Im August 2020 hat das Start-up Hyperfine aus Connecticut ein ähnliches MRT-System auf den US-Markt gebracht. Wodurch unterscheidet sich DeepSpin?
Pedro Freire Silva: Hier gibt es gerade unglaublich spannende Entwicklungen. Neben Hyperfine arbeitet zum Beispiel auch Promaxo aus Kalifornien an portablen MRT-Systemen. Beide Unternehmen nutzen allerdings einen deutlich weniger radikalen KI-Ansatz als wir bei DeepSpin. Bei ihnen fungiert die KI eher als „Addon“, bei uns als integrale Systemkomponente. Hyperfine arbeitet außerdem mit einem umschlossenen Magnetfeld. Das bedeutet, dass der Patient zwischen zwei Permanentmagneten positioniert werden muss. Im Unterschied dazu arbeiten wir mit einem projizierten Magnetfeld. Unseren etwa schuhkartongroßen Messkopf kann man einfach einseitig an den Patienten heranführen. Dadurch sind Scans in flexiblen Positionen oder bei Gelenken auch unter Last möglich.
Künstliche Intelligenz ist bereits im Einsatz, um MRT-Scans zu verbessern. Wie kann sie aber zur Weiterentwicklung des MRT-Scanners genutzt werden?
Pedro Freire Silva: Bis jetzt flossen die meisten Investitionen in konventionelle MRT-Systeme mit nachträglich hinzugefügten KI-Lösungen. Diese Anwendungen ermöglichen eine verringerte Akquisitionszeit oder Diagnoseunterstützung durch Mustererkennung. Hierbei können sehr gut bereits bestehende Big Data Methoden genutzt werden. Sie bieten sich quasi als natürlicher Startpunkt an. Der größere Hebel liegt aus unserer Sicht allerdings in Systemen, in denen die KISoftware und die Hardware perfekt aufeinander abgestimmt sind – ähnlich wie bei Apples iOS und iPhone. Genau dieser Ansatz ermöglicht unsere MRT-Innovation. Wir denken die KI-Komponente von Anfang an mit.
Der Betrieb von MRT-Systemen ist normalerweise nicht nur kosten-, sondern auch ressourcenintensiv, da hierzu viel Energie und der begrenzt verfügbare Rohstoff Helium benötigt werden. Wie umweltschonend ist Ihr Verfahren?
Clemens Tepel: Richtig, konventionelle MRT-Scanner nutzen tonnenschwere, supraleitende Magneten mit sehr hohem Energiebedarf und speziellen Helium-Kühlsystemen. Unsere Technologie hingegen ist deutlich umweltfreundlicher. Wir haben einen zehnfach geringeren Strombedarf und benötigen weder Starkstrom noch spezielle Kühlmittel wie Helium. Nicht zuletzt aufgrund dieser zwei Faktoren eignet sich unser System auch sehr gut für Anwendungsorte mit geringeren Infrastrukturvoraussetzungen.
Derzeit hat DeepSpin seinen Sitz in Berlin. Welche Vorteile bietet die Start-up- Hauptstadt?
Clemens Tepel: Besonders wichtig für den Erfolg als Technologie-Start-up ist es, die besten Talente für sich gewinnen zu können. Hier hilft es natürlich sehr, dass Berlin als Stadt attraktiv ist und dass außerdem global führende Forschungs- und Bildungsinstitutionen hier ihren Sitz haben. Zudem bietet die Hauptstadt eine gute Investorenlandschaft. Trotzdem blicken wir für unsere nächste Finanzierungsrunde im kommenden Jahr mehr und mehr in Richtung USA. Dort gibt es einfach mehr Investoren, die bereit sind, in einer frühen Phase in Medizintechnik zu investieren. Viele europäische und deutsche Investoren sind da gefühlt risikoscheuer. Sie fokussieren sich häufig eher auf reine Software-Startups. Laut Silicon Valley Bank wurden im Jahr 2019 in den USA über vier Milliarden US-Dollar Risikokapital in Medizintechnik investiert, in Europa dagegen weniger als eine Milliarde US-Dollar.
Welche Schritte planen Sie als nächstes und wann soll Ihr MRT-System auf den Markt kommen?
Clemens Tepel: Im kommenden Jahr wollen wir erste Prototypen im Rahmen von Kollaborationen mit Unikliniken testen. Darauffolgend sollen im Jahr 2022 erste kommerzielle Anwendungen in vorklinischen oder veterinären Anwendungsfällen erfolgen. Nach der Medizinproduktzertifizierung ist dann der Marktstart für die klinische Anwendung Ende 2023 beziehungsweise Anfang 2024 geplant.
Mehr Informationen unter: www.cdgw.de/zukunftspreis
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