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Inkontinenz

AOKs gefährden die Patientenversorgung

Um Wirtschaftlichkeitsreserven zu erschließen, haben die AOKs Brandenburg, Berlin und Sachsen-Anhalt die Versorgung ihrer Versicherten mit medizinischen Hilfsmitteln ausgeschrieben.

Das Vergabeverfahren steht nun kurz vor dem Abschluss. Auf die über 10.000 betroffenen Inkontinenzpatienten der drei AOKs kommen gegebenenfalls einschneidende Veränderungen in ihrer Versorgung zu. Sollten die Zuschläge erteilt werden, ist eine Versorgung dieser Versicherten, die nach einem Unfall oder durch eine Erkrankung auf ableitende Inkontinenzartikel wie Katheter oder Urinalkondome angewiesen sind, durch ihren bisherigen Leistungserbringer nicht mehr möglich. Eventuell werden die Betroffenen auch nicht mehr mit ihren bisherigen, gewohnten Produkten versorgt. Die Versorgung und Betreuung ist künftig nur noch durch den Ausschreibungsgewinner möglich. Entweder die Betroffenen akzeptieren die Versorgung durch die neuen, exklusiven Vertragspartner der Kasse oder sie müssen ihre Hilfsmittelversorgung komplett aus eigener Tasche bezahlen.

Erschwerend für die Sicherstellung einer patientenorientierten Versorgung kommt hinzu, dass die genannten AOKs die Inkontinenzhilfsmittel auf Basis von monatlichen Versorgungspauschalen ausgeschrieben haben. Hier besteht die Gefahr für den Patienten, dass der Ausschreibungsgewinner Abstriche in der Qualität der Versorgung macht, um für den vereinbarten Preis zu versorgen. Dies zeichnet sich insbesondere ab, weil die AOKs nicht definiert haben, welche Leistungen Bestandteil der jeweiligen Pauschale sein sollen. Interpretationsspielräume in Bezug auf die Versorgungsqualität sind also vorprogrammiert.

"Bei der Ausschreibung der AOKs Brandenburg, Berlin und Sachsen-Anhalt kommt erschwerend hinzu, dass wesentliche Informationen über die betroffenen Versicherten in der Ausschreibung fehlten", erläutert Klaus Grunau, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Medizintechnologie e.V. "Allein die Angabe der Anzahl der Versicherten und der Versorgungsmonate reichen nicht aus, um eine korrekte bzw. realistische Kostenkalkulation für die Versorgung von Menschen, die auf ableitende Inkontinenzartikel angewiesen sind, durchzuführen. Der Hilfsmittelverbrauch ist in diesem Bereich sehr unterschiedlich. Parkinson-Patienten haben einen anderen Verbrauch und Beratungsbedarf als junge Querschnittgelähmte. Mit einer Pauschale kann hier nicht ordentlich versorgt werden."

Dass Ausschreibungen generell der falsche Weg bei der Versorgung mit medizinischen Hilfsmitteln sind, davon ist Wolfram-Arnim Candidus, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten e.V. und Unterstützer des Aktionsbündnisses "meine Wahl!" überzeugt: "Wenn der Preis das ausschlaggebende Kriterium für den Zuschlag ist und kein Wert mehr auf Qualität und Mitsprache gelegt wird, dann sind die Probleme vorprogrammiert. Aber es gibt Wege für Versicherte, dagegen anzukämpfen. Wir müssen die Krankenkassen davon überzeugen, nicht auszuschreiben, sondern den Weg der Vertragsverhandlung zu gehen und dabei eine optimale Servicequalität festlegen, die auch kontrolliert wird. Entscheiden sich die Kassen dennoch für die Ausschreibung, kann der Versicherte aktiv von seinen Rechten Gebrauch machen. Ein möglicher Weg ist der Wechsel zu einer Kasse, die mir die Wahl lässt und mir nicht den Versorger vorschreibt."

Bereits im letzten Jahr haben tausende gesetzlich krankenversicherte Hilfsmittelnutzer bei Ausschreibungen anderer Krankenkassen Qualitätsverluste hinnehmen müssen. Teilweise führten Ausschreibungen für die Patienten zu nicht akzeptablen Versorgungssituationen und zu Produktumstellungen auf nicht hinreichende Hilfsmittel. Im Aktionsbündnis "meine Wahl!" haben sich seit Juni letzten Jahres bundesweit Menschen mit Behinderungen, Selbsthilfevereinigungen, Hilfsmittelhersteller und Versorgungspartner wie Sanitätshäuser und Homecare-Unternehmen zusammengeschlossen, um das Recht auf freie Wahl des Versorgungspartners im Hilfsmittelbereich zu erhalten und eine bedarfsgerechte, qualitätsgesicherte und dem Stand der Technik entsprechende Versorgung mit Hilfsmitteln sicherzustellen. Insgesamt 80 Unternehmen und Organisationen (Stand: Januar 2009) unterstützen bereits die Arbeit und die Ziele des Bündnisses, darunter die Inkontinenz Selbsthilfe e.V., der Deutsche Rollstuhl-Sportverband e.V., die Deutsche Gesellschaft für Versicherte und Patienten e. V. und die Deutsche Parkinson Vereinigung e.V.

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  • Inkontinenz Gefährdung Patientenversorgung Vorstandsmitglied Klaus Grunau

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