Suchtbehandlung übers Internet

Neue Möglichkeiten für Betroffene

Fluch und Segen der neuen Medien: Die einen nutzen das Internet exzessiv und „süchtig”, die anderen finden dort neue Hilfe zum Ausstieg aus der Sucht.
Bei der Behandlung von Süchten setzen Experten zunehmend auf das Internet und elektronische Kommunikationsmittel. "Es gibt hier eine beeindruckende Entwicklung in der Szene", sagte der Psychiater und Suchtforscher Michael Krausz von der British Columbia-Universität in Vancouver. Noch bis Samstag beraten in München rund 600 Fachleute beim 13. Interdisziplinären Kongress für Suchtmedizin über neue Wege aus der Abhängigkeit.

Rauchentwöhnung im Internet
Am weitesten entwickelt sei die Raucherentwöhnung im Internet. "Sie erreicht jetzt schon viel mehr Klienten als herkömmliche Raucherentwöhnungsprogramme", sagte Krausz. "In Deutschland haben Tausende an solchen Online-Programmen teilgenommen." Genaue Daten über die Erfolge gebe es nicht. Aber: "Man kann sagen, dass die internetbasierten Interventionen deutlich positive Effekte zeigen." Auch bei Alkohol und illegalen Drogen gebe es schon entsprechende Programme.

Selbstdiagnose im Online-Test
Nach einer qualifizierten Information über die entsprechende Sucht könnten Nutzer in einem Online-Test eine Selbstdiagnose stellen und sich dann online betreuen lassen - über standardisierte Fragebögen, aber auch durch Therapeuten, die per E-Mail oder SMS antworten. Etwa nach einer stationären Therapie sei das ein wichtiges Nachsorge-Instrument. Das therapeutische Team könne schnell von einem möglichen Rückfall erfahren und eingreifen. "Diese Programme sind kein Ersatz für leibhaftige Therapeuten", betont Krausz. Dennoch böten sie neue Möglichkeiten und erreichten Menschen, die sonst keinen Zugang zur Behandlung hätten. "Meine Prognose ist, dass sich das in den nächsten fünf Jahren massiv ausbreiten wird."

Label für nicht-stoffliche Abhängigkeiten
Der dreitägige Münchner Kongress befasst sich auch mit nicht-stofflichen Abhängigkeiten. Hier gebe es aber keine biologische Abhängigkeit, betont Krausz, der Kategorisierungen wie Computer-, Sex- und Kaufsucht deshalb ablehnt. "Jedes exzessive Verhalten mit einem Suchtlabel zu versehen, ist plakativ und nicht hilfreich."

dpa