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E-Health Monitor 2021Digitalisierungs-Push dank fokussierter Gesetze

Ergebnisse des E-Health Monitors 2021 von McKinsey zeigen, dass die Digitalisierung des deutschen Gesundheitssystems zwar an Dynamik gewinnt, bei der Verordnung und Nutzung von DiGA aber noch viel Luft nach oben ist.

Digitalisierung
Weissblick/stock.adobe.com

Symbolfoto

Im Bereich Telemedizin und der Zulassung von digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) hat Deutschland im letzten Jahr große Fortschritte erzielt, doch der Datenaustausch bleibt weiterhin eine digitale Baustelle. Anhand von rund 30 Indikatoren untersucht der Monitor Entwicklung und Status quo von E-Health in Deutschland.

Corona als Katalysator

Die Digitalisierung des deutschen Gesundheitssystems scheint an Dynamik zu gewinnen. In einigen Bereichen wirkte Corona beschleunigend auf den Digitalisierungsprozess. Dieser sei besonders im Bereich der Telemedizin deutlich geworden. Hierbei ist die Nutzung um den Faktor 900 gestiegen: In 2020 hat sich die Zahl der digitalen Sprechstunden in deutschen Arztpraxen auf fast 2,7 Millionen erhöht - von weniger als 3 000 digitalen Arzt-Patient-Gesprächen vor Covid-19 im Jahr 2019. Die Zahl der Downloads der Top-40-Gesundheits-Apps hat sich auf 2,4 Millionen nahezu verdoppelt.

Auch auf gesetzlicher und technologischer Ebene hat sich einiges getan, um den Weg für digitale Meilensteine wie elektronische Patientenakte (ePA) und das verzögerte E-Rezept zu bereiten.

Gesetze sorgen für E-Health-Push in Deutschland

Die Rahmenbedingungen für E-Health in Deutschland hätten sich laut Co-Autor Tobias Silberzahn, Partner bei McKinsey in Berlin, verbessert. Dazu beigetragen haben sieben E-Health-fokussierte Gesetze mit dem Ziel der Verbesserung regulatorischer Rahmenbedingungen für die Digitalisierung des Gesundheitswesens und die Beschleunigung des digitalen Infrastrukturausbaus.

Konkrete Fortschritte zeigt der E-Health Monitor bei der digitalen Infrastruktur: Mehr als 90 Prozent der Hausarztpraxen sind nach den jüngsten Erhebungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung mittlerweile an die Telematikinfrastruktur angeschlossen. Jüngere niedergelassene Ärzt*innen und Psychotherapeut*innen unter 50 Jahren sowie mittelgroße bis große Praxen weisen überdurchschnittliche Anschlussraten auf. Auch bei den ambulanten Ärzt*innen wächst das Angebot an digitalen Services, allerdings befürchtet nahezu die Hälfte von ihnen, dass sich durch die Digitalisierung die Arzt-Patienten-Beziehung verschlechtern könnte.

Mit der Einführung von ePA und E-Rezept baue Deutschland weiter am E-Health-Fundament – aber es gebe noch einige Bereiche, bei denen Deutschland im internationalen Vergleich hinke, beispielweise in der Fernbetreuung von Patienten. Dies sei in Großbritannien bereits etabliert.

Mit den zunehmenden Erfahrungswerten in diesen Bereichen sollen bessere Rahmenbedingungen zur Förderung digitaler Lösungen geschaffen werden. Verbesserungen seien insbesondere bei der integrierten Versorgung von chronischen Patienten notwendig – also der Verknüpfung von klassischen medizinischen Interventionen mit digitalen Lösungen über Sektorgrenzen hinweg.

DiGA spielen bisher kaum eine Rolle

Erfolgreich laufe jedoch das Prüfverfahren für digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA), den Angeboten, die von den Krankenversicherungen mittlerweile auch erstattet werden.

Bis November 2021 wurden 24 DiGA in das Verzeichnis des Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte aufgenommen, allerdings stockt die Skalierung noch – neun DiGA, die als App-Anwendung zur Verfügung stehen, kamen seit der Zulassung bis zum 31. Juli 2021 auf insgesamt unter 200 000 Downloads. Der Frage, warum DiGA bislang so wenig verordnet und heruntergeladen werden, wolle man nachgehen. Insgesamt hatte es bis zum 10. November 2021 Beantragungen für 104 DiGA gegeben. Mehr als die Hälfte von ihnen (55 Prozent) waren jedoch an den Aufnahmekriterien der Zertifizierung gescheitert oder haben ihren Antrag zurückgezogen.

Zum Vergleich: Im Jahr 2020 wurden laut Wissenschaftlichem Institut der AOK 685 Millionen Fertigarzneimittel verordnet.

Das Prüfverfahren für DiGA ebne somit zwar den Weg zur Erstattung, erhöhe jedoch gleichzeitig die Eintrittshürde für Apps hinsichtlich Nutzennachweis und Datenschutzanforderungen. Trotzdem wecke dies viel Interesse im Ausland.

Einen besonderen Fokus legt der E-Health Monitor auch auf die deutschen Forschungspublikationen zur Evidenz von E-Health-Lösungen. Deren Zahl hat sich im letzten Jahrzehnt von 20 auf 116 im Jahr 2020 nahezu versechsfacht. Dennoch sind es nur halb so viele wie in Großbritannien. 84 Prozent der Publikationen weisen einen positiven Nutzeneffekt der digitalen Anwendungen nach – allein drei Viertel davon einen verbesserten Gesundheitsstatus der Patienten. Rund 10 Prozent der Studien belegen höhere Kosteneffizienz, 14 Prozent eine Zeitersparnis für Ärzte. Hier werde deutlich, dass E-Health- Anwendungen das Potenzial haben, Patienten bei nachhaltigen Verhaltensänderungen zu helfen und Behandelnde zu unterstützen.

Nachholbedarf bei der Kommunikation

Einen großen Nachholbedarf zeigt der E-Health Monitor allerdings in der Rubrik „digitale Gesundheitskompetenz“: Rund 55 Prozent der Deutschen zeigen sich zwar in Umfragen digitalen Gesundheitsangeboten gegenüber aufgeschlossen, doch Ende 2020 hatten beispielsweise rund 40 Prozent der Versicherten noch nie etwas von der ePA gehört.

Entsprechend gering ist bislang auch die Resonanz auf das digitale Angebot: Ein halbes Jahr nach der Einführung der ePA im Januar haben weniger als 240 000 Versicherte der 20 größten gesetzlichen Krankenversicherungen die Akte heruntergeladen.

Auch funktioniere der Datenaustausch zwischen ambulanten und stationären Einrichtungen weiterhin nur analog. Die Kommunikation zwischen Arztpraxen und Krankenhäusern erfolgt zu 95 Prozent immer noch in Papierform, denn Patienten und Versicherten mangelt es oft an Aufklärung über den Nutzen von E-Health.

Trotz einiger Fortschritte im letzten Jahr sei man noch lange nicht am Ziel, stellte McKinsey-Partnerin Laura Richter, Co-Autorin der Studie, bei der Vorstellung der Analyse fest. „Die größten Herausforderungen sind der flächendeckende Datenaustausch von Leistungserbringern insbesondere über ambulant-stationäre Grenzen hinweg sowie die Skalierung von ePA und E-Rezept in Richtung Patienten durch eine umfassende Informationskampagne.“

Die gedruckte Studie kann bei der Medizinisch Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft bestellt werden.

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