Der Greifswalder Bodden gilt als Insider-Tipp für die Trendsportler, er liegt quasi vor der Klinikumstür. "In der Hochsaison sehen wir jeden Tag einen verletzten Kiter", berichtet der Leiter der Unfallchirurgie, Axel Ekkernkamp. Das Spektrum der Verletzungen ist weit gefächert: Schnittverletzungen an Händen oder Füßen, Zerrungen, Brüche, Knie- oder Kopfverletzungen. "Was uns Kummer macht, ist die schwerste Verletzung - der Tod", sagt der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie.
Nach Einschätzung der Mediziner sind die Unfallzahlen beim Kite-Surfen in den letzten Jahren deutlich angestiegen. Der Grund: Der Trendsport findet immer mehr Zuspruch - auch bei weniger Geübten. Unfallmediziner wie Ekkernkamp sprechen sich deshalb analog zu ähnlichen Forderungen im Skisport für eine Helmpflicht für Kiter aus, um vor allem die schweren Unfälle zu minimieren. Zudem sollten strengere Zugangsvoraussetzungen für das Kiten gelten - die Ärzte fordern einen verbindlichen Führerschein. Spektakuläre Unfälle an der Ostseeküste wie 2002 der Tod der amtierenden Kite-Weltmeisterin vor Zingst sind Gesprächsthema in der Szene: Die Lenkdrachen der 26-Jährigen und eines weiteren Sportlers hatten sich ineinander verfangen. Die Surferin wurde mit rasanter Geschwindigkeit über das Wasser und dann über zwei Holzbuhnen gezogen. Sie erlitt ein Polytrauma und starb noch am Unfallort. Rechtsmediziner wie Eberhard Lignitz und Unfallchirurgen der Uni Greifswald beschreiben in einer aktuellen Studie die Schwere und Vielfalt typischer Kite-Verletzungen. Erst vor einer Woche wurde eine Frau bei Wismar von einer Windböe mit ihrem Kite-Segel in die Luft gerissen und erlitt schwere Kopfverletzungen.
Studien zufolge ist das Verletzungsrisiko beim Kiten mit fünf bis sieben Verletzungen pro 1000 Stunden Sport vergleichbar mit dem beim Skifahren, wie der Unfallchirurg Jörn Lange berichtet. Im Vergleich zu Kontaktsportarten wie Fußball (20 Verletzungen auf 1000 Stunden) oder Eishockey (43 Verletzungen auf 1000 Stunden) scheint die Verletzungsgefahr zunächst gering. Andere Untersuchungen belegen jedoch, dass gerade der Kopf des Kiters nach den Fuß- und Sprunggelenken mit 13,7 Prozent zu den am häufigsten verletzten Körperregionen zählt. "Der Unfall von Dieter Althaus hat die Skifahrer sensibilisiert, einen Helm zu tragen", sagt Lange.
Der Extremsport liegt im Trend. Nach Schätzungen des Verbandes Deutscher Wassersportschulen (VDWS) gibt es in Deutschland inzwischen rund 15 000 aktive Kite-Surfer, von denen rund 7500 ihre Ausbildung mit einer Lizenz bei einem VDWS-zertifizierten Lehrer abgeschlossen haben. Wo die anderen Kiter den Sport erlernen ist unbekannt. "Die Unfälle beschäftigen auch uns", sagte VDWS-Sprecher Claus Baalmann. Der Verband spricht sich für eine Helmempfehlung aus. Eine Pflicht zum Kopfschutz geht dem Verband jedoch zu weit. "Wir setzen auf die Selbstverantwortung des Sportlers", sagt Baalmann.
In der Kite-Szene wird die von Forschern geforderte Helmpflicht als kaum durchsetzbar angesehen. Der Plastikhelm gilt als uncool. "Wer einen Helm und Schutzweste trägt, gilt in der Szene als Anfänger", gibt der durch den VDWS zertifizierte Kite-Lehrer Janko Borgwardt aus Born auf dem Darß die weitverbreitete Meinung der Kiter wieder. Für den Betreiber der Kite-Schule ProBoarding in Klein Zicker (Rügen), Haiko Milke, bieten Helme eine trügerische Sicherheit. Statt auf Helm setzt Milke, dessen Schule in diesem Jahr rund 100 Kiter ausbildete, auf ein konsequentes Sicherheitstraining. "Damit es erst gar nicht zu Unfällen kommt." Ein "Führerschein" - wie von den Unfallexperten vorgeschlagen - ist aus Sicht der Kite-Lehrer der bessere Weg, um Unfälle zu minimieren. Schon jetzt geben Kite-Schulen wie ProBoarding Ausrüstungen nur heraus, wenn Schüler eine Lizenz nachweisen können.
Unfallchirurgen wie Axel Ekkernkamp reicht das angesichts der extremen Geschwindigkeiten der Kiter auf dem Wasser nicht aus. "Ich bleibe dabei: Kiten nur mit Helm."

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dpa
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