Honorarreform für Ärzte

Fehlgeburt oder nur Kinderkrankheiten?

Koalition, Ärzte und Krankenkassen gingen über Jahre schwanger mit dem Plan einer neuen Bezahlung der Kassenärzte.

In den Augen tausender Mediziner gab es zum Jahresbeginn aber eine glatte Fehlgeburt. Mit Nachbesserungen ist auch laut Bayerns Gesundheitsminister Markus Söder (CSU) nichts zu retten. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der Krankenkassen- Spitzenverband rangen am Freitag trotzdem darum, ihr Baby Honorarreform aufzupäppeln. Ein Überblick über die Entwicklung:

Die Erwartungen: Die mehr als 140 000 niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten sollten von rund 2,7 Milliarden Euro mehr und von einfacheren Abrechnungen profitieren - in Euro und Cent. Praxisärzte wussten bis Ende 2008 nicht vorher, was sie für ihre Arbeit bekommen würden. Grund war der Mechanismus zur Honorar-Deckelung: Für jede Arzt-Leistung gab es eine Punktzahl, je nach Aufwand. Doch der Geldwert der Punkte hing von der Zahl der Behandlungen und somit der Punkte pro Region und Quartal ab: Je mehr Punkte, desto geringer der Wert der Einzelleistung. In manchen Regionen rechneten die Ärzte extra viel ab - in anderen reagierten sie durch weniger Arbeit.

Die ersten Wochen:Viele Ärzte rieben sich nach Neujahr die Augen. Mehr Geld? In Ostdeutschland schon. In Bayern sehen viele Fachärzte ihre Praxen hingegen bislang trotz eines Gesamttopfs von 30 Milliarden Euro für alle Kassenmediziner vor dem Aus. In Baden- Württemberg kündigen einzelne an, Kassenversicherte zweitklassig zu behandeln. Demonstranten in weißen Kitteln gibt es auch in Nordrhein- Westfalen. Orthopäden in Schleswig-Holstein lassen Patienten abblitzen. Fachministerin Ulla Schmidt (SPD), Kassenarzt-Chef Andreas Köhler und Kassen-Vertreterin Doris Pfeiffer drohen allzu hitzigen Ärzten mit dem Entzug ihrer Zulassung. Köhler rät Ärzten: "Wartet mal ab, was am Ende rauskommt."

Das Gerangel um die Reform: Eng oder mittelbar Beteiligte schieben die Verantwortung hin und her. Köhler macht das Schmidt-Ressort dafür verantwortlich, dass Zuschläge etwa für ambulantes Operieren zu spät gebilligt worden seien. Die Fehler bei der Verteilung gingen zudem auch auf die Kappe der Kassen. Die Versicherungen werfen den Ärzten hingegen Versagen vor. Söder fordert von Bayern aus: "Letztlich ist das Ganze so verfahren, dass es einen gründlichen Befreiungsschlag braucht." Auch Schmidt sei Schuld. Schmidt und die SPD entgegnen, Söder lege ja nicht mal eine Alternative vor - die Verantwortung trügen im Übrigen Ärzte und Kassen.

Die Abhilfe: "Die Verunsicherung wird im Lauf des Jahres abgestellt werden", zeigt sich Thomas Ballast sicher, Chef des Ersatzkassenverbands vdek. Da sind zunächst die Rücklagen, die die Kassenärztlichen Vereinigungen für Leistungen außerhalb der Standardbezahlung haben. Das Geld dürfte noch manchen Arzt besänftigen. Außerdem sollen die Zuwächse der Reformgewinner begrenzt und so Verluste der Verlierer vermindert werden.

Die Gesamtlage: Einen größeren Einbruch der Versorgung müssen die Bürger kaum fürchten. Die Zahl ambulanter Ärzte ist binnen zehn Jahren um rund 14 Prozent gestiegen. Von den gesetzlichen Kassen erzielen die Ärzte ein Einkommen von im Schnitt mehr als 85 000 Euro im Jahr, nach Abzug der Kosten, aber vor Steuern. Die Verteilungskämpfe zwischen Haus- und Fachärzten wurden allerdings immer härter. Kinder- und Jugendärzte in den neuen Ländern bekommen zum Beispiel im Schnitt nur 74 000 Euro, während es Radiologen in den alten auf fast 117 000 bringen. Honorare von Privatpatienten sind da noch gar nicht eingerechnet.

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