Gewinnprognose von Siemens

Die Börse ist skeptisch

Schwache Zahlen, düstere Aussichten, aber ein großes Versprechen: Siemens-Chef Löscher hat sich mit seiner Gewinnprognose weit aus dem Fenster gelehnt. Die Börse ist skeptisch.
Zum zweiten Mal innerhalb von drei Monaten die Gewinnprognose senken - das wollte sich Siemens-Chef Peter Löscher nicht antun. So stellte er bei der Vorlage der Zwischenbilanz ein kleines Wunder in Aussicht: Trotz einbrechender Aufträge und eines weiteren Wirtschaftsabschwungs soll das nächste Quartal das beste werden. Die Börse glaubte ihm das nicht - der Aktienkurs ging auf Talfahrt und gehörte zu den Schlusslichtern im DAX. In der Pressekonferenz wurde Löscher gebeten, doch einmal vorzurechnen, wie er sein Ziel erreichen wolle: In den drei ersten Quartalen des Geschäftsjahres 3,6 Milliarden Euro Gewinn im fortgeführten Geschäft, aber im laufenden Quartal noch ein gewaltiger Sprung auf 5,2 Milliarden? Löscher überließ die Antwort seinem Finanzchef Joe Kaeser: "Wir nähern uns dem Ziel von unten", sagte der. Da lachten die Zuhörer.

Löscher ist Krisen gewohnt
Der Siemens-Chef hat erst den Korruptionsskandal ausgeräumt, dann Siemens sehr ordentlich durch die von der Finanzmarktkrise 2008 ausgelöste Rezession gesteuert. Jetzt hatte er eigentlich mit einem Aufschwung gerechnet - stattdessen sieht er den Konzern schon wieder vor einem "deutlichen Abschwung". Dank eines noch dicken Auftragspolsters steigerte Siemens seinen Umsatz im abgelaufenen Quartal zwar um zehn Prozent auf 19,5 Milliarden Euro. Aber der Gewinn blieb mit 850 Millionen Euro weit unter den Erwartungen. Und der Auftragseingang fiel um 23 Prozent auf 17,8 Milliarden Euro. Rezession in der Eurozone, Produktionsrückgang in Brasilien, Stagnation in Indien und Wachstumsschwäche in China - Löscher führte eine lange Liste von Erklärungen an. In China zum Beispiel seien die Lager in Erwartung einer sich erholenden Nachfrage gefüllt worden. Als diese ausblieb, brachen die Bestellungen umso stärker ein. Medizintechnik war gefragt, aber bei Industrieausrüstungen, Zügen und im Energiegeschäft war das Geschäft auch dort verhalten oder rückläufig. "Und China schwächt sich weiterhin ab", sagte Löscher. Frühestens 2013 erwartet er Besserung - in Europa rechnet er sogar noch mit vielen schwachen Quartalen. Trotzdem hielt Löscher an seinem Gewinnziel von 5,2 Milliarden Euro fest - mit Fragezeichen: "Angesichts des verschlechterten Umfelds ist es schwieriger geworden, unsere Prognose für das Geschäftsjahr zu erreichen", sagte er.

Konkurrenten stehen besser da
Bei den internationalen Konkurrenten der Deutschen ist die Lage teils deutlich rosiger. Erz-Rivale General Electric (GE) aus den USA profitierte im vergangenen Quartal ganz im Gegensatz zu Siemens von einem brummenden Industriegeschäft. Gewinn und Umsatz legten kräftig zu. Wie bei Siemens brach allerdings auch bei GE das Geschäft mit Windkraftanlagen aber ein - ein Zeichen für große Finanzierungs- und Anschlussprobleme, die den Markt für Windräder auf hoher See bremsen. Die niederländische Philips konkurriert im Gesundheits- und Lichtgeschäft mit Siemens und konnte mit einem Umsatzplus in den Schwellenländern das maue Europa-Geschäft mehr als ausgleichen. Aber auch Philips-Chef Frans van Houten sprach von "Gegenwind". Der Schweizer ABB-Konzern konnte zwar ein Plus bei den Bestellungen verbuchen. Der Umsatz stagnierte aber, der Gewinn sank.

"Marktwert fast halbiert"
Investoren sahen das Abschneiden von Siemens kritisch. Analyst Karsten Oblinger von der DZ Bank schrieb, die Zahlen seien enttäuschend. Der Profit im Energie- und Industriegeschäft sei unter den Erwartungen geblieben, die Jahresziele seien "mehr als ambitioniert". Commerzbank-Analyst Daniel Wendorff erklärte, selbst vor dem Hintergrund niedriger Erwartungen seien die Auftragseingänge und die Margen schwach. Und "Börsenbrief"-Autor Hans Bernecker griff die Siemens-Spitze persönlich an: "Der zweitteuerste Vorstand und der teuerste Aufsichtsrat in Deutschland müssen heute erklären, wie man das Kunststück fertig bringt, den Marktwert innerhalb von rund 18 Monaten fast zu halbieren."

dpa