Skalpell statt Gymnastik

Was tun gegen OPs aus ökonomischem Kalkül?

Wenn ein Arzt mit sorgenvoller Miene zur Operation rät, dürften die meisten Patienten aufs medizinische Motiv vertrauen - zu Unrecht? Laut Krankenkassen kommen viele unnötig unters Messer.
Medizinprofessor Fritz Uwe Niethard zeigt sich besorgt. "Innerhalb von fünf Jahren gab es bei den Wirbelsäulenoperationen einen Anstieg von 90 Prozent." Niethard meint: Viele Rückenpatienten kommen unters Messer - obwohl ihnen mit einer Physiotherapie erst einmal besser geholfen wäre. Doch in Kliniken stehen die Weichen aus ökonomischem Kalkül in der Regel voll auf Operation. Laut den Krankenkassen können Kranke auch bei anderen schweren Eingriffen nicht darauf vertrauen, dass für die Ärzte der medizinische Nutzen im Vordergrund steht. Nun schlagen sie Alarm.

Orthopäde Niethard warnt
Niethard hat als Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und orthopädische Unfallchirurgie die Entwicklung bei Rückenpatienten genau beobachtet. "Früher war die konservative Behandlung eine breite Autobahn, heute ist es Schmalspur", klagt er. Dabei müssten viel mehr Menschen zur Krankengymnastik. Doch: Praxisärzte könnten wegen ihres Budgets dafür in der Regel nur Rezepte für sechs Sitzungen ausstellen - und in den Kliniken sei Physiotherapie wegen des pauschalen Bezahlsystems ökonomisch fast unmöglich geworden. Wirbelsäulen-OPs hingegen würden ihnen ordentlich bezahlt. "Die Häuser haben ein Interesse daran, so etwas anzubieten", sagt Niethard, "und die Patienten gleiten in den operativen Bereich hinein". Der Kassen-Spitzenverband hat vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) untersuchen lassen, wie oft die Menschen in Deutschland in den OP kommen. Ergebnis: Bei den orthopädischen Behandlungen insgesamt - vor allem den schwereren - gab es binnen vier Jahren einen Anstieg von gut 14 Prozent, bei den kardiologischen Fällen sogar von 17 Prozent. Fast zwei Drittel des Anstiegs sei nicht dadurch zu erklären, dass die Menschen älter werden.

CSU-Experte: Vorwürfe bleiben unbewiesen
Die Politik ist sich uneins. Der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn stimmt in die Kritik ein. "Und so lange es in manchen Kliniken Verträge mit Chefärzten gibt, die Boni nach der Zahl der OPs bekommen, darf man sich darüber auch nicht wundern", meint er. Die Politik werden sich dessen annehmen. Der CSU-Experte Max Straubinger meint hingegen: "Die meisten Patienten überlegen zweimal, ob sie sich operieren lassen." Dass viele Eingriffe unnötig seien, bleibe unbewiesen. Zu den zuletzt auch stark ins Gerede gekommenen Hüft- und Knie-Operationen meint auch Orthopädie-Spezialist Niethard, in diesem Bereich gebe es eher einen guten Versorgungsstandard als zu eifrige Operateure. Zufällig kommen die Warnungen der Kassen nicht. Hinter den Kulissen verhandeln die Gesundheitspolitiker von Union und FDP derzeit eifrig über eine Neuausrichtung für die Klinikfinanzen - inklusive Operationsbremse. Schon bisher bekam ein Krankenhaus etwas weniger bezahlt, wenn es mehr operierte als vorgesehen. Der Abschlag galt ein Jahr - doch dann konnte es wieder ungehindert nach oben gehen. Genau diese Abschläge will die Koalition nun von einem auf zwei Jahre ausdehnen. Mitte 2013 - vor der Bundestagswahl - sollen Kassen und Kliniken zudem neue Vorschläge vorlegen.

Lauterbach: Die falschen Kliniken werden bestraft
Geht es nach der SPD, gibt es dann aber eine grundlegende Reform. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach wirft Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) vor, mit den Abschlägen bei übermäßig vielen Eingriffe ausgerechnet die Kliniken zu bestrafen, die sich auf bestimmte Therapien spezialisiert hätten - und diese dann oft auch gut machten. "Notwendige und nichtnotwendige Leistungen würden so zurückgedrängt." Künftig sollten die Krankenhäuser sich stattdessen weiter spezialisieren - nicht alle sollen immer weiter alles machen dürfen.

ots