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ArbeitsmarktStressfaktor Zeitarbeit in der Pflege

Kliniken und Pflegeeinrichtungen suchen nach Mitteln und Wegen, um sich aus der teuren Zeitarbeitsfalle zu befreien. Der Ruf nach Refinanzierung wird lauter.

Krankenpflege
Zinkevych/stock.adobe.com

Symbolfoto

Zeitarbeit in Kliniken und Pflegeeinrichtungen hat sich zu einem brisanten Thema entwickelt. Was ursprünglich einem guten Zweck dienen sollte, nämlich kurzfristig personelle Engpässe zu stopfen, hat sich längst zu einem teuren Langzeitprojekt entwickelt. Auf den Mehrkosten bleiben die Einrichtungen sitzen, sie müssen an anderer Stelle eingespart werden. Laut Hamburger Krankenhausgesellschaft (HKG) und Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) werden die Zeitarbeitskräfte teilweise bis zur gesetzlichen Grenze von 18 Monaten fest an Krankenhäuser entliehen und nach kurzen Pausen erneut bis zur gesetzlichen Grenze in derselben Einrichtung im selben Krankenhaus eingesetzt.

Bei akuten Belastungsspitzen stehen dann auf dem Markt aufgrund der langfristigen Arbeitnehmerüberlassungen häufig keine Zeitarbeitskräfte kurzfristig zur Verfügung. „Ein paradoxer Zustand, da die Zeitarbeit in der Pflege somit ihren originären Zweck nicht mehr vollumfänglich erfüllen kann“, kritisieren beide Verbände. Ihrem Unmut hierüber machen die Akteure daher nun verstärkt Luft, nicht nur an in Hamburg, sondern auch in Berlin und Bremen.

Flucht aus belastenden Arbeitsbedingungen

In Berlin lag der Anteil an Zeitarbeitskräften nach Mitteilung der dortigen Krankenhausgesellschaft (BKG) bereits bei 9,2 Prozent (2020) und damit weit über dem Bundesdurchschnitt von 2,7 Prozent. Wissenschaftler und Vertreter aus Praxis und Politik diskutierten das Thema im Rahmen einer Fachveranstaltung. „Zeitarbeit bedeutet für die meisten Pflegekräfte nicht die Erfüllung ihrer Berufsträume. Vielmehr fliehen sie vor den belastenden Arbeitsbedingungen im Krankenhaus“, sagt Lutz Schumacher, Professor für Personalmanagement und Organisationsentwicklung in Einrichtungen des Gesundheits- und Sozialwesens an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

Zeitarbeit ist punktuell sinnvoll

Zeitarbeit sei für die Krankenhäuser „punktuell sinnvoll“, um kurzfristige Personalausfälle zu kompensieren, so Dr. Karl Blum, Vorstand und Leiter des Geschäftsbereichs Forschung beim Deutschen Krankenhausinstitut. Im jetzigen Ausmaß verursache die Zeitarbeit aber hohe Zusatzkosten und gefährde den sozialen Frieden in der Belegschaft. Bessere und auskömmlich refinanzierte Personalschlüssel in der Stammbelegschaft gelten als „das beste Mittel, um die Zeitarbeit einzudämmen“.

Auch ein Spaltpilz

Die Gründe, weshalb Fachkräfte in die Zeitarbeit abwandern, sind vielfältig: verlässliche Dienst- und Einsatzplanung, kein „Holen aus dem Frei“, gestiegene Arbeitsbelastung in der Corona-Pandemie, erhöhter Personalausfall wegen Erkrankung beziehungsweise Infektion und Quarantäne, bessere Vergütungen, keine Dienste nachts und an Wochenenden und Feiertagen. Wunsch-Dienstzeiten für Zeitarbeitende, aber auch die unterschiedliche Entlohnung, der Einarbeitungsaufwand sowie die Qualitätsprobleme bei ständig wechselndem und mit der Einrichtung nicht vertrautem Personal führen zu einer Spaltung der Belegschaft.

Während auf der einen Seite die Kosten für Kliniken und Pflegeeinrichtungen durch die Zeitarbeit explodieren – Zeitarbeitskräfte kosten teilweise doppelt so viel wie Bestandskräfte – können die zusätzlichen Kosten nicht im Pflegebudget geltend gemacht werden: Krankenhäuser können die Zeitarbeit nur bis zur Höhe der Tarifkosten in den Pflegebudgets ansetzen. „Zeitarbeitsfirmen nutzen die angespannte Arbeitsmarktlage und diktieren die Entleihbedingungen zum Teil nach Belieben“, beklagt BKG-Geschäftsführer Marc Schreiner.

Zeitarbeit mindert Pflegequalität

Aber nicht nur was die Kosten, sondern auch was die Qualität betrifft, sei die Zeitarbeit ein Problem. Häufiger personeller Wechsel und mangelnde Kenntnisse der Abläufe vor Ort könnten dazu führen, dass Qualitätsstandards nicht eingehalten werden und so die Patientensicherheit beeinträchtigt werde, kritisiert der BKG-Geschäftsführer. Zudem resultiere aus dem hohen Einsatz von Zeitarbeit Mehrarbeit für das Stammpersonal und Unsicherheiten für die Attraktivität einer Festanstellung. Aus Sicht der Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen sei es daher „richtig und wichtig, in der Pflege weitestgehend auf Zeitarbeit zu verzichten“.

In Hamburg haben HKG und bpa auf einer gemeinsamen Pressekonferenz am 30. August 2022 ihrem Ärger über den Stressfaktor Zeitarbeit Luft gemacht. Laut HKG-Erhebung entstehen allein in der Hansestadt durch Zeitarbeit in der Pflege jährliche Mehrkosten in Höhe von insgesamt 15 Millionen Euro. Davon entfallen neun Millionen auf Kliniken und sechs Millionen auf Pflegeeinrichtungen, rechnete Joachim Gemmel, Erster Vorsitzender der HKG, vor.

Wunsch nach eigenen Pflegepools

Die Kliniken wünschen sich stattdessen hauseigene „Pflegepools“ mit zusätzlichem Personal, das nicht in den regulären Schichtdienst eingeplant wird, sondern tatsächlich für kurzfristige Ausfälle zusätzlich zur Verfügung steht. Das Management eines solchen Pools verursache allerdings ebenfalls zusätzlichen Aufwand, den es zu stemmen gelte. Zusätzliche Mittel zur Refinanzierung seien daher unerlässlich. Für die Krankenhäuser wäre es daher notwendig, in den Pflegebudgets tariflohnüberschreitende Kosten wie Zuschläge, Zulagen und Managementkosten für individuelle Krankenhauslösungen wie die eines Personalpools zusätzlich geltend machen zu können.

Der bpa fordert die Kostenträger, also Kassen und Sozialhilfeträge, auf, umgehend Rahmenvertragsverhandlungen zur Einführung von Poollösungen und anderen Konzepten zur Eindämmung der Zeitarbeit zu beginnen. Für die Krankenhäuser sei der Bundesgesundheitsminister gefragt, eine Anpassung der Pflegefinanzierung für diese Mehrkosten zu übernehmen. Für die notwendige Übergangszeit bis zu einer endgültigen Regelung müssten zudem die Mehrausgaben der Einrichtungen und Kliniken für Zeitarbeit angemessen berücksichtigt und refinanziert werden. An Hamburgs Sozialsenatorin Dr. Melanie Leonhard appellieren die Hamburger Institutionen, alle notwendigen rechtlichen Grundlagen für solche Poollösungen zu schaffen und die Verhandlungen aktiv zu unterstützen.

Bremer Klinik ohne Leiharbeitskräfte

Dem Bremer „Weserkurier“ war das Thema einen Aufmacher wert, Titel: „Probleme durch Leiharbeit in der Pflege“. Die Recherche bezog vier Klinikbetreiber ein, von denen nur einer komplett auf Leiharbeitskräfte verzichtet. So wird der Sprecher des Bremer St.-Joseph-Stifts mit den Worten zitiert, dass es „trotz des angespannten Arbeitsmarktes und der Fluktuation durch Rente oder Elternzeit der Klinik geglückt sei, die Stammbelegschaft zu halten und ausbauen zu können“. Aus 182 vollbeschäftigten Mitarbeitenden in der Pflege im Jahr 2019 seien 232 im laufenden Jahr geworden – 51 Vollzeitkräfte mehr. Das sei ein Resultat der Bemühungen des Arbeitgebers um die Mitarbeiter, betonte der Sprecher und ergänzte: „Unser Ziel ist es, neue Kolleginnen und Kollegen fest einzustellen und nicht die Arbeit im Haus durch den Einsatz von Leiharbeitskräften zu belasten.“

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