Katastrophenschutz

Ohne Strom

Nach einer Studie des Allianz Zentrums für Technik (AZT) werden Stromausfälle häufiger, länger und regional ausgedehnter. Krankenhäuser und Kommunen sollten darauf vorbereitet sein, auch mehrere Tage ohne Stromversorgung aus dem öffent­lichen Netz über die Runden zu kommen. Dazu brauchen sie vor allem eins: Diesel.

In den Krankenhäusern werde zu wenig darüber nachgedacht, dass sie im Fall eines Katastrophenereignisses unter Umständen nicht nur medizinisch sondern auch versorgungstechnisch gefordert seien, warnt Thomas Flügel, Technischer Leiter an der Berliner Charité. Ein Massenanfall an Verletzten unterschiedlichster Schweregrade – alles kein Problem und bestens organisiert. Doch wie sieht es aus, wenn das Krankenhaus selbst mit betroffen ist?

"Man stelle sich nur vor", spinnt Flügel den Faden weiter, "dass zu einem größeren Ereignis, das den vollen Einsatz des Krankenhauses fordert, noch ein technisches Problem kommt. Der Strom fällt aus, die Telefone und Computer streiken, es fließt kein Wasser mehr. Jetzt braucht der Krankenhausdirektor jede Hand. Wohl dem, der noch eigenes mit den örtlichen Gegebenheiten und den technischen Anlagen vertrautes Personal hat und nicht nur Serviceverträge hoch halten und mit juristischen Konsequenzen drohen kann. Wenn’s dumm läuft, sind die wenigen Techniker der vertraglich gebundenen Servicefirma aber längst in einer anderen Liegenschaft eingebunden.

Krisenhandbuch Stromausfall
Um die Herausforderungen eines großflächigen, lang anhaltenden Stromausfalls in Baden-Württemberg in der Realität erfolgreich meistern zu können, wurden im Rahmen eines Projektes das Krisenmanagement von Stromausfällen detailliert untersucht und Handlungsempfehlungen zur Vorbereitung auf und die Bewältigung von Stromausfällen erarbeitet. Aufgrund der Zusammensetzung des Projektkonsortiums war es möglich, sowohl behördlichen und privatwirtschaftlichen als auch wissenschaftlichen Sachverstand in das Projekt einzubringen und zentrale Aspekte der Zusammenarbeit mit Betreibern kritischer Infrastrukturen im Krisenmanagement besonders zu berücksichtigen.
Als handfestes für jeden zugängliches Ergebnis dieses Projektes hat das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe gemeinsam mit dem Land Baden-Württemberg, der ENBW AG und dem Karlsruher Institut für Technologie das "Krisenhandbuch Stromausfall" herausgegeben. Dieser praxisorientierte Leitfaden hilft bei der Vorbereitung auf Stromausfälle ebenso wie beim Krisenmanagement und der Nachbereitung dieser immer wahrscheinlicher werdenden Szenarien. Es ist für Krisenmanager in Behörden, Energieversorgungsunternehmen und anderen Unternehmen aus dem Bereich kritische Infrastrukturen entwickelt worden.


Stromtourismus
"Wenn Krankenhäuser bei einem länger anhaltenden Stromausfall zu den wenigen Gebäuden gehören, in denen noch das Licht brennt, in denen es warm und noch einigermaßen behaglich ist, dann werden die Menschen zu tausenden mit Fernsehern und Radios, Wasserkochern und Flaschenwärmern für ihre Babys, mit Aufladegeräten für ihre Handys, Rasierapparaten,… die Krankenhausflure stürmen und bevölkern", prophezeit Flügel. Wem dieses Szenario nur ein müdes Lächeln entlockt, der sei auf die letzte, erst einige Jahre zurückliegende Flutkatastrophe am Mississippi verwiesen, wo die Krankenhäuser mit eben diesem Problem zu kämpfen hatten, und wo die Stromnetze der Krankenhäuser dadurch gnadenlos überlastet waren und schließlich zusammenbrachen. Auch wie sie mit diesem Problem umgehen möchten, sollten sich die Krankenhäuser daher im Vorfeld überlegen. Solange man es noch in Ruhe tun kann. Im Notfall muss man die Häuser wohl für den Publikumsverkehr schließen.


Ländersache
Für das Land Baden-Württemberg haben sich Reinfried Sure und Sebastian Paulus, Präsidenten der Fachvereinigung Krankenhaustechnik, im Rahmen eines Forschungsauftrags von ENBW an das Karlsruher Institut für Technologie ebenfalls bereits mit den Konsequenzen eines bis zu zwei Wochen anhaltenden Stromausfalls für Krankenhäuser auseinandergesetzt. Für die Versorgung der Notstromaggregate mit Treibstoff hat man sich hier eine zwar nicht ganz legale aber sehr pragmatische Lösung ausgedacht. "Krankenhäuser sind meist mit riesigen Heizöltanks ausgestattet. Man muss sich also nur beizeiten Gedanken darüber machen, wie das Heizöl aus den Tanks im Notfall zu den Notstromaggregaten gelangen kann", erklärt Paulus und fügt schnell hinzu: "Natürlich sind hier die steuerlichen Anforderungen an Heizöl und Dieselkraftstoff zu berücksichtigen. Bevor im Krankenhaus das Licht ausgeht, hat aber die Versorgung der Patienten sicher Vorrang. Und wenn es um die Rettung von Menschleben geht, wird sich mancher erinnern, dass auch Dieselfahrzeuge mit Heizöl fahren", ergänzt der Vizepräsident der FKT.
Dieses Beispiel zeigt: Katastrophenschutz verlangt oft nicht mehr, als sich rechtzeitig den Kopf darüber zu zerbrechen, wie man den dann möglicherweise auftretenden Schwierigkeiten begegnen möchte und kann. Diese Zeit sollte man sich nehmen.



Erkannte Risiken beherrschen
Mit welcher Hingabe sich die japanischen Kollegen dem technischen Teil ihrer Erdbeben- und Kraftwerkskatastrophe widmeten, hörten die Besucher der 4. European Conference on Health Care Engineering (ECHE) in Paris in O-Ton und Bild aus berufenem Munde durch den Präsidenten der japanischen Krankenhausingenieure. Nun kann man natürlich sagen: Ganz so schlimm wird es bei uns schon nicht kommen. Man könnte aber auch anführen: "Ganz so hingebungsvoll und diszipliniert würden wir in Europa und besonders in Deutschland auch nicht mit einem solchen Schicksal umgehen. Der Ruf nach den Verantwortlichen verhallt hier im Nachhinein nur allzu schnell im Zuständigkeitschaos der Beteiligten und die Presse dreht und knetet das Thema solange, bis der bittere Meinungsbrei garantiert niemandem mehr schmeckt, lange bevor man durch vernünftige Analysen aus Schaden klug werden könnte.
Wie dünn die Decke des sozialen Friedens gestrickt ist, lässt sich leicht ausmalen wenn wir uns ein Gebiet mit mehreren mittelgroßen Städten einmal für fünf Tage ohne jede elektrische Versorgung vorstellen. Pessimistische Fantasien von technikverliebten Ingenieuren sind das leider nicht, eher Gegenstand hoch dotierter Forschungsaufträge für verschiedene Hochschulen, finanziert von den großen Energieversorgern in Deutschland. Das Risiko eines länger anhaltenden Stromausfalls ist auch bei uns in Deutschland durchaus gegeben, seit Jahren bekannt und nicht erst in der Zukunft wegen einiger abgeschalteter Atomkraftwerke zu befürchten.
Was solche Szenarien im Detail bedeuten können, mag schon mit einigen wenigen Beispielen erschrecken: Es gibt es kein Licht. Kein Telefon und kein Handy funktioniert mehr. Seit Tagen sind alle tief gefrorenen Lebensmittel aufgetaut. Benzin und Trinkwasser fehlen. In Ermangelung von fließendem Wasser funktioniert auch die Toilettenspülung nicht. Hygienische Probleme sind die Folge. Weil vermehrt Kerzen und Gaskocher zum Einsatz kommen, brennt es an allen Ecken und Enden. Plünderer ziehen durch Fußgängerzonen und Ladenstraßen, die öffentliche Ordnung kippt. In diesen Stunden der sozialen Eskalation gehören Krankenhäuser hoffentlich zu den privilegierten Einrichtungen, die noch über Licht, Wärme, Wasser, Nahrungsmittel, … verfügen. Diese Bevorratung der überlebenswichtigen Basics machen sie zu besonders begehrenswerten Objekten für Hungernde und Notleidende. Auf all das sollten sie vorbereitet sein.     sp

Weil sie sich zufällig gerade dort aufhalten, weil deren Betreiber die besseren Verträge hat oder schlicht besser zahlt. Die Wasserwerke haben ihre Tankwagen in die Wohngebiete geschickt, aus denen gemeldet wurde, dass sich Bevölkerungsteile bereits zusammenrotten, um in den nächsten Supermärkten die Mineralwasservorräte zu plündern. Diesel für die Notstromaggregate steht nicht zur Verfügung. Es wird für die Polizeieinsätze und Feuerwehrwagen benötigt, die wegen der vielen Brände – aufgrund des Stromausfalls kommen vermehrt Kerzen zum Einsatz – im Dauereinsatz sind."

Was auf den ersten Blick wie die Blüten einer zu lebhaften Fantasie oder einer von diesen reißerischen Katastrophenfilmen klingt, ist ein durchaus reales Szenario. Flügel ist kein apokalyptischer Schwarzseher. Er bereitet sich und sein Krankenhaus lediglich auf die mögliche Verkettung mehrerer unglücklicher Umstände vor, wie sie nicht zuletzt auch Sachversicherer für immer wahrscheinlicher halten.

Unsichere Stromnetze
Denn: Die Stromnetze in Deutschland entwickeln sich mehr und mehr zur Achillesferse. Die großen Stromkonzerne kommen mit dem erforderlichen Ausbau nicht mehr nach. So hat sich die Anzahl kritischer Situationen im Stromnetz nach einem Bericht der Vattenfall Europe Transmission deutlich erhöht: Von 80 Tagen im Jahr 2006 auf 155 Tage im Jahr 2007. Auch die RWE Transportnetz Strom GmbH räumt ein, dass die Belastungsgrenze immer häufiger erreicht werde. Das Allianz Zentrum für Technik (AZT) warnt deshalb vor einer weltweit wachsenden Gefahr durch Stromausfälle. Die Ursachen dafür liegen nach Einschätzung des Versicherers im steigenden Strombedarf, oft überalterten Kraftwerken und Netzen, der Komplexität der Netze sowie zunehmenden Wetterextremen. Die Ausfälle werden häufiger, länger und regional ausgedehnter.

Die Auswirkungen der atomaren Katastrophe in Fukushima sind in diese durchaus alarmierenden Prognosen noch gar nicht eingeflossen. Man müsse aber weder Hellseher noch Mathematiker sein, um abzusehen, dass der schnelle Ausstieg aus der Atomenergie zusätzliche Risiken für die Zuverlässigkeit der Stromversorgung in unserem Land aufwerfe, meint Flügel.

Kraftstoffversorgung sicherstellen
Fast alle Infrastrukturen hängen heute von einer zuverlässigen Energie- und Stromversorgung ab. Kommt es zu einem Stromausfall, erhält im Krankenhaus zunächst natürlich eine Notstromversorgung den Betrieb aufrecht. Bei länger anhaltenden Pannen werden aber auch hier Probleme entstehen. In der Regel reichen die Batteriekapazitäten oder Tankreserven nämlich nur für einen Betrieb zwischen drei Stunden, zum Beispiel bei Basisstationen von Mobilnetzen, bis maximal 24 Stunden in Krankenhäusern. Nur wenige Rechenzentren verfügen über Reserven für 72 Stunden im Notstrombetrieb.

Zur Aufrechterhaltung der Notstromversorgung bei länger anhaltenden Stromausfällen muss also für Treibstoffnachschub gesorgt sein. Zusammen mit Vertretern aus Politik, Behörden, Feuerwehr, THW, Sicherheitsindustrie und Energieversorgern tüftelt Flügel derzeit an einem Konzept für eine im Notfall funktionierende Versorgung mit Kraftstoff als wichtigem und grundlegendem Bestandteil "seines" Katastrophenmanagements an der Berliner Charité. Zunächst musste er feststellen: Die wenigsten Organisationen verfügen heute über eine eigene krisensichere Kraftstoffversorgung. Selbst die Polizei, das THW, das in großer Zahl mobile Notstromaggregate (die aber nur dann funktionieren, wenn sie mit Diesel betankt werden) zur Verfügung stellen kann, und die Feuerwehr sind auf die Kraftstoffversorgung durch öffentliche Tankstellen angewiesen. Diese stehen im Fall eines flächendeckenden Stromausfalls für die Versorgung mit Kraftstoffen aber nicht mehr zur Verfügung. Die Zeiten, in denen ein Ventil aufgedreht wurde und Diesel in einen Kanister tröpfelte, sind längst vorbei. Ohne Strom gibt es kein Diesel. Ohne Strom gibt es keine Abrechnung für die Mineralölsteuer, keinen Diebstahlschutz, keinen Lieferschein und keine Rechnung.

Da Tankstellen keinerlei Notstromversorgung haben, bleibt der Kraftstoff bei Stromausfall in den Tanks. Es besteht derzeit auch keine Möglichkeit Notstromaggregate an die Tankstellen anzuschließen und sie damit zu betreiben. Die Tankstellen sind technisch nicht darauf vorbereitet. Für die Belieferung von Notstromaggregaten im Fall eines länger dauernden Stromausfalls muss der nötige Kraftstoff daher in Tanklagern vorrätig sein und auch ausgeliefert werden können. Dazu müssen die Speditionen über die Bedarfe informiert und der Einsatz der Tankfahrzeuge koordiniert werden können. Zusätzlich verschärft sich die Situation dadurch, dass alle Notstromaggregate gleichzeitig anspringen und dann auch zur selben Zeit wieder betankt werden müssen. Das stellt hohe Anforderungen an das zu entwickelnde Logistik- und Kommunikationskonzept.

Das Gesamtziel des Vorhabens in Berlin besteht nun darin, ein System zu realisieren, das bei Stromausfall zuverlässig in der Lage ist, die Kraftstoffversorgung sowohl für die Notstromaggregate als auch für die Fahrzeuge der Einsatz- und Rettungskräfte so lange wie nötig sicherzustellen und damit den Totalausfall dieser Systeme zu verhindern.

Mangelndes Problembewusstsein
"Es gibt inzwischen verschiedene Lösungsansätze, mit denen Abhilfe geschaffen werden kann, und die es erlauben könnten, die beteiligten Akteure in einem Notfall so zu vernetzen, dass eine Kommunikation möglich ist", berichtet Flügel. Spruchreif sei das Ganze aber noch nicht. Denn: Gemeinsam mit Feuerwehr und Katastrophenschutzbehörden hat der ambitionierte Technische Leiter momentan viel mehr damit zu kämpfen, dass niemand solche Katastrophenszenarien in Deutschland überhaupt für möglich hält und immer wieder unterstellt wird, dass solche Notfälle nur im Interesse von großen Energiekonzernen thematisiert werden.

Inzwischen sind deshalb auch Wissenschaftler verschiedener Hochschulen beteiligt, um einen möglichst neutralen Ansatz für die Betrachtung der komplexen Thematik zu finden. Der Kreis derjenigen, die sich damit beschäftigen, werde zum Glück größer, so Flügel. Wenn dann auch noch die Hürde übersprungen werden kann, die Katastrophenhilfe dort zu organisieren, wo sie einmal gebraucht werden könnte, dann wäre es nahezu perfekt. Derzeit wird Katastrophenhilfe in jedem Bundesland extra geplant. Ob die Katastrophe dann auch weiß, dass sie sich auf ein Bundesland beschränken soll?

Maria Thalmayr