kma Online
Elektronische Gesundheitsakten

Machtwechsel bei den Patientendaten

Lange lag die Hoheit über Patientendaten bei Klinik und Arzt. Das könnte sich bald ändern: Industrie, Kassen, Länder und Stiftungen arbeiten an elektronischen Gesundheitsakten, die Daten patientengesteuert aufnehmen. Die ersten gehen nun an den Start.

Arzt mit Tablet

Fotolia (chombosan)

Das erste, was jedem auffallen dürfte, der sich länger mit Dr. Stephan von Schorlemer unterhält, ist, dass er selten von Patienten spricht. Auch nicht von Kranken, nicht einmal von Kunden. Die, für die er gerade sein Projekt entwickelt, nennt er „Bürger“ – und das ist durchaus programmatisch zu nehmen. „Wir wollen den Menschen die Hoheit über ihre Gesundheitsdaten zurückgeben“, sagt er, „sie sollen als mündige Bürger die Souveränität über ihre Daten haben, nicht der Arzt oder die Klinik.“

Dr. von Schorlemer entwickelt am Hasso-Plattner-Institut (HPI) in Potsdam eine Cloud, in der Patienten ihre Gesundheitsdaten – von Blutdruckwerten über Impftermine bis hin zu Röntgenbildern – selbst verwalten können. „Die Akte wird ausdrücklich patientengeführt sein“, sagt der IT-Wissenschaftler. „Darunter verstehen wir, dass die Patienten entscheiden, wer Zugriff auf ihre Daten hat, dies jederzeit völlig transparent einsehen – und eigenmächtig ändern können.“

Das HPI ist nicht der erste auf diesem Entwickler-Feld. Google Health und Microsoft HealthVault sind die internationalen Vorreiter in Sachen Gesundheitscloud; in Deutschland hat der Software-Entwickler InterComponentWare (ICW) vor einigen Jahren begonnen, eine Infrastruktur zu entwickeln, über die Patientendaten verwaltet und ausgetauscht werden können. Einzelne Module daraus verwendet die Universitätsklinik Heidelberg, die den Gedanken der „EPA“, der elektronischen Patientenakte, weiterführt: Während die klassische EPA Daten eines Patienten arztgesteuert zusammenfasst – sei es innerhalb eines Hauses oder über Einrichtungsgrenzen hinweg –, geht bei dem Heidelberger Modell, ähnlich wie in Potsdam, die Macht über die Daten auf den Patienten über. Am Ende des IT-Projekts soll „eine persönliche, einrichtungsübergreifende Gesundheits- und Patientenakte“ stehen, wie Dr. Oliver Heinze, leitender Medizininformatiker am Klinikum, erklärt. Konsequenterweise wurde das Heidelberger Projekt denn auch „PEPA“ genannt.

Stufe für Stufe zur PEPA

Die Architektur der PEPA, das demonstrierte Heinze kürzlich auf einem Symposium, ermögliche Patienten, über ein Portal auf ihre Gesundheitsakte zuzugreifen und über Rechte den Zugriff anderer zu steuern. Die Uniklinik tastete sich stufenweise an das Projekt heran. Heinze: „Eine vollständige PEPA-­Architektur benötigt viele Schnittstellen und Komponenten – wie zum Beispiel das Patientenportal – und fein abgestimmte Abläufe.“ Und dazu, wie etwa Patienten einzubinden sind, fehlte dem Klinikum anfangs die Erfahrung. Um deshalb das Projekt nicht allzu komplex werden zu lassen, bauten die Heidelberger für den Routineeinsatz zunächst eine einrichtungsübergreifende EPA, um dann erst in folgenden Stufen neben den Patienten auch niedergelassene Ärzte der Region einzubinden.

Patientenakte per Opt-in

Über regionale Grenzen hinaus denken hingegen die Krankenkassen, allen voran die AOK Nordost, die – federführend für den ganzen AOK-Verbund – eine digitale Gesundheitsplattform aufbaut. Das Online-Netzwerk soll zum einen die Kommunikation zwischen Ärzten und Kliniken erleichtern. So werde es über die Plattform laut Chief Digital Officer Christian Klose künftig „ganz einfach“, den Entlassbrief des Krankenhauses an den Hausarzt zu übermitteln oder Diagnosen an den Facharzt weiterzuleiten.

Aber auch der Patient bekommt eine neue Rolle: In einem digitalen Portal soll er seine medizinischen Dokumente ablegen können – von Medikationsplan über Patientenverfügung „bis hin zu medizinischen Tagebüchern“, so Klose, dessen Kasse rund 1,75 Millionen Versicherte aus Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern zählt. Auch Online-Terminvergabe soll darüber möglich sein. Erprobt wird das Netzwerk seit einigen Monaten mit Vivantes und dem Sana-Konzern sowie mit niedergelassenen Ärzten. Der Vorteil für die Patienten ist klar: Sie bekommen einen Überblick über anstehende Vorsorgetermine oder Impfungen und über vergangene Behandlungen. Geben sie ihre Daten frei, können sie Befunde und Laborwerte auch weiterbehandelnden Ärzten verfügbar machen. Selbst der Austausch mit anderen Patienten in einem geschützten Raum – ähnlich einem Chatroom – soll möglich sein, was gerade für chronisch Kranke ein Feature sein dürfte. Das Angebot soll als Opt-in-Service verfügbar sein, der Versicherte entscheidet also selbst da­rüber, ob er die Plattform nutzen will.

 

Den vollständigen Artikel lesen Sie ab 3. November 2017 in kma Ausgabe 11/17 oder digital auf der Thieme Zeitschriftenplattform Thieme Connect.

  • Schlagwörter:
  • eGA
  • Patientendaten
  • Digitalisierung
  • PEPA

Kommentare (0)

Kommentar hinzufügen

Um einen Kommentar hinzuzufügen melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich.

Jetzt anmelden/registrieren