
Jahrzehntelang galt im Krankenhaus die unausgesprochene Übereinkunft, dass das Krankenhausinformationssystem (KIS) unbequem, träge und schwer zu wechseln ist. Also blieb man. Jetzt schieben sich Anbieter mit KI-Plattformen zwischen Nutzer und System, die das KIS in den Hintergrund drängen. Dabei entsteht eine neue Machtfrage: Wer hat die Kundenbeziehung, wenn das System unsichtbar wird?
Wer weiß schon, welcher Prozessor in seinem Laptop steckt? Was beim Arbeiten zählt, ist die Oberfläche. Den Nutzer bewegt die tägliche Erfahrung, während der Chiphersteller längst zur Infrastruktur geworden ist, unverzichtbar, allerdings ohne dass er eine direkte Beziehung zum Nutzer hätte. Genau diese Verschiebung vollzieht sich gerade im Krankenhaus, wo Kundennähe über Jahrzehnte dasselbe bedeutete wie Marktmacht.
Technische Blockade überwinden
Einer dieser Anbieter ist das Unternehmen Recare. Dessen Entlassmanagement-Lösung hat sich in den vergangenen zwei Jahren zu einer KI-Plattform entwickelt, die tief in den klinischen Dokumentationsalltag eingreift. Über 1000 Kliniken nutzen heute Recare-Produkte. 75 Prozent der deutschen Krankenhausversorgung ist nach Angaben des Unternehmens an das System angebunden. Eine Zahl, die sich unabhängig kaum verifizieren lässt.
Was für das System lange ungelöst blieb, war die Rückschreibung strukturierter Daten ins KIS. Klinische Daten per HL7, PDF oder FHIR aus dem KIS zu entnehmen war immer möglich, doch das Rückschreiben in diese Systeme war bisher technisch problematisch. Es scheiterte vor allem daran, dass KIS-Anbieter keine entsprechende Schnittstelle öffneten. Die Antwort von Recare auf dieses Problem heißt Recare Operator, ein System, das die Desktop- und Browseroberfläche des KIS als universelle Schnittstelle nutzt und Formulare so bedient, wie ein Mensch es täte.
Wie der Recare Operator funktioniert
Klassische Schnittstellenansätze setzen voraus, dass das KIS eine API öffnet. Genau das haben KIS-Hersteller jahrelang verweigert. Der Recare Operator umgeht dieses Problem mit einem anderen Ansatz: Er nutzt die bestehende Desktop- und Browseroberfläche des KIS als universelle Schnittstelle und bedient Eingabemasken automatisiert, so wie ein menschlicher Nutzer es täte. Das Prinzip ähnelt der sogenannten Robotic Process Automation, kurz RPA, die in anderen Branchen bereits weit verbreitet ist.
Der Operator empfängt strukturierte Datenobjekte aus der Recare-KI-Plattform und überträgt sie in Echtzeit in die entsprechenden KIS-Formulare. Eine Validierung der Daten durch den Menschen bleibt dabei zwischengeschaltet. Der Ansatz hat allerdings eine strukturelle Schwäche: Er ist abhängig von der Stabilität der KIS-Oberflächen. Jedes Update, jede Änderung der Benutzeroberfläche durch den KIS-Hersteller kann den Operator beeinträchtigen und erfordert Anpassungen. Wie robust das System im Dauerbetrieb über verschiedene KIS hinweg funktioniert, wird sich im laufenden Rollout zeigen.
Aktueller Stand: Seit April 2026 läuft eine Private Beta. Die breite Verfügbarkeit ist für das dritte Quartal vorgesehen, wobei der Rollout schrittweise je KIS erfolgt. Recare nennt bisher kein konkretes Datum für die vollständige Verfügbarkeit über alle Systeme hinweg.
Seit April 2026 läuft eine Private Beta, die breite Verfügbarkeit ist für das dritte Quartal 2026 geplant. Solange strukturierte Daten nach der KI-Verarbeitung händisch ins KIS übertragen werden mussten, blieb der versprochene Effizienzgewinn auf halbem Weg stecken. Mit einer funktionierenden Rückschreibung fällt diese Schwelle. Die KI-Plattform wird zur vollständigen Arbeitsumgebung, das KIS zur Datenbank im Hintergrund.
Dabei formuliert Maximilian Greschke, Gründer und CEO von Recare den Anspruch seiner Lösung bewusst begrenzt. Das KIS bleibe das operative Rückgrat des Krankenhauses, sagt er, für Aufnahme, Betten, OP-Planung und Abrechnung sei es entwickelt worden und mache das gut. Was es nie gut gelöst habe, sei die strukturierte Datenerfassung im komplexen klinischen Alltag. Genau dort setzt Recare an, mit einer KI-Plattform und einem Clinical Data Repository, auf denen KI-Agenten agieren, während alte Systeme schrittweise abgelöst werden, ohne dass es große Migrationsprojekte braucht.
„Disintermediation nein“
Dass diese Verschiebung bei den etablierten Anbietern registriert wird, zeigt die Reaktion von Dedalus, einem der größten KIS-Anbieter in Europa. Spezialisierte Plattformen in klar umrissenen Workflowsegmenten sieht das Unternehmen als potenzielle Partner. Sobald jedoch ein Anbieter den Anspruch formuliert, zur primären Arbeitsoberfläche klinischer Nutzer zu werden, ändert sich der Blick, denn dann geht es um Telemetrie, Feedback-Loops, Optimierungspfade, Produktwahrnehmung und Innovationsgeschwindigkeit. „Wer die Interaktionsschicht kontrolliert, kontrolliert mittelfristig einen erheblichen Teil der Produktwahrnehmung und des Innovationszyklus. Das nehmen wir strategisch ernst“, sagt Dr. Michael Dahlweid, Chief Product Strategy und AI Officer bei Dedalus, auf Nachfrage.
Die eigene Antwort ist eine Plattformstrategie, die das klassische KIS zur Clinical Operating Platform weiterentwickeln soll. Dahlweid, der auch als Distinguished Professor an der Hangzhou Dianzi University und der Jiaxing University lehrt formuliert es so: Der Sprung von einer KI-Schicht in die klinische Kerntransaktion mit all ihrer Regulatorik, Komplexität und Verantwortlichkeit sei erheblich größer, als es Marketing-Narrative suggerierten. Viele Anbieter bewegten sich bewusst in Randoder Low-Risk-Bereichen des Workflows. Dahlweids Haltung dabei ist klar: „Partnerschaften ja. Disintermediation nein.“
Marktmacht und Umsetzungshürden
75 Prozent der Krankenhausversorgung verknüpft mit der Recare-Lösung: das ist eine Zahl, die in beide Richtungen gelesen werden kann. Für Recare ist sie ein Beleg für Vertrauen und Skalierung. Für Krankenhäuser wirft sie eine andere Frage auf. Der Recare-CEO adressiert sie selbst. Marktdurchdringung werde dann zur Abhängigkeit, sagt Greschke, „wenn ein Anbieter Daten einschließt und Wechselkosten künstlich erhöht.“ Als Gegenbeweis verweist er auf das Open-Data-Versprechen des Unternehmens. Alle Daten, die auf der Plattform entstehen, sollen über eine öffentlich dokumentierte FHIR-Schnittstelle verfügbar bleiben. Wer ein besseres Produkt findet, soll mit allen Daten wechseln können. Diese Ansage wird sich in einigen Jahren daran messen lassen müssen, ob sie unter kommerziellem Druck Bestand hat.
Jürgen Flemming, langjähriger IT-Manager bei einem privaten Krankenhaus-Konzern und beim Bundesverband der Krankenhaus- IT-Leiterinnen/Leiter für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich, hält den Weg über eine KI-Schicht als Ablösung des klassischen KIS für gangbar, bremst aber bei Erwartungen in Bezug auf die Geschwindigkeit. Der Wechsel von monolithischer Architektur zu Best-of-Breed erfordere eine qualifizierte und personell ausreichend ausgestattete IT-Organisation.
Bei Störungen könne die Ursachenforschung nicht mehr an den KIS-Hersteller abgegeben werden, sie verbleibe im eigenen Haus. Das schließt auch den Aufwand und den Ärger bei der Fehlersuche ein. Für viele Krankenhäuser ergibt sich daraus ein konkretes Kapazitätsproblem, das über Einführungsentscheidungen bestimmt, und zwar lange bevor technische Argumente überhaupt auf den Tisch kommen. Hinzu kommt, dass die etablierten KIS-Hersteller diese Entwicklung nicht widerstandslos hinnehmen werden. Flemming rechnet ausdrücklich damit, dass die Branche auf Gegenwehr setzt, was den Prozess weiter verlangsamt.
Gleichwohl zeichnet Flemming ein klares Bild davon, wo die Reise hingehen könnte. Im Idealfall bleibe vom KIS nur noch eine eingeschränkt funktionale Hülle, das Gesamtsystem gestalte sich dann deutlich offener. „Im Sinne der Interoperabilität ist so eine Lösung absolut zu begrüßen“, so Flemming. Allerdings werde eine unabhängige Plattform nicht alle im KIS abgebildeten Prozesse auf einmal ablösen.
Der logische Einstiegspunkt sei die Dokumentation, weitere Prozesse, auch die Abrechnung, könnten schrittweise folgen. Klinische Daten dürfen das Haus dabei auf absehbare Zeit nicht verlassen. Damit setzen DSGVO und die Vorgaben der Gematik externen KI-Plattformen klare Grenzen beim Zugriff auf Patientendaten. „Wer sich über eine derartige Lösung von seiner aktuellen monolithischen Architektur löst, wird nicht gleich die nächste Abhängigkeit zementieren wollen. Recare hat kein Monopol auf das Konzept“, sagt Flemming.
Auch die Haftungsfrage ist nach seiner Einschätzung noch nicht abschließend geklärt. Solange menschliche Prüfung zwingend erforderlich ist, liegt die inhaltliche Verantwortung beim medizinischen und pflegerischen Personal. Das KIS muss Dokumente sicher entgegennehmen und archivieren, mehr nicht. Was es bedeutet, wenn Automatisierungsgrade steigen und Prüfschritte schrumpfen, darauf hat der Markt noch keine belastbare Antwort.
Die KIS-Anbieter werden sich dieser Veränderung und dem Verlust an Marktbedeutung stellen müssen.
Dass die Verschiebung dennoch kommt, bezweifelt Flemming nicht. „Die KIS-Anbieter werden sich dieser Veränderung und dem Verlust an Marktbedeutung stellen müssen“, stellt er fest. Wie schnell das geschieht, hängt nach seiner Einschätzung weniger von der Technologie ab als von den organisatorischen Voraussetzungen in den Krankenhäusern selbst.
Robert Schulz, Leiter des Zentralbereichs Informationstechnologie bei der Gesundheit Nordhessen, brachte es beim KH-IT-Clubabend im April auf den Punkt: KI könne sehr viel bewegen, werde aber noch sehr zurückhaltend eingesetzt. Die Ursachen dafür liegen in offenen Datenschutzfragen, technischen Hürden und fehlender Förderung.
Der KIS-Markt war lange ein Markt ohne echten Wettbewerbsdruck auf der Nutzererfahrung, weil Alternativen so teuer und riskant waren, dass sie kaum jemand ernsthaft in Betracht zog. Die Richtung, in die sich das bewegt, ist erkennbar. Wer die Interaktionsschicht kontrolliert, könnte mittelfristig auch die Kundenbeziehung, die Lernkurve des Systems und den Innovationszyklus des gesamten Hauses kontrollieren. Es geht weniger um einen Produktwechsel als um Architekturkontrolle. Wer diese Frage nicht aktiv entscheidet, beantwortet sie implizit, denn wer die Arbeitsoberfläche stellt, bestimmt nicht nur die Nutzererfahrung, sondern auch, wie sich Systeme weiterentwickeln und an wen sich das Haus künftig bindet.










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