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Digitale TransformationDr. Gottfried Ludewig über die Lehren aus der Corona-Krise

Als Abteilungsleiter Digitalisierung im Bundesgesundheitsministerium treibt Dr. Gottfried Ludewig seit drei Jahren die Digitalisierung des Gesundheitswesens maßgeblich voran. Im Gespräch mit kma warnt vor überzogenem Datenschutzdenken und klagt über verkrustete Denkmuster in den Führungsetagen der Krankenhäuser.

Dr. Gottfried Ludewig
Tobias Koch/BMG

Dr. Gottfried Ludewig (38) leitet seit April 2018 die neugeschaffene Abteilung Digitalisierung und Innovation im Bundesgesundheitsministerium.

In welchen Bereichen hat die Corona-Pandemie aus Ihrer Sicht die Digitalisierung im Gesundheitswesen vorangebracht – und welche Schwächen hat sie offengelegt?

Die Pandemie hat gezeigt, wie sich Digitalisierung im Alltag ganz praktisch auswirkt. Die Videosprechstunden zum Beispiel sind durch die Decke gegangen. Vorher hat das kaum ein Arzt genutzt, wenn wir ehrlich sind. Jetzt gehört die Videosprechstunde für viele Ärztinnen und Ärzte ganz selbstverständlich zum Praxisalltag. Oder nehmen Sie das DIVI-Intensivbetten-Register, das wir innerhalb von wenigen Wochen mit allen Beteiligten aus dem Boden gestampft haben. Damit waren wir international ein Vorbild, selbst aus den USA kamen Anfragen.

Und die Schwächen?

Manches wurde ganz schnell offensichtlich, zum Beispiel, wie die Labormeldungen zu den Gesundheitsämtern gekommen sind – nämlich per Fax. Oder wie manche Kliniken bei Patientenverlegungen kommunizieren mussten, weil das System dafür gar nicht ausgelegt war. Da haben wir aber auch gesehen, wie schnell man Dinge ändern kann. Heute melden die Labore alle Infektionen mit dem Coronavirus digital. Innerhalb von wenigen Monaten war plötzlich möglich, was vorher teilweise in zehn Jahren nicht ging.

Die Pandemie zeigt deutlich, wie schwer sich das Land mit neuen digitalen Lösungen tut. Die Software Sormas zum Fall- und Kontaktpersonenmanagement wird noch immer in vielen Gesundheitsämtern nicht genutzt, die Corona-Warn- App ist ein Reinfall.

Bei Sormas ist inzwischen viel passiert. Die Länder haben sich verpflichtet, dieses System in allen Gesundheitsämtern einzuführen. 88 Prozent der Gesundheitsämter sind mittlerweile angeschlossen. Das ist ein ganz wichtiger Schritt, denn mit Sormas lassen sich alle Gesundheitsämter der Republik miteinander vernetzen. Bei Sormas ist also inzwischen viel passiert. 86 Prozent der Gesundheitsämter haben jetzt Sormas zumindest bereitgestellt.

Nach 14 Monaten Pandemie sollten die Ämter allerdings schon längst alle digital arbeiten – tun sie aber nicht …

Doch, sie nutzen nur nicht alle dasselbe System. Es gab und gibt zum Teil immer noch viele verschiedene Softwarelösungen. Darum haben wir Sormas so angepasst, dass es noch besser mit anderen Softwaresystemen interagieren kann. Was die Corona-Warn-App betrifft, teile ich ihre These ganz und gar nicht, dass die App ein Misserfolg ist. Es ist eine der weitverbreitetsten Apps, die es in Deutschland gibt. Und sie ist die erfolgreichste Warn-App Europas.

Was die Verbreitung mit mehr als 27 Millionen Downloads betrifft, ist das korrekt. Allerdings konnten Bürger bislang mit den Warnmeldungen angesichts der Unbestimmtheit der Angaben leider nichts anfangen. Und nur 62 Prozent der Infizierten teilen die Testergebnisse mit.

Was heißt nur? Über 420 000 Nutzerinnen und Nutzer haben ihr positives Testergebnis in der App geteilt – und damit im Schnitt sechs andere gewarnt. Über 14 Millionen Laborergebnisse wurden digital und somit schneller übermittelt. Die App zeigt mittlerweile auch, an welchem Tag eine Risikobegegnung stattgefunden hat. Hätte man das von Anfang an machen sollen? Absolut. War das in Teilen auch Debatten mit dem Datenschutz geschuldet? Ja, war es. Wichtig bleibt: Die Corona-Warn-App ist kein Allheilmittel, aber sie ist ein wichtiger und erfolgreicher Bestandteil der Pandemiebekämpfung. Bei aller berechtigten Kritik müssen wir in Deutschland aufpassen, uns nicht eine Verliebtheit ins Schlechtreden und Scheitern anzugewöhnen.

Vor einer Datenschutzdebatte müssen relevante Daten überhaupt erst einmal vorliegen. Daran mangelt es in der Pandemie weiterhin …

Der Umgang mit Daten, auch die Frage der Standardisierung von Datensätzen, ist eine unserer größten Herausforderungen. Deswegen haben wir die Einführung von Snomed sowie die Definition Medizinischer Informationsobjekte so vorangetrieben. Wir brauchen endlich standardisierte und strukturierte Datensätze, die wir in einer elektronischen Patientenakte in einer Form anbieten können, von der Patientinnen und Patienten und ihre Behandler auch etwas haben. Daten sammeln allein reicht nicht. Nur verlässliche und strukturierte Daten helfen uns tatsächlich in der Versorgung. Auch das hat die Pandemie gezeigt. Wichtig ist, aus der Krise zu lernen.

Sie erwähnten die Probleme mit dem Datenschutz. Führen wir bei der Frage um die Nutzung medizinischer Daten noch eine Datenschutzdebatte oder längst nicht vielmehr eine Datennutzungsverhinderungs-Debatte?

Wir müssen uns in Europa in den nächsten zwei, drei Jahren entscheiden, wie wir mit Daten umgehen wollen. Sonst entscheiden das andere für uns – amerikanische Großkonzerne zum Beispiel. Das Problem ist, dass unsere Debatte häufig mit der Frage beginnt: Was könnte an Missbrauch passieren? Statt mit der Frage: Welche neue Therapie, welche neuen Erkenntnisse könnte uns Datennutzung ermöglichen?

Welche Konsequenzen könnte unsere überkritisch geführte Debatte haben?

Die Konsequenz, dass wir viele neue Therapieansätze nicht hier bei uns entwickeln können. Die Welt wartet ja nicht, bis 17 Landesdatenschutzbeauftragte (Bayern hat zwei) mit dem Bundesdatenschutzbeauftragten ihre Diskussion zu einem einheitlichen Einverständnisformular für klinische Studien nach mehreren Jahren zu Ende geführt haben. Datenschutz ist wichtig, keine Frage. Aber wenn wir die beschriebene Grundhaltung nicht verändern, kommt Fortschritt nicht mehr aus Europa, wir kaufen ihn dann von außen ein.

Neben Datenschutz spielt auch die Datensicherheit eine immer größere Rolle, wie jüngst erst wieder die Cyber-Attacke auf das Uniklinikum Düsseldorf zeigte. Nehmen Kliniken und Ärzte das Thema noch immer nicht richtig ernst?

Wie so häufig gilt: So lange man nicht selbst betroffen ist, nimmt man es selten ernst. Da wir das Thema aber sehr ernst nehmen müssen, haben wir im Krankenhauszukunftsgesetz festgelegt, dass 15 Prozent der bewilligten Fördersumme in IT-Sicherheit investiert werden müssen. Es gibt keine erfolgreiche Digitalisierung ohne Informationssicherheit.

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