. "Durch die Bluttests wird das Auffinden verbotener Substanzen wahrscheinlicher. Aber es wird nicht in dem Maße wahrscheinlicher, wie das viele gerne glauben wollen. Urin ist auch weiterhin das wichtigste Material, um Doping- Substanzen nachzuweisen." Die Sportmedizin in Deutschland hat durch den Doping-Skandal um das ehemalige Radsport-Team T-Mobile unter Beteiligung von Ärzten der Uni Freiburg Schaden genommen, wie Meyer einräumte: "Unser Fach ist etwas unter Druck geraten. Wir müssen dem entgegentreten, in dem wir seriöse Medizin machen." Auch beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) sei die Sensibilität "hoch", so Meyer: "Da steckt die verständliche Sorge dahinter, dass Dopingfälle das Image einer Sportart schädigen."

 

Klaus Bergmann und Jens Mende, dpa