Uniklinik Erlangen

Spanische Krankenpfleger gegen den Personalmangel

An der Uniklinik Erlangen wird ab sofort auch spanisch gesprochen. 27 Krankenpfleger aus dem krisengeschüttelten Land fangen mit der Arbeit an. Mit den Fachkräften aus Südeuropa will das Krankenhaus dem Personalnotstand begegnen.
Francisca Lopez-Tomasety Piretti hat in den letzten fünf Jahren 29 Monate gearbeitet. Mal für eine Woche, mal für drei Monate. Einmal hatte die Spanierin Glück, erhielt einen Job für 17 Monate am Stück. "Ich habe in sehr vielen Kliniken gearbeitet", erzählt die Krankenpflegerin. Die meiste Zeit war sie aber arbeitslos. Seit kurzem hat Lopez-Tomasety nun wieder einen neuen Arbeitgeber - jedoch nicht in Spanien, sondern in Deutschland. Lopez-Tomasety ist eine von 27 spanischen Pflegekräften, die ab sofort am Universitätsklinikum Erlangen beschäftigt sind.

Zahlen deutscher Bewerber gehen zurück
Die 21 Frauen und 6 Männer im Alter zwischen 21 und 36 Jahren sind in Erlangen angekommen. Am Montag, einen Tag nach dem spanischen Triumph bei der Fußball-EM, wurden sie von Pflegedirektor Reiner Schrüfer offiziell begrüßt. Nach einem ersten Deutschtest sowie einem Behörden-Marathon zur Krankenversicherung, zum Betriebsarzt, dem Einwohnermeldeamt und der Personalabteilung wartet nun der erste Arbeitstag. Die Jobs für die Krankenpfleger aus dem krisengeschüttelten EU-Staat bietet das Klinikum jedoch nicht nur aus Fürsorglichkeit an. Experten erwarten in den kommenden Jahren einen Pflegenotstand in zahlreichen deutschen Kliniken. "Es gibt einen deutlichen Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal für die Krankenhäuser", sagt der Vizepräsident des Deutschen Pflegerats, Franz Wagner. Auch die Bewerberzahlen gingen zurück. Bestätigt werden diese Angaben von der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg: "Fachkräfteengpässe zeigen sich nahezu in allen Bundesländern", heißt es in einem Bericht vom Dezember 2011.

Mehr als 9.000 spanische Interessenten
Die Uni-Klinik will rechtzeitig vorbeugen, schaltete Anfang des Jahres eine Stellenanzeige in Spanien - und stieß auf großes Interesse: Innerhalb von vier Wochen meldeten sich mehr als 1.000 Bewerber. "Das ist in etwa das, was wir innerhalb eines Jahres an Bewerbungen haben", sagt Schrüfer. Mehr als 900 Interessenten schickten ihre Unterlagen. Schließlich reisten mehrere Mitarbeiter aus Erlangen nach Spanien und führten Vorstellungsgespräche mit rund 100 Bewerbern in Madrid, Sevilla und Palma de Mallorca. "Die hohe Bewerberzahl zeigt natürlich, wie verzweifelt die Spanier sind, was Arbeitssuche angeht", sagt Constantin Warter, der selbst in Spanien als Krankenpfleger arbeitete und das Bewerbungsverfahren für die Universität koordinierte. "Da kriegt man fachliche Leute, wo wir hier auf den Tischen tanzen würden", meint er.

46 Prozent Jugendarbeitslosigkeit
Auch Luz Maria Ramos machte das deutsche Angebot neugierig. Die 29-Jährige war lange Zeit arbeitslos und bekam nur befristete Jobs. "Sie rufen dich am Montag an und am Abend musst du arbeiten", erzählt sie. Die Internationale Arbeitsorganisation wies zuletzt für Spanien eine Jugendarbeitslosigkeit von 46,4 Prozent aus. "Es ist sehr schwierig in Spanien", sagt Ramos, die von den Ankömmlingen mit am besten deutsch spricht. Das größte Problem bei der Integration der Pfleger dürfte die Sprache sein. Es gebe eine hohe Quote, die innerhalb des ersten Jahres in ihr Herkunftsland zurückkehre, sagt Pflegedirektor Schrüfer. Um die offizielle Anerkennung als Krankenpfleger in Bayern zu erhalten, sollen die Spanier im nächsten halben Jahr mehrere Sprachkurse besuchen. Im Berufsalltag haben sie außerdem einen individuellen Praxisanleiter an ihrer Seite.

100 offene Stellen in Erlangen
Für deutsche Bewerber hat die Uni Erlangen auch dann noch Platz, sollten alle Spanier langfristig in Deutschland bleiben. "Wir haben circa 100 offene Stellen", sagt Schrüfer. Der Pflegerat hält die Suche nach Fachpersonal im Ausland ebenfalls für legitim. "Wenn man das inhaltlich vernünftig macht, kann man dagegen nichts sagen", betont Vizepräsident Wagner. Die Akquise im Ausland könne jedoch nur eine von vielen Strategien sein. "Das größte Problem sind die Arbeitsbedingungen", meint Wagner. Es gebe immer noch eine große Zahl von Leuten, "die sich für den Beruf interessieren". Schichtdienst, geringe Wertschätzung und vergleichsweise geringe Bezahlung würden die Menschen aber abschrecken. In Erlangen will man nun erstmal dafür sorgen, dass die Mitarbeiter aus Spanien nicht bald wieder weiterziehen.

ots