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DiskussionWie viel Patientenautonomie ist noch gesund?

Die Umwandlung des bestehenden Gesundheitssystems in ein marktorientiertes Gesundheitswesen und die Transformation des Patienten in einen aktiven Verbraucher wird mancherorts begrüßt. Doch Angesichts der historisch gewachsenen vielfältigen Regelungen, Restriktionen und Anreizsysteme ist sie ebenso von Hoffnungen wie Befürchtungen begleitet.

kma Montage: Fotolia (agongallud, Zefir)
Symbolfoto

Das ökonomische Thema der freien Auswahl trägt Bezüge zu dem grundlegenden bioethischen Prinzip der Patientenautonomie. Elementarer Bestandteil einer autonomen Patientenentscheidung ist nicht nur die grundsätzliche Handlungsfreiheit.

Diese muss begleitet werden von der Möglichkeit, Handlungsoptionen wirksam abzuwägen, zum Beispiel durch ausreichende Informationen und individuelle Nachfragen. Ebenfalls unverzichtbar sind eine unbeeinflusste Authentizität und der Spielraum zur Reflexion anhand der eigenen moralischen Maßstäbe.

Solche Handlungsfreiheit wird im Gesundheitswesen in jüngster Zeit zunehmend auch gesundheitspolitisch unterstützt: Realisiert sind bereits die Freiheiten zur freien Arztwahl, zur freien Auswahl des Versicherers, die informationelle Selbstbestimmung über die erhobenen und gespeicherten Gesundheitsdaten und anderes mehr.

Verlässliche Information: Die Qual der Wahl  

Im Krankheitsfall suchen viele Betroffene umfassende Informationen zu ihrer Erkrankung. Die im Internet verfügbaren Daten erleichtern dies in ihrer Vielfalt; oft jedoch ist die Qualität der Informationen zweifelhaft. So wundert es nicht, dass die Mehrheit der Erkrankten sich lieber einem Arzt anvertraut und sich mit ihm berät. Auch diese Handlungsoption kann eine rationale und freie Entscheidung in Zeiten eines großen konkurrierenden Informationsangebots sein und bleiben. Ob sich das für zukünftige Generationen ändern wird (digital natives) bleibt abzuwarten.

Gibt es Möglichkeiten, Patienten darin zu unterstützen, eine Wahl in Authentizität und Stimmigkeit mit persönlichen Präferenzen und Lebensplänen zu treffen? Tatsächlich wird dies zum Beispiel durch Initiativen wie die einer partizipativen Entscheidungsfindung (shared decision making) geleistet.

Auch informierte Patienten treffen nicht immer rationale Entscheidungen

Die Annahme, dass Patienten vollständig informiert eine vernunft- basierte rationale, Nutzen-maximierende Auswahl unter allen möglichen Optionen treffen, ist sehr optimistisch. Sie ist darüber hinaus wenig wahrscheinlich. In der allgemeinen Erfahrung stehen bei Unfällen und körperlichen wie seelischen Erkrankungen vielmehr das Bewusstsein prägende Schmerzen, lebensbedrohliche oder als lebensbedrohlich empfundene Zukunftsperspektiven, organische Ausfälle und krankheitsbedingte Angstzustände eindeutig im Vordergrund.

Was zumindest von einem Teil der Patienten gesucht wird, ist ein wohlwollender Paternalismus des Therapeuten gegenüber „seinem“ beziehungsweise „ihrem“ Patienten. Die stellvertretende Wahrneh- mung der Interessen durch den behandelnden Arzt ist bei Bewusst- seinstrübung und -losigkeit ohnehin alternativlos.  

Doch was, wenn der Arzt durchgängig seinen Vorteil sucht, beispielsweise durch unnötige, angebotsinduzierte Nachfragesteigerung? Oder wenn eine Gesellschaft die Versorgungsleistungen nach diesem Leitbild rationiert? Wenn also das Nutzenkalkül die Grenzen der Humanität bestimmt?

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