Transplantationsskandal in Göttingen

Politiker fordern Konsequenzen

Politiker und Standesorganisationen sehen Kliniken nach dem Göttinger Organspendeskandal in besonderer Verantwortung. Das Vertrauen der Patienten hat schwer gelitten.

Wenige Tage vor einer Änderung des Transplantationsgesetzes werden Rufe nach Konsequenzen aus dem Göttinger Organspendeskandal lauter. Politiker und Patientenvertreter sehen auch Kliniken in der Pflicht. Der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Karl Lauterbach, forderte in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (FAS) zudem eine Reform der Ärztevergütung. Ärztekammer-Chef Frank Ulrich Montgomery sagte, es müsse geklärt werden, ob die Selbstkontrolle in den Kliniken ausreichend funktioniere. Das zum Monatswechsel in Kraft tretende Transplantationsgesetz sieht allerdings vor, dass eine bei der Bundesärztekammer angesiedelte Prüfungskommission Transplantationszentren und Entnahmekrankenhäuser genauer unter die Lupe nimmt. Bei Verstößen müssen die zuständigen Länderbehörden informiert werden. Entnahmekrankenhäuser müssen Transplantationsbeauftragte bestellen.

Transplantationsgesetz tritt in Kraft
In Göttingen sollen zwei Ärzte die Labordaten von Dutzenden Patienten derart geändert haben, dass ihre Patienten auf den Wartelisten für Organe weiter nach oben rückten. Gegen die beiden Mediziner der Uniklinik wird wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung und wegen möglicher Bestechlichkeit ermittelt. Patienten seien wegen der Manipulationen womöglich nicht mehr rechtzeitig an ein Organ gekommen und gestorben, sagte ein Staatsanwalt. Einer der Mediziner soll auch an seiner vorherigen Arbeitsstätte an der Uniklinik Regensburg schon 2005 für Missstände bei Transplantationen gesorgt haben. "Dass in Göttingen von den Regensburger Vorfällen überhaupt nichts bekannt gewesen sein soll, ist schon ein starkes Stück", sagte Montgomery. Es müsse geklärt werden, ob bei der Auswahl von Führungspersonal für die Transplantationsmedizin wirklich gewissenhaft gearbeitet wird. Da stehen die Klinikträger in besonderer Verantwortung".

Montgomery fordert Einzug der Approbation
Der "FAS" sagte Montgomery, er sehe als Folge des Skandals einen "schweren Vertrauensverlust" für die Transplantationspraxis. Es werde schwer sein, das Vertrauen wieder herzustellen. "Gegen eine absolute kriminelle Energie ist aber eigentlich kein Kraut gewachsen", sagte er. Wie Montgomery forderte auch der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Jens Spahn, den Entzug der Approbation für die Göttinger Ärzte. Wenn die Göttinger Fälle keine schweren Konsequenzen haben sollten, müsse man in der Koalition überlegen, ob man die Transplantation nicht in staatliche Hände geben müsste. Außerdem müssten von allen Transplantationszentren in Deutschland die Akten untersucht werden, meinte der geschäftsführende Vorstand der Patientenschutzorgansation Deutsche Hospiz Stiftung, Eugen Brysch. "Vielleicht gibt es auch noch andere Täter", begründete er dies in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. In diesem Zusammenhang forderte er, dass eine Staatsanwaltschaft für medizinische Fragen als Schwerpunktstaatsanwaltschaft eingerichtet wird. "Diese sollte bundesweit ermitteln."

Auffälligkeiten in früheren Jahren
Die Göttinger Uniklinik teilte zudem mit, dass sich infolge des Transplantationsskandals ein ehemaliger Mitarbeiter gemeldet und von "Auffälligkeiten in früheren Jahren" berichtet habe. Der Hinweis werde ernst genommen und sei an die Staatsanwaltschaft weitergegeben worden. Das "Göttinger Tageblatt" hatte zuvor berichtet, dass mehrere Hinweise auf Ungereimtheiten bis in die 90er-Jahre zurückreichen. Schon 1995 hätten Kollegen des nunmehr Verdächtigen an der Rechtmäßigkeit der großen Anzahl von Organtransplantationen gezweifelt, schreibt die Zeitung. Die Klinik bestreitet dies. Zu den Vorwürfen der Bestechlichkeit haben sich die Anwälte der beiden Mediziner nach Angaben der Staatsanwaltschaft Braunschweig noch nicht bei den Ermittlungsbehörden geäußert. "Bislang hatten beide Verteidiger auch noch keine Akteneinsicht", sagte Staatsanwältin Serena Stamer. Dagegen hatte einer der Anwälte dem Nachrichtenmagazin "Focus" gesagt: "Mein Mandant bestreitet, jemals von Patienten Geld genommen zu haben."

dpa