Georg Thieme Verlag KG

... Fortsetzung des Artikels

Digitale TransformationDr. Gottfried Ludewig über die Lehren aus der Corona-Krise

Das BSI hat die Aufsicht über alle KRITIS- Häuser, zu denen auch die Uniklinik Düsseldorf zählt. Dennoch passieren weiterhin Attacken wie in Düsseldorf aufgrund teilweise haarsträubender Sicherheitsmängel. Ist das BSI bei der Kontrolle zu lasch?

Mein Eindruck ist, dass das BSI seine Aufgabe sehr ernst nimmt und sehr wertvolle Arbeit für unser Land und das Gesundheitswesen leistet. Wir werden das Thema in den nächsten Jahren aber gemeinsam mit dem BSI weiter forcieren. Es muss allen klar sein, dass das eine conditio sine qua non ist. Ohne IT-Sicherheit keine gute Digitalisierung und keine bessere Versorgung.

Stichwort KHZG: Wird die gesamte Fördersumme von insgesamt 4,3 Milliarden Euro – anders als bei dem Digitalpakt Schule – im anvisierten Zeitraum auch tatsächlich abgerufen werden?

Da bin ich ganz unbesorgt. Ich glaube eher, dass der Bedarf noch größer ist als die Fördersumme.

Sie sprechen von der Wahrscheinlichkeit der Überzeichnung. Gibt es Überlegungen in Ihrem Haus, ein zweites Paket aufzulegen?

Ich wäre ein schlechter Abteilungsleiter Digitalisierung im Bundesministerium für Gesundheit, wenn ich diese Überlegung nicht hätte. Ob es die im Rahmen der Bundesregierung gibt, kann ich Ihnen aber nicht beantworten.

Welche Förderprojekte beim KHZG werden durch Krankenhäuser am stärksten nachgefragt?

Es ist noch zu früh, das zu sagen. Neben der Förderung sieht das Gesetz ja aber auch noch ein Reifegradmodell vor, mit dem wir den Reifegrad der Digitalisierung in den Häusern messen wollen, einmal jetzt und noch einmal in zwei Jahren. Ich erwarte mir davon viele neue Erkenntnisse: Wo stehen wir in den Förderhäusern? In welchen Bereichen ist der Bedarf am größten?

Wann sollen die ersten Ergebnisse vorliegen?

Vermutlich werden wir die ersten Ergebnisse im Laufe des vierten Quartals sehen.

Wie nachhaltig sind die KHZG-Projekte? Wer finanziert die Folgekosten in möglicherweise achsstelliger Millionenhöhe für Wartung und Service der neuen Hard- und Software?

Ich bin immer überrascht, dass Digitalisierung langfristig nur mehr kosten soll. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Digitalisierung zu Anfang und in der Zeit der Umstellung Mehrkosten verursacht. Aber Sie dürfen nicht vergessen, dass sie Prozesse auch effizienter macht.

Sie glauben, die Effizienzgewinne durch die Digitalisierungsprojekte reichen, um die Mehrkosten bzw. die erhöhten laufenden Kosten zu kompensieren?

Ich glaube, dass man beides sehen muss: Für mehr Digitalisierung brauche ich vielleicht mehr qualifiziertes Personal. Aber an anderen Stellen kann ich Personal einsparen – etwa dort, wo heute noch handschriftliche Zettel abgetippt werden. Ich kann Ihnen noch nicht abschließend sagen, wie hoch welcher Einsatz ist. Mit dem Förderprogramm fangen wir die Investitionskosten ab. Die laufenden Kosten werden, wenn ich daran erinnern darf, nicht über den Bund finanziert, sondern über die gesetzliche Krankenversicherung in den üblichen Verhandlungen der Vertragspartner festgelegt.

Kliniken klagen auch, dass ihnen beim KHZG windige Berater allerlei nutzlose Hard- und Software aufschwatzen wollen …

Es gibt überall auch schwarze Schafe. Aber: Eine so gut erklärte Förderrichtlinie mit Soll- und Muss-Anforderungen, die sehr praktikable und alltagsnahe Hinweise geben, gab es selten in Förderprojekten. Jeder Klinikgeschäftsführer, der tagtäglich große Herausforderungen meistern muss, wird diese Förderrichtlinie anwenden können. Gleichzeitig würde ich mir wünschen, dass es eine viel stärkere Bündelung bei der Beauftragung gibt.

Was meinen Sie damit?

Ich verstehe nicht, warum jedes Krankenhaus jede IT-Lösung einzeln ausschreiben und prüfen muss. Es gibt Einkaufsverbünde, um Kanülen zu kaufen oder Verbandmaterial – wo sind diese Einkaufsverbünde bei IT-Lösungen? Warum tun sich nicht die zehn größten Unikliniken zusammen und sagen: Wir kaufen gemeinsam ein Krankenhausinformationssystem? Das wäre ein großer und mutiger Sprung nach vorne.

Einzelne Bundesländer verteilen KHZG-Fördermittel pauschal nach dem Gießkannenprinzip auf alle Kliniken. Wie stehen Sie dazu?

Ziel des Gesetzes ist es, kluge Projekte zu fördern. Nicht einfach pauschal Geld zu verteilen.

Im September sind Bundestagswahlen. Unabhängig davon, wer diese gewinnt: Was müssen nach der Wahl die nächsten Schritte sein, um die Digitalisierung in Deutschland weiter voranzubringen?

In keiner Legislaturperiode stand die Digitalisierung des Gesundheitswesens so stark im Mittelpunkt. Diesen Weg gilt es fortzusetzen. Wir dürfen nicht an Geschwindigkeit verlieren, eher müssen wir noch zulegen. In den nächsten Jahren wird es darum gehen, die Datenstandardisierung, Datenzusammenführung, Datenaufbereitung und Datennutzungsregelung in Deutschland und auf europäischer Ebene umzusetzen und Datentreuhänder wie das Forschungsdatenzentrum zu stärken. Die Medizin ist auf Daten angewiesen, die auch genutzt werden dürfen. Wer eine gute Versorgung gewährleisten will, muss diesen Weg konsequent weitergehen.

Bitte loggen Sie sich ein, um einen neuen Kommentar zu verfassen oder einen bestehenden Kommentar zu melden.

Jetzt einloggen

  • Derzeit sind noch keine Kommentare vorhanden. Schreiben Sie den ersten Kommentar!